> > > Tippett, Michael: Sinfonien Nr. 1 & 2
Samstag, 6. Juni 2020

Tippett, Michael - Sinfonien Nr. 1 & 2

Tippetts weiter Weg zur Symphonie


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Tippetts Ruhm als Komponist kam langsam, aber umso nachhaltiger. Vorliegende Interpretation der ersten beiden Symphonien lässt den Hörer diese Entwicklung nachvollziehen.

Ein Wunderkind war er nicht, eher ein Spätstarter: 34 Jahre alt war Michael Tippett bereits, als ihm mit dem Konzert für doppeltes Streichorchester im Jahr 1939 der erste nennenswerte Erfolg als Komponist gelang. Fünf Jahre später folgte dann der internationale Durchbruch mit dem Oratorium 'A Child of Our Time', noch heute eines seiner bekanntesten Werke. Direkt im Anschluss wagte sich Tippett 1944 an die Gattung, vor der er gehörigen Respekt hatte und für die sein erklärtes Vorbild Beethoven wie kein zweiter Tondichter steht: die Symphonie.

Tippetts symphonischer Erstling, im November 1945 unter der Leitung von Malcolm Sargent uraufgeführt, orientiert sich äußerlich an der traditionellen Viersätzigkeit mit einem Scherzo an dritter Stelle – doch die Tonsprache hat kaum noch etwas mit den neoklassizistisch angehauchten früheren Werken zu tun. Vorherrschend ist nun ein herber, linearer Stil mit bis ins Feinste ausgearbeiteter Kontrapunktik, der hier und da ein wenig an Hindemith erinnert. Volle elf Jahre vergingen, bis sich der Komponist erneut mit der Gattung auseinandersetzte, die im Februar 1958 (diesmal unter Adrian Boult) uraufgeführte Zweite Symphonie setzt wiederum andere Akzente: Der stark geschärfte Klang und die zu äußerster Raffinesse gesteigerte Instrumentation erinnern den Hörer bisweilen an Strawinsky, ohne jedoch die Grenzen der Tonalität komplett zu sprengen. Martyn Brabbins, der auf dieser CD beide Werke mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra eingespielt hat, hatte sich bereits mit einer Einspielung des Klavierkonzertes für den Komponisten engagiert.

Mit einer Ausdehnung von knapp 40 Minuten verlangt die Erste viel vom Hörer, unmittelbar zugänglich ist keiner der vier Sätze. Von den rhythmisch akzentuierten Fanfaren zu Beginn des Kopfsatzes über das düster-verhaltene 'Adagio', vom rasanten Schwung des Scherzos bis hin zum beinahe aggressiv-pointierten Finale gelingt Brabbins eine abwechslungsreiche und spannende Interpretation des Werkes, die jedoch dessen eigentliche Schwächen nur bedingt kompensieren kann: Vieles ist Tippett hier zu lange, zu umständlich geraten. So manche kontrapunktische Konstellation wirkt kunstvoll, aber auch etwas gewollt und scheint eher für ein Kompositions-Examen als für ein Publikum erdacht worden zu sein. Ergebnis ist eine Musik, die oft schwitzt, aber nur selten glänzt – daran kann die beste Interpretation nur wenig ändern. Den schottischen Musikern kann man aus den Mängeln der Symphonie keinen Vorwurf machen, alle Gruppen des Orchesters sind mit höchster Präzision bei der Sache und zeigen sich insbesondere im dritten Satz, einem vertrackt zu spielenden 'Presto'-Scherzo, von ihrer virtuosen Seite. Auch der klangliche Eindruck ist gut (wenn auch nicht herausragend), Tippetts eigenwillige und manchmal überladen wirkende Kombinationen bleiben so durchhörbar, wie es Brabbins eben möglich ist.

Einen gewaltigen Schritt in Richtung symphonischer Meisterschaft bedeutet dagegen die Zweite Symphonie, die (anders als ihr Schwesterwerk) unbestritten zu den herausragenden Symphonien nach 1945 gerechnet werden darf. Klangliche und instrumentatorische Probleme hatte Tippett hier nicht mehr, alle vier Sätze wirken überzeugend und inspiriert; interpretatorisch ragt hier ebenfalls wieder das Scherzo heraus, wo Brabbins die zunächst vereinzelt auftretenden Klanggruppen des Orchesters schließlich zu einem effektvollen Ganzen zusammenführt. Speziell die schottischen Holzbläser haben sich in diesem dritten Satz Bestnoten verdient. Auch die Zweite Symphonie wirkt beim ersten Hören möglicherweise etwas spröde und ist weit von der klanglichen Üppigkeit beispielsweise eines Richard Strauss entfernt, doch je genauer man hinhört, desto deutlicher offenbart sich hier Tippetts kompositorische Raffinesse. Brabbins und den Musikern des BBC Scottish Symphony Orchestra gebührt das Verdienst, hier ein zwar nicht völlig vergessenes, aber doch ein Schattendasein führendes Meisterwerk ins Rampenlicht gerückt zu haben.

Angesichts des insgesamt sehr positiven Eindrucks (der auch durch das Beiheft unterstrichen wird) kann ich diese CD jedem Musikfreund empfehlen, der die maßvolle Moderne des 20. Jahrhunderts schätzt. Jedermanns Geschmacks ist Tippett sicherlich nicht, dafür ist seine Tonsprache zu kantig und zu querständig zu gängigen Hörerwartungen. Aber gerade dies macht auch seine bleibende Bedeutung als Komponist aus, durchaus auf Augenhöhe mit seinem – unbestritten viel berühmteren – Landsmann Benjamin Britten. Brabbins und das schottische Orchester werden sich wahrscheinlich in nicht zu ferner Zukunft auch den Symphonien Nr. 3 und 4 widmen, wobei man auf die Einspielung der Dritten besonders gespannt sein darf, wurde sie doch von MGG-Herausgeber Ludwig Finscher als ‚eine der großen Symphonien des Jahrhunderts‘ bezeichnet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tippett, Michael: Sinfonien Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
08.01.2018
Medium:
EAN:

CD
034571282039


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

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The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

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