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Freitag, 13. Dezember 2019

Offenbach, Jacques - Lieder

Schlüpfrige Stoffe und sinnliche Tonweisen


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wie hat es der 19-jährige Offenbach in Paris geschafft, sich den Weg in die höhere Gesellschaft zu bahnen? Unter anderem mit Salonliedern wie diesen, die von den Grandes Horizontales der Epoche gesungen wurden.

Der sensationelle Erfolg von Jacques Offenbach im Paris des Zweiten Kaiserreichs und weltweit im 19. Jahrhundert hat viele Gründe. Ein zentraler war der, dass sein neuartiges musikalisches Unterhaltungstheater von den Zeitgenossen als zutiefst ‚unmoralisch‘ wahrgenommen, ja sogar als ‚sittengefährdend‘ eingestuft wurde. Bestimmte selbsterklärt-respektable Gesellschaftsschichten mieden jeden Kontakt zu allem, was mit Offenbach zu tun hatte, weswegen seine Stücke beispielsweise nie in bürgerlichen Institutionen wie der Opéra Comique reüssieren konnten und die meisten Hofbühnen seine Werke nicht auf den Spielplan setzen wollten. Gleichzeitig zog genau diese Aura des Unanständigen Scharen von Vergnügungssüchtigen in Privattheater, die als eine Art Bordell funktionierten. Nachlesen kann man das bei Emile Zola im Roman ‚Nana‘ (1880), wo solche Pariser Theaterzustände detailliert geschildert werden. Nachlesen kann man es auch in Meyers Konversations-Lexikon, wo es in der Ausgabe von 1877 heißt: ‚[D]ie meisten [seiner Stücke] … sind überdies so vom Geiste der Demi-monde durchsetzt, daß sie mit ihren schlüpfrigen Stoffen und sinnlichen, zumeist trivialen Tonweisen eine entschieden entsittlichende Wirkung auf das größere Publikum ausüben müssen.‘

Diese heute meist vergessene und ignorierte Demi-monde-Komponente des Offenbachschen Erfolgs sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich mit den 14 ‚mélodies‘ beschäftigen will, die Mezzo Mariam Sarkissian und Sopran Fanny Crouet zusammen mit Pianist Daniel Propper auf dieser Brilliant Classics-CD vorstellen. Es sind kleine Lieder aus der Frühphase von Offenbachs Karriere, als er relativ neu in Paris war und seinen Weg in die Gesellschaft suchte – die ihn dann zu ihrem Abgott machen sollte. Es sind wunderbar einschmeichelnde Salonmusiken, und die Salons könnten sehr wohl die Salons der großen Kurtisanen der Ära gewesen sein. Jedenfalls sind die Lieder des knapp 20-jährigen Offenbach allesamt Gesänge über den Aufstieg und Fall von ‚leichten Mädchen‘, die ihr Herz einem Herrn gegeben haben und ‚entehrt‘ werden. Da gibt es Verführungsszenen im Wald, wo die rothaarige Jeanne den Verführungen eines Jägers erliegt ('Jeanne la rousse'), oder eine Tyrolienne mit Klarinettenbegleitung und Jodeleinlage über Lisette, die ebenfalls ihre ‚Ehre‘ verliert, als sie ihre ländliche Heimat verlässt und einem ‚Herrn‘ folgt. Das endet in Tränen und Tod.

Man kann sich leicht vorstellen, wie das von den prominenten Demi-mondaines der Zeit zur Unterhaltung von Herrengesellschaften gesungen wurde. Und wir sollten nicht vergessen, dass einige dieserGrandes Horizontales‘ (denen Virginia Rounding ein faszinierendes Buch gewidmet hat) ausgebildete Sängerinnen waren, wie zum Beispiel Cora Pearl, die Geliebte des späteren Kaisers Napoleon III, die in Offenbachs 'Orpheus'-Revival als nackter Cupido auftrat und einen Skandal auslöste – und eine Theatersensation war, über die europaweit berichtet wurde.

