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Donnerstag, 13. Dezember 2018

Beethoven, Ludwig van - Sämtliche frühen Variationswerke

Individuelle Klangfarben


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Alessandro Commellato präsentiert die heute kaum mehr bekannten Variationswerke, mit denen Beethovens Pianisten- und Komponistenkarriere begann: Das Kennenlernen lohnt sich.

Den zwischen 1782 und 1800 entstandenen, größtenteils kaum bekannten Klaviervariationen ohne Opuszahl von Beethoven tut es – vielleicht mehr noch als den Klaviersonaten – besonders gut, wenn neben den kompositorisch-spieltechnischen Variantenbildungen auch die variablere Klanglichkeit verschiedener historischer Instrumente als Gestaltungsmerkmal hinzutritt. Alessandro Commellato nutzt auf den drei CDs dieser Edition gleich fünf verschiedene in Wien verbreitete Instrumente: einen sehr gut restaurierten Böhm-Flügel von 1823 (schon eine Art aktualisierende Rezeption also) sowie vier eher dem Kompositionszeitraum entsprechende Instrumente von Stein (1788) und Walter (1789, 1892, 1805) in Nachbauten von Guido Bizzi.

Tatsächlich ist die damit erzielte klangliche Varianz als Interpretationsmittel, das der Pianist bedächtig nutzt, der große Pluspunkt dieser Aufnahme: Während eine denkbare Darstellung der ganz frühen Bonner Werke alternativ auf einem noch gebräuchlichen Cembalo zwar noch meines Wissens fehlt, rückt mit den hier verwendeten Instrumenten der ‚Materialstand‘ Beethovens vielleicht noch etwas präziser in den Vordergrund als bei der Konkurrenz; bei Ronald Brautigam etwa tragen die McNulty-Kopien von deutlich nach 1800 gebauten Flügeln zwar durch größere Klangfülle zu seinem deutlichen, virtuoser ausgerichteten Ansatz bei, aber mitunter auch in den Variationen (Gesamtaufnahme-Folgen 11-14 beim Label BIS) zu einer etwas monochromen Perspektive. Im füllligeren, an die Lesarten auf dem modernen Flügel deutlicher anknüpfenden Ansatz beeindruckt Brautigams Spiel sicher unmittelbar mehr, aber Commelato überzeugt in etwas distanzierterer, auch ziemlich einfühlsamer Darstellungsweise durch schöne Zwischentöne, Farben, überlegtes rhetorisches Spiel. Beide Aufnahmen würde ich heute etwa den älteren Einspielungen von John Ogdon (EMI, kräftiger noch als Brautigam) oder Rudolf Buchbinder (Teldec, gleichwohl mit schön entspannter lyrischer Phrasierung) zumeist vorziehen.

Ein Interpretationsvergleich ist tatsächlich etwas für Spezialisten: Dass Commelato bei den von Starpianisten wie Gilels, Richter, Mustonen wirklich oft erschlagend gebotenen spätereren WoOs 78 bis 80 trotz tapferer Attacken letztlich doch abfällt (auch gegenüber Melvyn Tan als Hammerklavier-Pionier), macht die Entscheidung, das Programm mit den bekanntesten späten Werken über das Folia-ähnliche c-Moll-Ostinato (WoO 80, 1806) und die beiden britischen National-Hymnen ('Rule Britannia', 'God save') zu beginnen, etwas fragwürdig (die ältesten Bonner Variationen über einen Marsch von Dressler sind zwar auch spannend in ihrer finalen Auflösung der Thematik, aber als Ausklang des Gesamtprogramms nicht optimal platziert). Und natürlich muss man erschrecken und Einwände haben, wenn man den völlig unzureichenden Versuch der Sopranistin Sonja Angelina Krenn wahrnimmt, die Liedvorlage der vierhändigen Variationen WoO 74 – 'Ich denke dein' - auch nur annähernd klangschön zu gestalten.

Abzüge bei der editorischen Präsentation

Der nur in englischer Übersetzung (!) enthaltene, ursprünglich wohl italienische Einführungstext von Oreste Bossini behandelt zudem vorwiegend die ebenso bekannte wie für das Hören der Musik eigentlich weniger interessante Widmungspraxis des jungen Bonners, der anfangs eher als komponierender Virtuose in Wien reüssierte, statt auch einmal einen informativen Blick zu werfen auf die Opern-Vorlagen und lyrischen Inhalte der variierten Themen (Liedern, Arien, Ensembles) aus den Federn von Dittersdorf bis Paisiello. Beethoven setzt sich sehr wohl beim Improvisieren und Variieren auch mit dem ‚affektiven‘ Gehalt bzw. der ‚Handlung‘ seiner Vorlagen auseinander (was mitunter durchaus eine Anzüglichkeit gegenüber mancher Widmungsträgerin vermuten lassen könnte; Genaueres vom Rezensenten hierzu in dessen Variationen-Kapitel des Klaviermusik-Bandes des Beethoven-Handbuchs im Laaber-Verlag). Ist die editorische Präsentation somit höchstens im oberen Mittelfeld anzusiedeln (für Brilliant Classics Produktionen sogar recht positiv), so überwiegt doch eine musikalische Empfehlung, Commelatos Sorgfalt der Instrumenten-Nutzung und spielerische Fantasie bei der klanglichen Darstellung doch einmal alternativ zur Konkurrenz zu goutieren.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Sämtliche frühen Variationswerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
3
12.01.2018
EAN:

5028421954257


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