> > > Karg-Elert, Sigfrid: Opern von Richard Wagner bearf. für Harmonium und Klavier
Mittwoch, 21. August 2019

Karg-Elert, Sigfrid - Opern von Richard Wagner bearf. für Harmonium und Klavier

Wagners Opern in neuem Gewand


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jan Henning (Kunstharmonium) und Ernst Breidenbach (Klavier) füllen das wagnerische Oeuvre mit neuem und beeindruckendem Klang. Obgleich Karg-Elerts Bearbeitungen manchmal ungewohnt sind, gelingt beiden Künstlern eine beachtliche Interpretation.

Der Komponist, Musiktheoretiker, Arrangeur und Harmoniumspieler Sigfrid Karg-Elert (1877–1933) soll sich selbst als Exzentriker bezeichnet haben, und seine Bearbeitungen der Wagner’schen Opern für Klavier und Kunstharmonium stehen tatsächlich nicht im Zentrum der traditionellen Wagner-Rezeption. Karg-Elert machte von seinem künstlerisch freien Recht Gebrauch und schreckte weder vor neu komponierten Schlüssen zurück, noch lässt er eine einheitliche Klangkonzeption im Verhältnis der beiden Instrumente erkennen. Die Gesangs- und Bläserstimmen findet man zwar meistens im Harmonium wieder, und das Klavier ist größtenteils für die ursprünglichen Streicher- und Schlaginstrumente zuständig, aber bei einigen Transkriptionen wird eher eine individuelle Adaptierung angestrebt. Karg-Elert scheint nicht den Anspruch erhoben zu haben, die Orchesterkonzeption Wagners im Duo Klavier und Kunstharmonium möglichst detailgetreu imitieren zu wollen, sondern sah seinen Verdienst vielmehr darin, Wagners Œuvre neue Klangaspekte im Hinblick auf das Harmonium zu entlocken.

Diese Bearbeitungsästhetik als Ausgangsbasis wird von Jan Hennig (Kunstharmonium) und Ernst Breidenbach (Klavier) jedoch imposant aufgenommen und vielversprechend in die Tat umgesetzt. Klanglich wird dem Hörer eine eingespielte Homogenität präsentiert und das Vermögen des Klaviers als Hammer- bzw. Schlaginstrument wird gekonnt mit der andersartigen Klangerzeugung (mittels durchschlagender Zungen) am Harmonium gepaart. Wenngleich die Bearbeitungen manchmal den Eindruck erwecken können, Wagners Opern würden auf einem ‚Schifferklavier‘ inszeniert, sind die beiden Künstler auf facettenreiche Klangaspekte konzentriert. Zudem kann die Einspielung insgesamt durch gute Klangqualität punkten. Vor allem das Vorspiel zu 'Lohengrin' wirkt auf dem Kunstharmonium sehr mystisch und gelungen, das Klavier setzt sehr feine und liebliche Verzierungen darüber. Spätestens beim Trauermarsch aus der 'Götterdämmerung' sehnt man sich aber dann doch nach der Strahlkraft des vollen Bläser- und Orchesterklangs, an die das Harmonium einfach nicht nahe genug herankommt.

Zweifelsohne wird von Ernst Breidenbach am Klavier technische Virtuosität offenbart und speziell im sogenannten Spinnerlied aus 'Der fliegende Holländer' oder in Siegmunds Liebeslied aus 'Die Walküre' zeigt der Pianist, dass er durchaus anspruchsvolle Läufe zugleich vital und unangestrengt musizieren kann. Am Kunstharmonium ist die Herangehensweise rein technisch klarerweise eine etwas andere, aber Jan Henning lässt den Hörer über seine gekonnten Fertigkeiten auf dem Modeinstrument der Jahrhundertwende staunen. Dynamisch schöpft das Duo eine sehr breite Palette aus und sowohl im Vorspiel zu 'Lohengrin' als auch in 'Siegfrieds Tod' und dem Trauermarsch aus der 'Götterdämmerung' wird eine erstaunliche Steigerung vom Pianissimo ins Fortissimo erreicht, die eine kraftvolle Intensität und Expressivität versprüht. Breidenbach und Hennig wirken generell sehr gut aufeinander ab- und eingestimmt und ziehen den Hörer primär durch feine und ausgereifte Musikalität in ihren Bann.

Auch mit einer schwärmenden Vorliebe für das Kunstharmonium bleiben Sigfrid Karg-Elerts Bearbeitungen für Klavier und Harmonium eher exotische Transkriptionen des Wagner’schen Œuvres, die aber durch eine gewisse Ambivalenz faszinieren: Sie eröffnen einerseits neue Klang- und Interpretationswelten und hinterlassen andererseits ein befremdliches ästhetisches Zweifelgefühl. Jan Hennig und Ernst Breidenbach verstehen es allerdings, dem Hörer das neue Klanggewand imponierend und geistreich näherzubringen und im Changieren zwischen musikalischer Raffinesse und neuer Klanglichkeit hat diese Einspielung deshalb definitiv einiges zu bieten.


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    Karg-Elert, Sigfrid: Opern von Richard Wagner bearf. für Harmonium und Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
1
03.07.2015
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
7619990103351
PC 10335


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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