> > > The Bach Circle: Orgelwerke von Kittel, Krebs, Vogler, Walther u.a.
Freitag, 25. Mai 2018

The Bach Circle - Orgelwerke von Kittel, Krebs, Vogler, Walther u.a.

Bach und sein Kreis


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Silbermann-Orgel jenseits der Alpen, das ist schon etwas Besonderes. Auf dem nachgebauten, gut klingenden Instrument und mit Werken von Komponisten aus dem Schülerkreis um J. S. Bach weiß der ausübende Künstler Emanuele Cardi zu überzeugen.

Das Instrument, das für diese Aufnahme (Brilliant classics) mit Orgelwerken von Komponisten aus dem Schülerkreis Johann Sebastian Bachs herangezogen wurde, steht in der 1635 erbauten Chiesa di San Martino, der kleinen Dorfkirche der bis Ende 2015 eigenständigen Südtiroler Gemeinde Cimego (heute mit zwei weiteren Orten vereint zu Borgo chiese). Diese Kirche erhielt 2014 oberhalb des Eingangs eine neue Orgel und hierbei ungewöhnlicherweise eine neuzeitliche Kopie eines Instruments von Gottfried Silbermann, des wohl bedeutendsten mitteldeutschen Orgelbauers der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Veroneser Orgelbauer und Orgelrestaurator Giorgio Carli hat für das Instrument in Cimego die Maße sämtlicher Pfeifen der aus dem Jahr 1741 erhaltenen zweimanualigen Silbermann-Orgel in Großhartmanndorf genauestens vermessen und deren erhaltener Disposition (19 Stimmen in Hauptwerk, Positiv und Pedal) noch ein weiteres Pedalregister, einen 16‘ Posaunenbass hinzugefügt, wofür er eine Kopie selbigen Registers aus der Silbermann-Orgel in Helbigsdorf aus dem Jahr 1728 angefertigte.

Farbige Registerwahl

Emanuele Cardi, der Interpret dieser Einspielung, für die man den wenig aussagekräftigen Titel 'The Bach Circle' gewählt hat, vermag dem Instrument, ganz den mitteldeutschen Klangvorstellungen der damaligen Zeit entsprechend, durch eine meist sehr geschickte Registrierung aparte Klangfarbenmischungen zu entlocken, die die ausgewählten Werke von Johann Christian Kittel, Johann Ludwig Krebs, Johann Caspar Vogler, Johann Gottfried Walther, Carl Philipp Emanuel Bach und auch Johann Sebastian Bach selbst in einem reizvollen Licht präsentiert. Neben freien Formen von Präludium und Fuge, Toccata, Fantasie und Sonate handelt es sich dabei auch um einige Choralbearbeitungen. Doch nicht nur klanglich durch die Wahl des Instruments weiß diese Aufnahme zu überzeugen, auch die gestalterische Herangehensweise Emanuele Cardis weist den Interpreten als einen Künstler aus, der etwa der »Fantasia con organo pleno« von Johann Christian Kittel, eines erst spät (1748) zu Bach gestoßenen Schülers, ein kontrastscharfes Profil zu verleihen und hier angesichts Kittels Ambivalenz von barockem Nachklang auf der einen Seite und dem Einfluss frühklassischer Empfindung auf der anderen die rechte Balance zu wahren versteht. Melodisch sprechend und klanglich ansprechend geht er an Kittels Choralvorspiel 'So gehst du nun, mein Jesu, hin' heran, die Satzstruktur von Kittels Präludium e-Moll weiß er sehr transparent zu halten und artikulatorisch lebendig auszuformulieren, und in einem weiteren von Kittels Präludien ‚pro organo pleno‘ überrascht Cardi mit einer außerordentlich farbigen Registerwahl und einem kräftigen Bassfundament.

