> > > Verdi, Giuseppe: Otello
Sonntag, 26. Januar 2020

Verdi, Giuseppe - Otello

Himmlische Desdemona


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Allein schon für Melody Moores Desdemona ist dieser 'Otello' eine Empfehlung wert. Auch Nikolai Schukoffs Otello ist mit wenigen Abstrichen eine hochinteressante Alternative zu namhaften Konkurrenten.

Der Plattenmarkt ist an Aufnahmen von Giuseppe Verdis 'Otello' nicht arm; die wirklich überzeugenden Produktionen liegen aber durchaus schon viele Jahre zurück. Und so ist die Einspielung beim Label Pentatone vom Juli 2016 in Lissabon eine durchaus willkommene Bereicherung. Dieser 'Otello' setzt nicht auf großen Starrummel, hat aber allemal hochkarätige Solisten in den Hauptpartien zu verzeichnen, die zwischen Kaufmann & Co leider viel zu kurz kommen. Das Klangbild dieses neuen 'Otello' ist durchsichtig und dynamisch differenziert ausgepegelt, gerade in den Chorszenen ergibt sich eine räumliche Tiefe, die das unsichtbare Bühnengeschehen vor dem inneren Auge erstehen lässt.

So eine Neuaufnahme rückt ohne Frage den Interpreten der Titelpartie in den Fokus. Wer wagt sich diesmal an die mörderische Partie, die schon so manchen Tenor in die Knie gezwungen hat? Bei Pentatone ist es der österreichische Heldentenor Nikolai Schukoff, der seit vielen Jahren durch seine kluge Rollenwahl und seine beständige Qualität beeindruckt. Schukoff ist kein vokaler Draufgänger und auch kein ungestümer Temperamentstenor. Sein Otello klingt vielmehr introvertiert, manchmal sogar verhangen oder gedeckelt. In diesem Feldherren brodelt es gewaltig und erst am Ende findet er im Tod seine innere Freiheit. Nikolai Schukoff macht das in vielen Passagen deutlich, wie in seinem fesselnden 'Dio! Mi potevi' und im eher düsteren als strahlenden Liebesduett am Ende des ersten Aktes. Die Mittellage klingt dunkel, fast baritonal, und verfügt über eine ungemeine Tonschönheit und Farbenreichtum. Je höher Schukoff seine Stimme treiben muss, um so enger und härter wird sie aber. Das aberwitzige 'Esultate!' geht Schukoff ohne Furcht an, erzielt aber nicht den strahlenden Auftrittseffekt wie andere Rollenvertreter. Auch das Finale des zweiten Aktes mit Iago wirkt eher, als hätte Schukoff – und mit ihm auch der Iago von Lester Lynch – die Handbremse angezogen. Und so kann man als Hörer vor allem einen intensiven Otello erleben, dessen große Stärke die inhaltliche Durchdringung ist, dem aber der unterrepräsentierte vokale Glanz die restlose Überzeugung raubt. Und dass Schukoff strahlend und temperamentvoll zupacken kann, beweist er spätestens bei 'A terra e piangi!', das er mit Verve und prachtvoller Stimme herausschleudert. Davon vertrügen manch andere Passagen auch eine Portion.

Vielleicht ist diese gezogene Handbremse auch der Interpretation des Dirigenten Lawrence Foster geschuldet, der am Pult des tadellos aufspielenden Gulbenkian Orchestra steht. Wirklich faszinierend oder erhellend ist sein Dirigat nicht, eher zweckdienlich. Eine Prise Rauschhaftigkeit, die aber nie zügellos sein darf, und eine Spur Melancholie, die nie zu düster sein soll, gepaart mit einem großen Sicherheitsbedürfnis. Das klingt schön und auch manchmal ein wenig lauter und zupackender oder eben leiser als an anderen Stellen, aber im Großen und Ganzen bleibt der Eindruck, dass die Sänger an einer sehr kurzen Leine gehalten sind und sich nur schwer aus dem Korsett der Vorsicht befreien können. Falls das Ausbremsen und Deckeln der im 'Otello' vertrauten Temperamentsausbrüche die Intensität steigern und dramatisch verdichten hätte sollen, löst sich das Konzept leider nicht ein.

Dafür punktet dieser neue 'Otello' aber mit einer Desdemona zum Niederknien. Melody Moore irritiert im Liebesduett zunächst noch mit ihrer ebenfalls dunklen und gewichtigen Sopranstimme, doch spätestens im zweiten Akt singt sie ihre Kollegen schlicht an die Wand. Mit üppigen Farben und glutvollem Timbre zeichnet sie das Porträt einer jungen Frau, die ihrem Schicksal nicht entkommen kann. Die Piani von Moore sind berückend, die Wärme ihres Soprans strahlt bis in die oberen Lagen nahtlos fort, ihr Forte ist prächtig und die Gestaltung anrührend. Ihre Desdemona ist ihren wesentlich berühmteren Kolleginnen wie Krassimira Stoyanova oder Sonya Yoncheva ohne Abstriche an die Seite zu stellen.

Der Iago von Lester Lynch überzeugt vor allem durch sein herrliches Timbre und die Eleganz der Phrasierung. Jegliche Dämonie bezieht er aus der gefährlichen Ruhe, der Schönheit und der Verführung. Das Credo ist dabei fast zu balsamisch gesungen, und man wünschte sich bei dieser Souveränität, Lynch hätte auf das oft gehörte Lachen am Ende der Szene verzichtet. Es macht sein ansonsten attraktives Rollenporträt mit einem Mal erschreckend klein. Im zweiten und dritten Akt agiert Lynch stimmlich, ähnlich wie Schukoff, irritierend zurückhaltend – was freilich auch ein Manko der Tonregie oder des Dirigenten sein kann.

Helena Zubanovich ist mit ihrer mächtig orgelnden Tiefe und der dramatischen Attacke in ihrer topsicheren Höhe eine wahre Luxusbesetzung für die Emilia und JunHo You gibt einen zerbrechlichen und leichtstimmigen Cassio. Als Roderigo schlägt sich Carlos Cardoso tadellos und Kevin Short trumpft als Lodovico rollengerecht auf.

Allein schon für Melody Moores Desdemona ist dieser 'Otello' eine Empfehlung wert; auch Nikolai Schukoffs Otello ist mit wenigen Abstrichen eine hochinteressante Alternative zu namhaften Konkurrenten.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Verdi, Giuseppe: Otello

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
24.11.2017
Medium:
EAN:

SACD
827949056260


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Verdi, Giuseppe


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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