> > > Meyerbeer, Giacomo: La Prophète
Freitag, 14. Dezember 2018

Meyerbeer, Giacomo - La Prophète

Prophetisches aus Essen


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser 'Prophète' ist eine wirklich mitreißende Grand Opéra mit hervorragenden Sängern unserer Zeit.

Einst war sie ein regelrechter Blockbuster: Giacomo Meyerbeers Grand-Opéra 'Le Prophète', die 1849 in Paris zu Uraufführung gelangte. Um den meistgespielten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts wurde es im 20. Jahrhundert aber deutlich ruhiger. Vereinzelt gab und gibt es Aufführungen von 'Les Huguenots' oder auch 'Robert le Diable', doch immer nur dann, wenn eine adäquate Besetzung die in jeder Hinsicht gigantischen Werke zu stemmen vermag. Und tatsächlich ist diese Aufgabe in 'Le Prophète' von besonderer Schwierigkeit, denn neben einem höhen- und stilsicheren, lyrisch grundierten und zugleich dramatischen Tenor, braucht diese Oper einen Koloratursopran, der sich auch vor dramatischen Zugriffen nicht scheut und einen ausdrucksstarken Mezzosopran, der einen Stimmumfang von mehr als zwei Oktaven zu bieten hat. Hinzu kommen freilich zahllose Nebenrollen, Chormassen und Balletteinschübe.

Wer soll diese Partien heute singen? Welche Bühne kann diese Anforderungen erfüllen? Man sollte meinen, nur die wirklich großen Opernhäuser dieser Welt, die sich entsprechende Stars leisten und mit üppigem Aufwand beeindrucken können. Doch noch bevor die Deutsche Oper Berlin mit 'Le Prophète' vor kurzem ihren beachtlichen Meyerbeer-Zyklus vollendet hat, hat das Aalto-Musiktheater Essen bewiesen, dass großer Meyerbeer auch abseits von Berlin, Wien, London und New York möglich ist – und zwar mit einem rundum gelungenen 'Prophète'. Bis heute gab es gerade mal zwei greifbare Aufnahmen des 'Prophète': eine Rundfunkeinspielung mit Nicolai Gedda und eine Studioproduktion mit James McCracken, beide Male mit der grandiosen Marilyn Horne als Fidès und beide aus den 1970er-Jahren – eine deutschsprachige Berliner Produktion von 1966 unter Heinrich Hollreiser ist vergriffen. Das zeigt, wie schwierig die Oper zu besetzen ist, und sagt auch etwas über die veränderte Popularität und das damit verbundene finanzielle Risiko einer CD-Produktion aus.

Das Label Oehms ist dieses Risiko jetzt dankenswerterweise eingegangen und hat den Essener 'Prophète' vom April und Mai 2017 auf drei randvollen CDs in lebendigem Liveklang herausgebracht. Giuliano Carella entfacht am Pult der Essener Philharmoniker ein wahres Feuerwerk. Leidenschaftlich betont er die verschlungenen Melodiepfade, wühlt auf und lässt sich dennoch Zeit, die zahlreichen Soloinstrumentenpassagen in ihrer scheinbaren Kargheit wirken zu lassen. Die Innenspannung der Partitur ist es, die Carella so meisterhaft zu halten versteht. Dynamisch differenziert und transparent tönt es da aus dem Graben, reißt mit und entführt den Hörer in die schonungslose Geschichte um den Wiedertäufer Jean de Leyde, der am Ende seine Feinde und seine Mutter mit Sprengstoff in den Tod reißt, nachdem sich seine Verlobte selbst erdolcht hat.

Die Theaterwirkung des 'Prophète' ist unerhört, und unerhört sind auch etliche Passagen der hier zum ersten Mal verwendeten kritischen Neuausgabe der Partitur. Neben Berthes Auftrittsarie und Jeans Solo am Ende des dritten Aktes, erklingen viele Nummern und Übergänge zum ersten Mal und gerade in Berthes Selbstmordszene zeigt sich der hoch moderne Meyerbeer durch die erstmalige Verwendung eines Saxophons. Die Szene wurde vor der Uraufführung wieder gestrichen und so musste das Saxophon als Operninstrument noch ein paar Jahrzehnte warten.

Der 'Prophète' steht und fällt mit dem Tenor und der Mezzosopranistin. Für beide Partien wurden in Essen Weltstars verpflichtet, die ihren Aufgaben mehr als gewachsen sind. John Osborn darf heutzutage als Idealbesetzung der höllischen Partie des Jean de Leyde gelten. Seine Höhe scheint keine Grenzen zu kennen. Sein Rossini geschulter Tenor meistert die Läufe und Sprünge mit Bravour und vor allem mit einschmeichelnder Eleganz. Gleichzeitig kann Osborn dramatisch zupacken und ein glaubhaftes Rollenporträt entstehen lassen. Die Verve, mit der er Spitzentöne herausschleudert ist atemberaubend, die Innigkeit und Tragik des nah am Wahn rangierenden Sohnes und Prophetenkönigs schlicht ergreifend.

Auch Marianne Cornetti singt eine anrührende und fraglos stupende Fidès. Die Mezzosopranistin verfügt ebenso über eine orgelnde Tiefe wie über eine kraftvolle Höhe. Die Fiorituren und effektvollen Töne außerhalb des Erwarteten integriert sie so selbstverständlich in den Stimmfluss, dass diese Vokalartistik nie zum Selbstzweck wird. Bei langen Tönen im oberen Register bricht sich immer wieder ein unkontrolliertes Vibrato Bahn, das vielleicht stören könnte, wäre es nicht in die Emotionalität der Figur so meisterhaft integriert. Ja, Marilyn Horne mag als Fidès noch immer eine unerreichte Klasse für sich sein, aber Marianne Cornetti kommt in vielen Punkten nahe dran.

Als Berthe ist Lynette Tapia zu erleben. Sie verzaubert mit ihren schwebenden Piani und einer geläufigen Gurgel, die – wie ihre Kollegen – keine Schwierigkeiten mit Meyerbeers irrwitziger Komposition hat. So manche Passagen klingen bei Tapia aber schnell spitz und soubrettig, fast zu leichtgewichtig für die Berthe, deren Dramatik mit fortschreitender Handlung elementar wird. Da bleiben durchaus Wünsche offen, auch wenn es erstaunlich ist, zu welcher Kraftdemonstration Lynette Tapia im großen Duett des vierten Aktes mit Fidès dann doch fähig ist – eine Ausdrucksstärke die ihr im finalen Trio dann leider wieder ein wenig verloren geht, auch wenn sie die ätherischen Höhenflüge zum Niederknien gestaltet.

Unter den vielen Nebenrollen seien noch der brutal schmierige Graf von Oberthal von Karel Martin Ludvik und der profunde Bass von Tijl Faveyts als Zacharie erwähnt, sowie die souveränen Leistungen von Albrecht Kludszuweit als Jonas und Pierre Doyen als Mathisen. Die exponierten Chorpassagen sind bei Opernchor, Extrachor und Kinderchor des Aalto-Musiktheaters in bestens präparierten und höchst engagiert auftretenden Händen.

Dieser ‚Prophète‘ ist wirklich mitreißende Grand Opéra mit hervorragenden Sängern unserer Zeit. Da von diesem Werk ohnehin so gut wie keine Aufnahmen den Markt zu überschwemmen drohen, verbietet sich ein Stehenlassen im CD-Handel von alleine.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Meyerbeer, Giacomo: La Prophète

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
3
09.02.2018
EAN:

4260034869714


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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