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Dienstag, 17. September 2019

Carissimi, Giacomo - Prophetische Oratorien

Am Puls der Zeit


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Giacomo Carissimi gehört zu jenen Komponisten an der Schranke zwischen der Alten und der Neueren Musikgeschichte. Das macht es nicht einfach, sich ihm aufführungspraktisch zu nähern. Weser-Renaissance Bremen zeigt bei cpo, wie es möglich sein kann.

Das Hörerleben eines Rezensenten ist, auch wenn dies immer wieder mit viel Rhetorik weggeleugnet wird, ein Individuelles. Deshalb sei mit einer Anekdote begonnen, die aber auf einen Vorzug der vorliegenden Platte aus dem Hause cpo hinweist: Man stand noch recht am Anfang des Musikwissenschaftsstudiums und glaubte von sich, ohnehin des Wesentliche zu kennen. Wesentliches soll heißen: alles, was nach 1600 oder vielleicht besser noch ein bisschen später komponiert worden war. Das, was man als Alte Musik bezeichnet, schien langweilig. Dies bestätigte dann eine Übung zur Geschichte des Oratoriums. Hier erklang im Rahmen des ersten Referats Carissimis 'Historia di Jephte' in einer sehr puristischen Aufnahme, die dem Referenten aber schrecklich genehm war und von der heute noch weniger zu halten ist als damals, da sie Musik, die als blutvoll zu bezeichnen ist, blutleer daher kommen lässt. Die Erzählung von Jephta ist doch schließlich eine ungeheuer aufregende Angelegenheit, die verschiedene Diskurse spiegelt und neue aufwirft.

Vom Anekdotischen zum Musikgeschichtlichen

Ein Teil der anekdotischen Enttäuschung rührt auch letztlich daher, dass die Vorstellung, die man sich vom Oratorium gemacht hatte, verzerrt war. Oratorium bezeichnet schließlich ursprünglich gar kein Gesangsstück, sondern ein Gebetshaus. Nach und nach ging die Bezeichnung von der Architektur auf das, was in ihr gemacht wurde, über. Dramatik, wie sie den Oratorien eines Georg Friedrich Händel beispielsweise innewohnen, wäre für Carissimi nicht statthaft gewesen, wiewohl er solche Momente dennoch aufkommen lässt. Zudem schwankten diese frühen Oratorien der neueren Musikgeschichte noch viel mehr zwischen Privatheit und Öffentlichkeit als dies heute vorstellbar ist, worauf  Veronika Greuel in ihrem lesenswerten, aber für ein Booklet doch sehr ambitionierten Text auch verweist. Dies wird noch durch die Besetzungen reflektiert, die von einer Dreistimmigkeit bei der 'Historia di Iob' bis zur Achtstimmigkeit bei der 'Historia Ionae' reichen.

Vom Musikgeschichtlichen zum Gehörten

Die Dramaturgie dieser Oratorien, die je nach Kontext und Ort, für den sie entstanden sind, mal in lateinischer, mal in italienischer Sprache komponiert worden sind, sieht verschiedene Konzepte zwischen Narration und Dialog vor. Besonders eindrücklich, auch um die Vorzüge der Interpretation durch Weser-Renaissance Bremen unter Manfred Cordes herauszustellen, stellt sich die ‚nur‘ dreistimmige 'Historia di Iob' dar, die nur eine Episode zwischen den drei handelnden Personen Hiob (Mirko Ludwig), Satan (Harry van der Kamp) und Engel (Monika Mauch) präsentiert. Als Begleitung hat sich Cordes für Viola da Gamba (mit Hille Perl als Starbesetzung), Chitarrone, Harfe und Cembalo bzw. Orgelpositiv entschieden. Schlicht entzückend ist das Spiel mit dieser Besetzung, in welchem sich die Sphären der drei Figuren wiederspiegeln. Orgelpositiv für den metaphysische Bereich des Engels, Streich- und Zupfinstrument sowie Harfe für Hiob und das ‚grobe‘ Cembalo für Satan.

Das Fazit

Bei dieser Sachlage ist ein Fazit leicht zu finden: Cordes findet einen angenehmen Mittelweg zwischen musikalischem Text und interpretatorischer Freiheit auf dem neuesten Stand dessen, was man an Forschungsergebnissen zur Muszierpraxis um 1600 vorliegen hat. Gesungen und musiziert wird auf höchstem Niveau, was auch daran liegt, dass es sich bei den Sängerinnen und Sängern des Ensembles durchweg um auch solistisch Tätige handelt. Das gilt auch für die Instrumentalisten.

Eine Auseinandersetzung mit Giacomo Carissimi sei vor allem auch allen ans Herz gelegt, die ihre Freude an Claudio Monteverdi haben, auch wenn er freilich einer anderen Welt angehört. Dies führt zu einer hohen Bewertung des Repertiorwertes, der nur lateinisch/italienische Text mit englischer Übersetzung zu einem kleinen Abzug in der B-Note für das Booklet. Worauf warten, wenn es etwas Neues zum kennenlernen gibt?


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Carissimi, Giacomo: Prophetische Oratorien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
cpo
1
14.11.2017
73:50
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203748921
cpo 777 489-2


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Carissimi, Giacomo
 - Historia Ionae zu acht Stimmen, zwei Violinen und Basso continuo -
 - Historia di Job zu drei Stimmen und Basso continuo -
 - Oratorio di Daniele Profesta Prima Parte zu sechs Stimmen und Basso continuo -
 - Oratorio di Daniele Profeta Seconda Parte -
 - Historia di Ezechia zu fünf Stimmen, zwei Violinen und Basso continuo -


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Dirigent(en):Cordes, Manfred


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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