In einer Aufnahme, die den Bachschülern gewidmet ist, darf Johann Ludwig Krebs, der mit seinen Kompositionen dem Bachschen Stil in aller Regel am nächsten gekommen war, natürlich nicht fehlen. Ausgewählt hat Cardi dessen Choralfantasie über 'Freu dich sehr, o meine Seele', wobei er Krebs‘ voller Ornamentierungen ausgezierten Cantus firmus in den Fokus rückt. Das Vorbild Bach wird nicht nur hier, sondern auch in Krebs‘ Toccata und Fuge a-Moll deutlich, die Emanuele Cardi im Falle der Toccata einem bezwingend vorwärtsdrängenden musikalischen Fluss unterwirft und hier mit seiner Registerwahl eine klanglich ausgewogene Durchsichtigkeit erzielt und auch die Fuge durch seine artikulatorische Konturierung durchhörbar hält.

Subtile Klanglichkeit

Sehr ansprechend versteht Cardi das Choralwerk Johann Caspar Voglers über 'Mach’s mit mir, Gott, nach deiner Güt' in eine lebendige Form zu bringen, wobei sich der vorausgeschickte Choralsatz mit seinen Zwischenspielen an den Arnstädter Gemeindechorälen des jungen Bach orientiert, womit dieser seinerzeit bei den Kirchenoberen so sehr angeeckt war. Doch Vogler war nun einmal schon in Arnstadt ein Bachschüler gewesen, bevor er 1710 dann weiter in Weimar bei Bach in die Lehre ging. Die nachfolgende weiträumig gehaltene Choralbearbeitung mit ihrem feinsinnig ausgezierten Cantus firmus erhält in der Herangehensweise des Interpreten ein subtiles klangliches Gepräge. Mit anspringender Plastizität versteht Emanuele Cardi die charakteristische Struktur mit Tutti und eingelassenen Soli im 'Concerto del Sigr. Meck' (nach Vivaldi) nachzustellen, das Johann Gottfried Walther, mit dem Bach in Weimar einige Zeit zusammenarbeitete, wie manch andere Concerti italienischer Provenienz auf die Orgel übertragen hat. Vom Bachsohn Carl Philipp Emanuel, der selbstredend vom Vater unterrichtet worden war, hat Cardi dessen Fantasie und Fuge c-Moll und darüber hinaus die Orgelsonate a-Moll gewählt. In dem ersteren Satzpaar geht er mit der Fantasie und ihren überraschenden Momenten und Wendungen sehr beweglich, biegsam und ungezwungen um. Die Fuge vermag er trotz der dichten Klanggebung erstaunlich durchhörbar zu halten. Sehr reizvoll wählt er die Klangfarben in der a-Moll-Sonate, wobei Carl Philipp Emanuels kompositorische Gestaltungskraft in Cardis künstlerischer Entscheidung für ein eher etwas zurückhaltendes Moment und eines Nicht-Zuviel an Kontrasthaftigkeit dennoch gut zur Geltung kommt. Schmiegsam und voller Empfindungsreichtum bringt er den Mittelsatz zum Klingen, lebendig und mit Spannkraft richtet er die verschiedenen Ausdrucksebenen des Finalsatzes unter einen Bogen aus.

Zum Beschluss der Einspielung ist ein Bachsches Werk platziert worden, dessen Urheberschaft noch immer nicht ganz geklärt ist: Toccata und Fuge d-Moll BWV 565. Ungeachtet dieser Tatsache verleiht Cardi der Toccata eine fantastische Zugkraft, wobei er sich die Freiheit nimmt, bisweilen agogisch ausdrucksstark aus dem Metrum auszubrechen. In der Fuge findet er wieder Maß und Mitte und entwirft dabei klanglich aparte Echowirkungen, bevor er die Fuge in deren Schlussanhang in fantasievoller Freiheit ausklingen lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    The Bach Circle: Orgelwerke von Kittel, Krebs, Vogler, Walther u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
02.03.2018
EAN:

5028421956497


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