> > > Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 201 und 207a (Weltliche Kantaten Vol. 9)
Sonntag, 20. Oktober 2019

Bach, Johann Sebastian - Kantaten BWV 201 und 207a (Weltliche Kantaten Vol. 9)

Phoebus und Pan


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Masaaki Suzukis Reihe mit den weltlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs bekommt vermutlich weniger Aufmerksamkeit als die Gesamteinspielung des geistlichen Werks. Dabei sind die Kompositionen wie deren Interpretation ebenso hochklassig.

Masaaki Suzuki hat mit seiner Reihe von weltlichen Bach-Kantaten einen Meilenstein in diesem - verglichen mit den in ihrer übergroßen Mehrheit schon kaum gespielten geistlichen Schwesterwerken - nochmals entlegeneren Repertoire gesetzt. Systematisch und qualitativ. Auf der neunten Folge der Reihe sind jetzt zwei besondere Werke zu hören: Die mit über einer Dreiviertelstunde Spielzeit zu den umfangreichsten Kantaten Bachs zählende 'Geschwinde, ihr wirbelnden Winde' BWV 201 und 'Auf, schmetternde Töne der muntern Trompeten' BWV 207a. BWV 201 ist ein ausgewachsenes ‚dramma per musica‘ und strebt auch in Sachen künstlerischer Ambition nach dem Höchsten. Erzählt wird in dieser ohne bekannten Anlass komponierten Musik vom Streit zwischen Phoebus und Pan, wer in der Musik der Größere sei. Beigegeben sind dem Gott der Hirten, Herden und der Nymphen sowie dem der Künste noch Begleiter: Zu Pan gesellt sich der phrygische König Midas, Phoebus wird vom Berggott Tmolus begleitet. Als Treiber der Handlung sind noch die beiden Götter Momus und Mercurius im Spiel. Es kommt, wie es kommen muss: Auch Bachs Textdichter Picander lässt Phoebus gewinnen, Pan zurückbleiben und dem unglückseligen Midas Eselsohren wachsen.

Bach setzt diese plastische Vorlage höchst inspiriert um. Es sind wunderbare Schmuckstücke zu erleben, zum Beispiel Phoebus‘ Arie 'Mit Verlangen drück ich deine zarten Wangen', die den Bass-Arien etwa der Passionen an durchdrungener Tiefe nicht nachsteht. Dazu kontrastiert Pans gekonnt unelegant wirkende Arie 'Zu Tanze, zu Sprunge, so wackelt das Herz' oder auch die eindrückliche Alt-Arie des Mercurius 'Aufgeblasne Hitze'. All das zeigt: Bach hat sich künstlerisch nie geschont. Natürlich hat er zweckmäßig gearbeitet: Er hat konsequent eigene Arbeiten parodiert und Bewahrenswertes gesichert, sogar in großem Stil. Aber Musik, und sei es auch für den kaum mehr als einmaligen Gebrauch, unter Wert schreiben? Das wird man bei ihm nirgends finden. Auch bei Phoebus und Pan nicht.

Eine bei Bach selten zu findenden Komplett-Parodie auf eine frühere Kantate (BWV 207 'Vereinigte Zwietracht der wechselnden Saiten') ist BWV 207a. Auch hier das Motto: Was zum Antritt des Jura-Professors Gottlieb Kortte 1726 recht war, war zum Namenstag Augusts III. 1735 billig. Interessant: Schon einige der Sätze aus BWV 207 waren Parodien, etwa eine freie Bearbeitung des dritten Satzes des Ersten Brandenburgischen Konzerts. Diese Bezüge sind auf Grund der Bekanntheit einiger der Vorlagen hörend leicht nachzuvollziehen.

Bewährte Kräfte inspiriert

Vokalsolistisch wird das Geschehen von bewährten Kräften getragen. Zu hören sind die Sopranistin Joanne Lunn, der Altist Robin Blaze, die Tenöre Nicholas Phan und Katsuhiko Nakashima und die Bässe Christian Immler und Dominik Wörner. In BWV 201 sind sie paarweise zugeordnet und haben, wie schon angedeutet, wunderbare Partien zu singen – den Charakteren stimmig in die Kehlen geschrieben. Vor allem die Bässe stehen im Mittelpunkt: Christian Immlers Phoebus punktet in allererster Linie durch Klangschönheit. Dominik Wörner nutzt die dramaturgisch dankbarere Rolle des Pan mit ihren bildkräftigen und von Bach kongenial in Musik übertragene Texte entschieden für drastische Effekte. Er zeigt, wie dieses ‚dramma per musica‘ aufzufassen ist: Mit ansteckendem Schwung, aus der zugegeben am klarsten konturierten Rolle heraus. Und auch, weil Immlers Stimme gelegentlich etwas rau und weniger geschmeidig als sonst wirkt, würde der Rezensent im praktischen Ausgang des Streits eher auf ein Unentschieden erkennen: Pan kann sich behaupten.

Robin Blaze verleiht der Alt-Partie lyrische Schönheit, auch wenn seine Stimme nicht mehr ganz die bezwingende Präsenz vergangener Zeiten hat. Joanne Lunn singt fein und mit klarem Strahl; die Tenöre nutzen ihre Auftritte für eine Präsentation mit Klasse.

Gemeinsam mit wenigen Ripienisten bilden diese Sechs einen schlanken, feinen Kammerchor, der die chorischen Anteile überzeugend musiziert. Das Bach Collegium Japan nimmt mit seinem behänden Spiel für sich ein, ist rhetorisch begabt, dazu klangsinnlich und harmonisch im Zusammenspiel. Die Formation grundiert das vor allem in BWV 201 vielgestaltige vokale Geschehen hervorragend: Da spielt das Ensemble seine ganze Expertise aus, seinen Erfahrungsschatz aus Jahrzehnten intensiver praktischer Bach-Exegese. Masaaki Suzuki sorgt für frische, ausgewogen disponierte Tempi und erweist sich einmal mehr als Meister eines in dieser Hinsicht harmonischen Tableaus, kaum anfällig für Übertreibungen. Das Klangbild der am vertrauten Aufnahmeort fast aller Produktionen der Kantaten-Reihen Suzukis in Kobe entstandenen Platte wirkt gesammelt und konzentriert, klar und plastisch, in allen Registern präsent.

Masaaki Suzukis Reihe mit den weltlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs bekommt vermutlich weniger Aufmerksamkeit als die Gesamteinspielung des geistlichen Werks. Dabei sind die Kompositionen wie deren Interpretation ebenso hochklassig.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 201 und 207a (Weltliche Kantaten Vol. 9)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
06.12.2017
Medium:
EAN:

SACD
7318599923116


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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