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Montag, 25. Juni 2018

Rosenmüller, Johann - Festmusiken

Entfernter Meister


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Rosenmüller-Jahr 2017 hat keinen großen Eindruck hinterlassen. Im Nachgang gibt es jetzt eine wirklich schöne Platte zu hören. Diesen Komponisten als genialen Musiker zu würdigen, ist mehr als gerechtfertigt. Sehr lohnend.

Johann Rosenmüller ist eine der aus heutiger Sicht kompositorisch zweifellos eindrucksvollsten Figuren des 17. Jahrhunderts in Deutschland. Thomaskantor Tobias Michael und Übervater Heinrich Schütz haben den 1617 im vogtländischen Oelsnitz geborenen Komponisten früh protegiert – und sie haben sich in der Einschätzung seines Talents nicht getäuscht. Das hat eine immer größer werdende Zahl von hochkarätigen Aufnahmen in den vergangenen Jahrzehnten eindrucksvoll unterstrichen. Und das dokumentiert auch die aktuell zur Diskussion stehende Einspielung des von Gregor Meyer geleiteten Ensembles 1684 mit groß dimensionierten Geistlichen Konzerten und instrumentalen Werken sehr deutlich.

Rosenmüllers Begabung war so offensichtlich, dass er während seines 1640 in Leipzig begonnenen Theologiestudiums bald Kontakte zur Thomasschule knüpfte, dort eine Stellung als Hilfslehrer antrat und offenbar so rasch lernte, dass er bald wichtigere Aufgaben übernahm. 1645/46 führte ihn sein Weg nach Venedig, wo er den immer weiter sich entwickelnden italienischen Stil studierte, der ihm schon in der fruchtbaren Begegnung mit Heinrich Schütz und dessen Prägungen so beeindruckt hatte. Anfang der 1650er Jahre stellt sich offenbar nur die Frage, welche der denkbaren Stellungen von Einfluss im Musikleben Mitteldeutschlands er einnehmen würde, nicht, ob das passieren wird.

Den Bruch markiert das Jahr 1655: Rosenmüller wird der ‚Sodomiterey‘ bezichtigt, die nach damaliger Diktion alle vom heterosexuellen Ideal abweichenden Praktiken umfasste, also von Homosexualität bis zur Pädophilie reichte. Was genau geschehen ist, kann mangels eindeutiger Belege nicht nachvollzogen werden. Wahrscheinlich ist jedenfalls ein Missbrauch Schutzbefohlener. Möglich ist, dass es sich dabei durchaus um junge Erwachsene gehandelt hat, wurden doch immerhin sechs von ihnen inhaftiert und vernommen: Thomasschüler blieben in jener Zeit durchaus bis über das 20. Lebensjahr hinaus in diesem sozialen Kontext. Jedenfalls floh der vorübergehend festgesetzte und seiner Aufgaben enthobene Rosenmüller, wandte sich auf unbekanntem Weg nach Venedig, wo er wieder an Renommee gewann, seinen Lebensunterhalt mit verschiedenen Stellungen im Musikbereich bestritt, die gleichwohl in keiner Hinsicht seinen tatsächlichen Möglichkeiten entsprachen. Die materialisierten sich in seiner ungebrochenen kompositorischen Aktivität, deren Resultate von Zeit zu Zeit ihren Weg nach Deutschland fanden und ihn nicht ganz in Vergessenheit geraten ließen. Schließlich fand Rosenmüller fast drei Jahrzehnte nach seinem erzwungenen Exil wieder einen Weg nach Deutschland: Langjährige Verbindungen zu den Welfen ermöglichten es ihm 1682, Hofkapellmeister in Wolfenbüttel zu werden. Johann Rosenmüller starb 1684, ohne rehabilitiert zu werden.

Delikat

So schwierig und – jedenfalls gemessen am Potenzial – erfolglos seine Karriere war: Seine musikalischen Qualitäten waren nie umstritten. Geprägt von der soliden mitteldeutschen Tradition und später reichen Impulsen aus den Italien-Begegnungen hat er ein hochinspiriertes Werk geschaffen, veredelt durch echte, individuelle künstlerische Inspiration. Die überlieferten Werke geben Anlass zu der These, dass Rosenmüller, einmal in eine reputierliche Position gelangt, zweifellos eine der prägenden Größen, vielleicht die prägende Gestalt der Generation nach Schütz geworden wäre.

Das unterstreicht auch das Programm der Platte des Ensembles 1684. Große Geistliche Konzerte wie 'Nun gibest du, Gott, einen gnädigen Regen' oder 'Seine Jünger kamen des Nachts und stahlen ihn' zeigen eine vielfarbige Imaginationskraft, die große rhetorische Begabung, die stupende handwerkliche Meisterschaft sowieso. Das Instrumentalensemble brilliert mit technisch fabelhaftem Spiel, wirkt eloquent und klangsensibel, auch frisch in der größeren Entfaltung. Der Basso continuo ist reich strukturiert, die obligaten Partien werden mit tatsächlich individueller, solistischer Geste gegeben. Vokalsolistisch sind versierte Stilisten zu hören – arrivierte und jüngere Stimmen: Im Sopran Monika Mauch und Viola Blache, Altus singt David Erler, Tenor Tobias Hunger und Florian Sievers, im Bass Felix Schwandtke. Stimmen, die aus vielen Kontexten vertraut sind und die mit dem Idiom des reifenden Barock bestens zurechtkommen. Das wirkt solistisch wie im Ensemble gleichermaßen stark. In den bei Rosenmüller geschmackvoll zum Capell-Chor geweiteten Abschnitten erweist sich die behutsam auf fünf Stimmen je Register vergrößerte Formation als beweglich und geschmeidig. In den Schlüssen wird eine angenehm luzide Kraft entfaltet, ohne jede pastose Geste. Gregor Meyer führt das Geschehen behände in frischen Tempi, mit vielen Impulsen aus den reich figurierten Vokalpartien. Vokalisten und Instrumentalisten wuchern mit den Pfunden der beredten Wortdeutung bei Rosenmüller gekonnt: Dieses Potenzial sorgfältig und mit Überzeugung zu entfalten, sichert eine lebendige Szenerie, rhythmisch präzis und knackig in der Wirkung. Das Klangbild der in Rötha entstandenen Aufnahme ist große genug für üppige Wirkungen und intim genug für plastische Details und eine schöne Balance.

Das Rosenmüller-Jahr 2017 hat keinen großen Eindruck hinterlassen. Im Nachgang gibt es jetzt eine wirklich schöne Platte zu hören. Manfred Cordes und sein Ensemble Weser-Renaissance Bremen folgen noch mit ihrem Beitrag. Rosenmüller als genialen Musiker zu würdigen, ist mehr als gerechtfertigt. Sehr lohnend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Rosenmüller, Johann: Festmusiken

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
14.11.2017
EAN:

761203518722


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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