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Sonntag, 21. Oktober 2018

Music in medieval Denmark - Mare Balticum Vol. 1

Mare Balticum


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


An einer klingenden Geschichte des mittelalterlichen Ostseeraums zu arbeiten, ist plausibel. Die erste Folge der Tacet-Reihe ist verheißungsvoll.

Der zweite in Europa ganz von Land umschlossene Meeresraum neben dem des Mittelmeers ist der Ostseeraum. Das Mittelmeer ist in seinen trennenden wie verbindenden Eigentümlichkeiten in vielerlei Hinsicht gut ausgeleuchtet. Auch das Mare Balticum ist vielfältig Gegenstand analytischer Betrachtung gewesen. Und beides sind bis heute Orte intensiven Zeitgeschehens, gelegentlich auch heftiger Auseinandersetzungen. Scharfe Grenzen gelten und schroffe Gegensätze werden betont. Genauso sind typische Landschaften und Lebensweisen, gemeinsame Erfahrungen mit dem Leben am Meer und eine vergleichbare Nahrungsgrundlage verbindend. Fernand Braudel hat all das idealtypisch für das Mittelmeer der Renaissance gezeigt, erschöpfend und beglückend gleichermaßen. Und Michel Mollat du Jourdin hat die Gemeinsamkeiten des Einflusses der Meere in ganz Europa betont.

Wenn nun Agnieszka Budzinska-Bennett mit ihrem Ensemble Peregrina beim Label Tacet eine auf vier Teile angelegte Reihe mit mittelalterlicher Musik des Ostseeraums beginnt, ist das ein unbedingt nachvollziehbarer Gedanke: Bei aller regionalen Prägung werden Gemeinsamkeiten in großer Zahl zu beobachten sein. Den Auftakt macht eine prallvolle Platte mit dänischer Musik des 13. bis 15. Jahrhunderts. Das Programm ist an konkreten Ereignissen orientiert – hier sind es zwei Königsmorde, die den Opfern zwar schlecht bekamen, aber gleichwohl vielfältige Impulse zeitigten und weitreichende Konsequenzen nach sich zogen: Der Mord an Knud Lavard im Jahr 1131 traf zwar noch keinen König im engeren Sinne, aber doch einen Mann, dem man diese Entwicklung zutraute und dessen Nachfahren schließlich auch den Thron erlangten. Knud wurde bald nach seinem Tod als Heiliger verehrt, eine Vita tradierte sein Leben, so dass musikalische Reflexe darauf nicht ausblieben. Der zweite ‚Fall‘ ist der des Erik Klipping, der 1286 möglicherweise einer Intrige zum Opfer fiel. Nach seinem Ableben wurden vom dänischen Hof gezielt Balladen in Auftrag gegeben, um zu erinnern und sicher auch, um in mündlich tradierter Volkstümlichkeit die Deutungshoheit über das Geschehene zu erreichen – auf diese Weise eigene Macht sichernd und die Missetäter auf einen Platz außerhalb der Rechtsgemeinschaft verweisend.

Dieses Umfeld – dem die philologische Lage des späten 19. Jahrhunderts gewohnten Hörer mag all das vage scheinen, andere mögen einen Reiz in der Notwendigkeit zur musikologischen wie musikalischen Ausdeutung sehen – hat sich Agnieszka Budzinska-Bennett mit ihrem Ensemble Peregrina erkoren. Und es wird beherzt ausgedeutet mit Antiphonen, Hymnen und Sequenzen voller Kolorit und von individueller Prägung. Dazu treten die schon apostrophierten weltlichen Gesänge von Michel Beheim und Meister Rumelant von Sachsen, die das Geschehen farbig und anschaulich illustrieren.

Kundig in Theorie und Praxis

Die geistlichen Sätze sind von zarter Mehrstimmigkeit: Und das Ensemble legt diese Gespinste dezent aus, gerade jenseits der Ränder gesicherten Wissens. Tiefe Kenntnis von Zeit und Stil, von Sprache und Gesangsstimme sind ebenso wichtig wie improvisatorischer Mut von Geschmack und Sicherheit. All das wird in zauberhafter stimmlicher Harmonie geboten: individuell, alles andere als einförmig, vielmehr charaktervoll und expressiv. Doch treten Agnieszka Budzinska-Bennett, Kelly Landerkin, Hanna Järveläinen und Loreanza Donadini immer wieder in einen Klang zurück, der wie mit einer einzigen Stimme hervorgebracht scheint. Intoniert wird traumwandlerisch sicher, im Wechsel von Soli und kleinen Organa glücklich zusammengefügt. Und es sind Linien von endlos anmutender Ausdehnung zu hören.

Dazu bildet das erzählerische Moment der Balladen einen denkbar großen Kontrast. Und Benjamin Bagby, wissenschaftlich wie interpretatorisch einer der Großmeister dieses Repertoires, lässt sich denn auch nicht zweimal bitten: Er ist ein großartiger Erzähler und bringt seinen harmonisch gerundeten Bariton von erstaunlicher Statur und Autorität in voller Pracht ein. Die starren Formen der regelmäßigen Textgestaltung belebt er spielerisch und lebensprall – oder: Er pulverisiert sie, je nach Perspektive. Für letztere Beobachtung spricht die Art und Weise, wie er das knapp 15 Minuten umfassende Textungetüm der Beheim-Ballade 'Von meiner mervart' verlebendigt.

Instrumental grundieren Agnieszka Budzinska-Bennett und Bagby auf verschiedenen Harfen sowie Baptiste Romain auf der Vielle das Geschehen, deuten aus, ornamentieren, schaffen einen geschmackvollen Rahmen, der die Vokalstimmen zur Entfaltung bringt. Die technische Realisierung der Aufnahme bietet einen denkbar stimmungsvollen Rahmen, voller Größe und Wärme, dabei luzide in der differenzierten Darstellung der Anteile.

An einer klingenden Geschichte des mittelalterlichen Ostseeraums zu arbeiten, ist plausibel. Die erste Folge der Tacet-Reihe ist verheißungsvoll.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Music in medieval Denmark: Mare Balticum Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
1
22.11.2017
EAN:

4009850024309


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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