Es gibt bei den 14 Stücken auch ironisch zugespitzte Eifersuchtslieder zu bestaunen sowie Lieder, in denen die männlichen Verführer aufgefordert werden, doch endlich ihre Geliebten zu heiraten, bevor es zum Drama kommt. Außerdem gibt es einige Cross-dressing-Nummern, in denen die Damen selbstbewusst in die Rolle von Toreros u.ä. schlüpfen, und quasi eine Parodie auf besonders lächerliches Macho-Verhalten servieren. Was Offenbach später in seinen Bühnenwerken übrigens immer wieder tat und was auch in den Operetten seiner Nachahmer Suppé und Strauss in Wien ein Standarderfolgselement werden sollte.

All das hier in 14 frühen Liedern sozusagen in Embryoformat zu erleben, ist spannend. Die beiden Sängerinnen liefern die Nummern lebhaft und mit Charme ab, Mariam Sarkassian mit einem üppig-russischen Mezzo, der manchmal etwas zu sehr nach Dalila klingt, aber zunehmend an Leichtigkeit gewinnt und damit an Überzeugungskraft. Fanny Crouet ist mit federleichtem Sopran die Keckere von beiden und trifft den französischen Tonfall besser, dafür ist ihr Deutsch in 'Wenn ich ein muntres Vöglich wär' bemitleidenswert.

Keine der beiden Solistinnen zeichnet sich dadurch aus, dass sie die erotischen und anzüglichen Untertöne dieser auf den ersten Blick harmlos wirkenden Texte herauskitzelt. Das ist schade, denn gerade die Untertöne machen die Lieder spannend, etwa wenn in 'L’Etoile' ein Stern am Himmel besungen wird, der der Vertraute einer ‚geheimen‘ Liebe sein soll – zu einer einschmeichelnden Cello-Begleitung. Und aus Strophen über 'Muntere Vögel', die sich auf den Schoß von Männern setzen und dort Lieder für ‚klein und groß‘ singen, könnte man ebenfalls mehr herausholen.

Somit fehlt den Liedern auf dieser Aufnahme – entstanden 2016 in Armenien in der Aram Khachaturian Concert Hall – ein bisschen der Kontext. Man könnte auch sagen: die Aura. Oder der Wille, sich gezielter mit den Texten und Geschichten auseinanderzusetzen, die in den Gedichten von Aimé Gourdin, Théophile Gauthier, Arsène Houssaye, Charles Catelin etc. ausgebreitet werden. Apropos Texte: Diese finden sich nicht im Booklet, man kann sie aber als PDF auf der Homepage von Brilliant Classics herunterladen. Da gibt es allerdings nur eine englische Übersetzung der französischen Texte (ohne das französische Original) und im Fall der deutschen Lieder nur die deutsche Version. Auch das ist schade, weil es die Inhalte für jeweils anderssprachige Hörer und Hörerinnen nicht zugänglich macht. Besonders attraktiv oder tippfehlerfrei ist die PDF im übrigen auch nicht.

Dennoch ist diese Sammlung mit 14 Liedern eine willkommene Ergänzung in jeder Offenbach-Sammlung, weil sie das Bild des Komponisten schärft und einen Einblick in seine bislang wenig dokumentierte Anfangsphase um 1840 ermöglicht. Und das finale Buffoduett 'Meunière et fermiere / Frau Müllerin und Frau Bäuerin' ist hinreißend; es geht darin darum, wer von beiden Frauen ‚die Erste‘ in der ländlichen Gesellschaft sei, ein Thema, das Offenbach in seinem Einakter 'Le Mariage aux lanternes' (Die Verlobung bei der Laterne) 1857 mit vergleichbar komischem Effekt nochmals aufgriff und weiterentwickelte. Dieser Einakter wurde in Offenbachs Théâtre des Bouffes Parisiens uraufgeführt, der populären Spielwiese von reichen Jockey-Club-Dandys und männlichem Hoch- bzw. Geldadel sowie käuflichen Damen auf und vor der Bühne. Zwei Darstellerinnen in knappen Bäuerinnenkostümen zu erleben, die sich eifersüchtig gegenseitig die Haare ausreißen, war schon lange vor ‚GLOW‘ (Great Ladies of Wrestling) bei Netflix eine Attraktion. Ein bisschen mehr von diesem ironischen und sehr sexy Netflix-Touch hätte dieser CD gut getan, das gilt auch für das skurrile Cover-Bild.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Offenbach, Jacques: Lieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
12.01.2018
Medium:
EAN:

CD
5028421956411


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