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Sonntag, 27. September 2020

Strauss, Richard - Salome

Ohne Knistern


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neue 'Salome' beim Label Pentatone überzeugt durch gute Solisten und einen grandiosen Klang. Von knisternder Spannung ist sie allerdings ein gutes Stück entfernt.

Eine Neueinspielung von Richard Strauss‘ 'Salome' hat automatisch große Konkurrenz. Es liegen seit vielen Jahren hervorragende Studioaufnahmen und Mitschnitte vor, an denen sich jede Neuerscheinung messen lassen muss. Das Label Pentatone hat es dennoch gewagt und einen Mitschnitt aus der Alten Oper Frankfurt vom September 2016 auf zwei klanglich hervorragenden SACDs herausgebracht. Zudem glänzt diese konzertante Aufführung neben renommierten Solisten durch sein erstklassiges Orchester: das hr-Sinfonieorchester. Unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada klingt nun die 'Salome' vor allem eines: prächtig. Die einschmeichelnden Schönheiten der Partitur erfahren besonderes Gewicht, kraftvoll und bombastisch strahlt es aus den Lautsprechern, dass es eine Wonne ist. Was dabei allerdings verloren geht, ist die Sinnlichkeit: die feinen Zwischentöne, das kaum Hörbare, die Farben und unwirklichen Geräusche, die in der 'Salome' für Atmosphäre sorgen. Und so fließt dieser Mitschnitt prunkvoll dahin, ohne wirkliche Spannung zu erzeugen. Das eigentliche Drama bleibt Orozco-Estrada der Aufführung schuldig.

Dabei bemühen sich die Solisten nach Leibeskräften, Musiktheater für die Ohren entstehen zu lassen. Wolfgang Koch ist ein ungemein charismatischer Jochanaan mit mächtigem Bassbariton und glasklarer Artikulation. Bereits seine Rufe aus der Zisterne faszinieren durch ihren Schönklang gepaart mit großer Expressivität. Tatsächlich ist seine Szene mit Salome die eindringlichste der Aufnahme. Wie hier zwei Extreme aufeinandertreffen und ein gefährliches Kräftemessen entsteht, das ist selbst in dieser ansonsten latent unterspannten Aufführung packend.

Emily Magee singt eine wirklich beeindruckende Salome. Die Mittellage ist von Wärme und kräftigen Farben durchdrungen, die Höhe spricht tadellos an, ein paar wenige Schärfen sind da schnell verziehen. Auch in der Textbehandlung schlägt sich die amerikanische Sopranistin mehr als achtbar und im Schlussgesang hat sie sogar noch so viele Reserven, dass sie mit Höhenpiani und ebenso müheloser Durchschlagskraft eine zweifellos fulminante Darbietung mit einem vokalen Sahnehäubchen beendet. Und dennoch mangelt es der Interpretin vor allem an einem: Sinnlichkeit und knisternde Klangerotik. Da ist kein Wispern, keine zum Zerreißen gespannte Phrase, keine interpretatorische Raffinesse, die über eine tadellos gesungene Titelpartie hinausginge. Es setzt sich vielmehr der Eindruck des Dirigats fort, das mit Schönheit und Größe für sich einnimmt, aber eben nicht Spannung aufbaut oder gar das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Hervorragend und routiniert gelingt Michaela Schuster mit volltönendem Mezzosopran die scharfe Charakterzeichnung der Herodias, ohne in abgenutzte Keifereien zu verfallen, während Claude Eichenberger einen anrührend jugendlichen Pagen singt. Auch Benjamin Bruns darf als edle und ungemein schönstimmige Besetzung des Narraboth gelten. Und bis in die kleinste Nebenrolle gibt es stimmlich keinerlei Ausfälle zu verzeichnen.

Ein deutlicher Wermutstropfen ist allerdings der Herodes von Peter Bronder. Dem temperamentvollen Charakterdarsteller gelingt es mit purer Energie und Intensität, die fehlende Bühnensituation vergessen zu lassen. Hierin ist er sämtlichen Kollegen mehr als nur einen Schritt voraus. Den Herodes hat er viele Male gesungen und weiß um die kleinste Nuance seiner Paraderolle. Da sitzt jedes Wort, jede Farbe – und doch bekommt man auf Tonträger eben nur einen Teil dieser erprobten Darstellung. Was auf dem Konzertpodium vermutlich eine Herodes-Naturgewalt ist, lässt sich in der Konserve nur schwer ertragen, denn Bronders Tenor ist von einem unkontrollierten Vibrato derart eingeschränkt, dass seine Passagen eine wirklich akustische Herausforderung für den Hörer darstellen. Zum Glück rettet sich der Sänger durch seine deklamatorische Schärfe und die Furchtlosigkeit, mit der er diese unbequeme Partie angeht. Aber bei jedem einzelnen Einsatz zuckt man unwillkürlich zusammen, bis man sich wieder an den stark in Mitleidenschaft gezogenen Tenorklang gewöhnt hat.

So punktet die neue 'Salome' vor allem durch klangtechnische Höchstleistung und eine zeitgemäße, mehr oder weniger tadellose Besetzung. Von der knisternden Spannung einer dichten 'Salome'-Produktion ist die Neuaufnahme allerdings noch ein gutes Stück entfernt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Salome

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
24.11.2017
Medium:
EAN:

SACD
827949060267


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Strauss, Richard


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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