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Freitag, 7. August 2020

Mozart, Wolfgang Amadeus - Requiem

Mozart anders


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Arthur Schoonderwoerd lotet alles aus, das macht seine Produktionen immer interessant. Auch wenn, wie hier beim Requiem, nicht alle Überlegungen komplett aufgehen. Der pure Genuss dieser Musik bleibt bei aller hörbaren Klasse der Beteiligten zwiespältig.

Was immer in der Musikgeschichte nicht endgültig kodifiziert ist – sei es, weil der Tod dem Komponisten die Feder aus der Hand nahm oder mehrere gleichermaßen gültige oder zumindest plausible Versionen eines Werks existieren –, lädt zu nachholender Vervollkommnung oder Verschlimmbesserung ein – je nach Perspektive. Eine zweite Dimension des Varianten tritt hinzu, wenn Werke mit den Prinzipien und Mitteln historisch informierten Musizierens befragt werden. Je mehr Spielräume in beiderlei Hinsicht bestehen, desto größer die Bandbreite möglicher Ergebnisse. Allerdings sind frische, gedanklich explorative Ansätze gerade bei solchen Werken willkommen, die im Laufe der Rezeptionsgeschichte bis zur Unkenntlichkeit kanonisiert scheinen. Und es doch kaum sind, weil die oben angesprochenen Variablen tatsächlich groß sind und nur aufgrund früherer Entscheidungen monolithisch scheinen. Das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart ist so ein Werk: Künstlerisch gewaltig, populär, an mancher Ecke und vielen Kanten aber auch entfernt von tatsächlicher Authentizität. Mit Süssmayrs Beitrag haben sich die meisten abgefunden oder gar angefreundet. Doch gibt es mehr Leerstellen. Und wenn man fragt: Wie ist das denn tatsächlich aufgeführt worden, dann kann die Antwort nicht allgemeingültig ausfallen, weshalb Entscheidungen zu treffen und frische Ansätze willkommen sind.

Der Pianist und Ensembleleiter Arthur Schoonderwoerd ist gerade bei Mozart ein erfahrener und sattelfester Erneuerer, mit viel frischem Wind für Instrumentalwerke. Hier beim Requiem, das er mit seinem Ensemble Cristofori und dem Gesualdo Consort Amsterdam aufführt, ist es eine Anzahl von Grundentscheidungen: Der Chor besteht aus acht Sängerinnen und Sängern, die in zwei Quartetten auch die solistischen Aufgaben lösen. Die Instrumente sind solistisch besetzt – es klingt also faktisch nur ein Streichquintett in Interaktion mit den Bläsern. Es sind Ergänzungen verschiedener Hände zu hören: Neben Süssmayr auch von Eybler, Freystädter, Stadler, Seyfried und Schoonderwoerd selbst, was zu Zeiten plausibel ist und auch so klingt, aber auch Schwächen offenbart. Nicht in jedem Zeitgenossen oder Nachfolger steckte eben Mozart: Wen wollte das überraschen? Schließlich ist noch eine wesentliche Veränderung zu verzeichnen: Schoonderwoerd hat das Requiem um gregorianische Anteile ergänzt, die in der Aufführungstradition des Stücks als Konzertmusik keine Rolle spielen, in seiner Auffassung als gottesdienstliche Musik aber zentral sind.

Interessanter Weg mit gemischten Resultaten

Beginnen wir mit einem Blick auf diesen Zelebranten: Den Part singt mit Frédéric Tavernier-Vellas ein Bariton, der einer Prägung und Tradition stammt, die im Ergebnis seltsam quer zu Mozarts Idiom steht. Tavernier-Vellas reüssiert seit langem im Umfeld von Marcel Pérès und seinem Ensemble Organum, dazu im Verband CIRMA. Zweifellos ein Experte auf dem Feld lateinischer Liturgie, doch geprägt von byzantinischen Traditionen und auch praktisch mit entsprechendem Ansatz. Kann das ein Zelebrant der Mozart-Zeit sein, ist das der Klangeindruck, den man sich plausibel bei einer zeitgenössischen Aufführung des Requiems vorzustellen hat? Deutliche Zweifel sind angebracht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Rezensent schätzt das Ensemble Organum und die theoretischen wie praktischen Erörterungen dieser Musiker. Aber hier bleibt das schon im Ansatz ein merkwürdiger Fremdkörper.

Das Gesualdo Consort Amsterdam ist eine gleichfalls eindrucksvolle Formation. Und wer sie je mit Sweelinck oder Gesualdo gehört hat, wird das nicht ernsthaft bestreiten können. Hier ist der Befund gemischter. Noch immer ist es ein Ensemble von hoher Qualität. Doch geht das Prinzip des mit je zwei Stimmen besetzten Registers nicht immer auf: Im Tenor fremdeln die Stimmen von Charles Daniels und Harry van Berne hörbar. In manch dynamisch kräftigerer Wendung zollen auch andere Register dem Prinzip Tribut. Chorische Wirkungen sind aber gleichzeitig auch zart und behände, geradezu eloquent und von unerhörter Agilität. Plastisch und luzide ist das Bild im Ergebnis ohnehin. Grundsätzlich sehr überzeugend funktionieren die beiden kleinen Ensembles, denen Schoonderwoerd die solistischen Abschnitte überantwortet: Einmal singen Lucy Chartin, Marian Dijkhuizen, Charles Daniels und Harry van der Kamp zusammen, in der anderen Konstellation Marijke van der Harst, Chantal Nijsingh, Harry van Berne und Jelle Draijer.

Im Orchester ist natur- und besetzungsgemäß viel delikates, kleinteiliges, ungemein lebendiges Spiel zu hören, weshalb zarte Sätze wie das 'Lacrymosa' sehr überzeugend geraten. Das ist einer der tatsächlich beeindruckenden Aspekte der Aufnahme. In anderen Sätzen schlägt ein Problem zu Buche, das sich kaum vermeiden lässt: Die nie wirklich gelungen realisierte Balance. Bei allem Engagement der hervorragenden, aber bedauernswerten Streicher: Im Kontext mit unbedingt geschmackvoll artikulierenden und keinesfalls übermäßig prunkenden Bläsern sind sie vor allem in dynamisch gesteigerter Geste bis zur Unhörbarkeit benachteiligt. In durchbrochenem Satz klingt der Streicheranteil kammermusikalisch, während die dann nochmals verhaltener spielenden Bläser noch immer kammerorchestrale Effekte erreichen. Ein Problem, das ungelöst bleibt, an dem aber die technische Realisierung schuldlos ist: Das Bild ist vielmehr höchst angenehm, von passender Größe, organisiert in stupender Ordnung und Klarheit. Wenn also die Streicher zu sehr zurücktreten, ist das konzeptionell bedingt, nicht technisch.

Das Ergebnis bleibt unentschieden: Arthur Schoonderwoerd lotet alles aus, das macht seine Produktionen immer interessant. Auch wenn, wie hier beim Requiem, nicht alle Überlegungen komplett aufgehen. Zur Auseinandersetzung, zum Nachdenken regt das Ergebnis in jedem Fall an. Der pure Genuss dieser Musik bleibt bei aller hörbaren interpretatorischen Klasse der Beteiligten zwiespältig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Requiem

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
08.01.2018
Medium:
EAN:

CD
4015023243385


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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