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Dienstag, 16. Oktober 2018

Dallapiccola, Luigi - Il Prigioniero

Packendes Musiktheater


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Grazer Mitschnitt von Dallapiccolas 'Il prigioniero' dokumentiert hervorragendes Musiktheater abseits der großen Star-Metropolen.

Unter den Eindrücken und Erlebnissen beider Weltkriege begann Luigi Dallapiccola bereits 1943 mit der Arbeit an seiner bis heute bekanntesten Oper 'Il prigioniero'. Der knapp 50-minütige Einakter beleuchtet die letzten Momente im Leben eines anonymen Gefangenen, der in all seiner Qual ein letztes Mal die Hoffnung auf Freiheit erlebt – nur um am Ende feststellen zu müssen, dass diese Hoffnung die grausamste aller Foltermethoden durch die Inquisition war. Todesangst, Sadismus, Wahrheit, Lüge, Liebe und Hoffnung liegen in Dallapiccolas Einakter so nah beieinander, dass man selbst als Hörer die Qualen des Gefangenen in größtmöglicher Intensität miterlebt, kunstvoll ausbalanciert zwischen musikalischer Strenge und unmittelbarer Emotion, stets doppelbödig und weit entfernt von einem veristischen Opernschocker.

Dass 'Il prigioniero' bis heute nichts von seiner Aktualität und hochemotionalen Sogwirkung verloren hat, beweist der Mitschnitt der Grazer Neuproduktion vom März 2017, der beim Label Oehms auf einer CD erschienen ist. Dirk Kaftan und seinen Sängern und Musikern gelingt das Kunststück, kraftvolles Musiktheater entstehen zu lassen. Das Grazer Philharmonische Orchester meistert die komplexe Partitur mit Leichtigkeit und Souveränität. Von akademischen Hürden, die so mancher Zwölftonkomposition gerüchteweise noch immer anhaftet, ist nichts zu spüren. Dallapiccolas Musik klingt unter Kaftans Leitung mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Energie, dass sich jede Skepsis verbietet.

Und was Markus Butter in der Titelpartie leistet, ist schlicht atemberaubend. Nicht nur, dass der Sänger über eine edel timbrierte und klangschöne Baritonstimme verfügt; er zeigt sich im vorliegenden Mitschnitt auch als ein Meister der Farben. Vom brüchig geflüsterten Hauch bis hin zum gequälten Aufschrei zieht er alle Register seiner Kunst. Das ist fesselnd und wahrhaftiges Theater für die Ohren. Manuel von Senden in der Doppelrolle des Kerkermeisters und Inquisitors steht dem Kollegen in nichts nach. Scharf konturiert und kunstvoll in zahlreichen Details kreiert er eine Figur, die einschmeichelnd Hoffnung wecken und final eben gespenstisch fahl und unerbittlich den Tod bringen kann. Die große Szene zwischen den beiden Protagonisten ist in dieser Interpretation ein wirklicher Psychokrimi.

Auf diesem hohen Niveau kann die Sopranistin Aile Asszonyi als Mutter nicht ganz mithalten. Die Schärfe und Härte ihrer Stimme wecken Irritation beim Lesen ihrer Kurzbiografie im Beiheft, dass die Künstlerin als Marguerite, Mimi und Violetta unterwegs zu sein scheint. Doch bei allen vokalen Abstrichen wirft sich Asszonyi mächtig ins Zeug und ringt erfolgreich um großen Ausdruck. Die Verzweiflung der Mutter, die Machtlosigkeit und Trauer gelingen ihr absolut glaubwürdig. In den kleinen Partien der Priester sind Roman Pichler und David McShane rollendeckend besetzt und der Chor der Oper Graz präsentiert sich in gewohnter Bestform.

Da es ohnehin viel zu wenige Einspielungen von Dallapiccolas 'Prigioniero' auf dem Markt gibt, ist diese CD-Veröffentlichung mehr als nur ein Muss. Sie zeigt außerdem, dass abseits der großen Star-Metropolen hervorragendes Musiktheater geboten wird, das wie in diesem Falle fraglose Berechtigung hat, auf Tonträger verewigt zu werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dallapiccola, Luigi: Il Prigioniero

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
24.11.2017
EAN:

4260034869707


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Dallapiccola, Luigi


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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