> > > Coke, Roger Sacheverell: Klavierkonzerte
Samstag, 17. November 2018

Coke, Roger Sacheverell - Klavierkonzerte

Rachmaninoffs Erbe


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch wenn die Klavierkonzerte von Roger Sacheverell Coke (1912–1972) der Spätromantik eines Rachmaninoff verhaftet bleiben, erfahren sie hier eine höchst hörenswerte Interpretation.

Mit dieser 73. Folge der Reihe ‚The Romantic Piano Concerto‘ widmet sich Hyperion einem Komponisten, der selbst Spezialisten der Gattung unbekannt sein dürfte. Der Engländer Roger Sacheverell Coke, 1912 geboren und bereits 1972 kurz nach seinem 60. Geburtstag verstorben, taucht sogar in einer so umfassenden Enzyklopädie wie Hans Engels ‚Das Instrumentalkonzert‘ nicht auf, heute sind seine Werke praktisch komplett vergessen. Dabei komponierte Coke nicht weniger als sechs Klavierkonzerte, die zu seinen Lebzeiten erfolgreich aufgeführt wurden, wenn ihm auch nie ein echter kompositorischer Durchbruch gelang.

Ein Grund hierfür dürfte im Festhalten des Tondichters an einer spätromantischen Musiksprache zu suchen sein, die spätestens nach 1918 allgemein als veraltet galt. Deutlich hörbares Vorbild für die auf dieser CD versammelten Klavierkonzerte Nr. 3 und 4 ist Sergej Rachmaninoff, mit dem Coke auch persönlich bekannt war. Das fünfte Konzert blieb Fragment, lediglich ein Satz – mutmaßlich der Mittelsatz – blieb erhalten. Ob die übrigen Sätze nie komponiert wurden oder verloren gegangen sind, ist derzeit unbekannt. Jener einzelne Satz sowie die (kompletten) Konzerte Nr. 3 und 4 werden hier von Simon Callaghan interpretiert, das BBC Scottish Symphony Orchestra begleitet unter Martyn Brabbins.

Nicht nur tonsprachlich, auch formal darf Coke als konservativ bezeichnet werden, die traditionelle Dreisätzigkeit wird in seinen Konzerten strikt gewahrt. Auch bei der (weitgehenden) Dominanz des Solisten über das Orchester ging Coke keine neuen Wege, vom ‚symphonischen Konzert‘ eines Brahms oder Reger war er weit entfernt. Dennoch haben sowohl das Dritte als auch das Vierte Konzert ihren Reiz als zwar wenig individuelle, aber trotzdem hörenswerte Fortführungen der spätromantischen Virtuosen-Tradition – vieles steht und fällt hier mit der Leistung des Solisten. Callaghan Leistung hat unter diesem Aspekt höchste Beachtung verdient, er ist nicht nur den beachtlichen technischen Herausforderungen vollauf gewachsen, sondern findet auch noch Raum für eine differenzierte Gestaltung und verzichtet dabei auf übertriebenes Pathos.

Vor allem in den beiden Finalsätzen, wo Coke hin und wieder etwas schematisch von einer Blechbläser-Steigerung zur nächsten fortschreitet, agiert Callaghan souverän und mit überlegten dynamischen Dosierungen. So entsteht ein überwiegend positiver Eindruck, der durch die Orchestermusiker noch unterstrichen wird: Die langen Kantilenen der Streicher, das pompöse, manchmal etwas klischeehaft auftrumpfende Blech, die zarten Lyrismen der Holzbläser – alles in besten Händen bei Brabbins und den schottischen Musikern. Um die klangliche Balance muss man sich bei einer CD-Reihe, in der bereits 72 bei Veröffentlichungen die Ausgewogenheit zwischen Solo und Tutti plastisch hergestellt wurde, ohnehin keine Sorgen machen.

Etwas schwächer ist Coke jener einzelne Satz gelungen, der vermutlich den Mittelabschnitt eines nicht realisierten Fünften Konzertes gebildet hätte. Das vorhersehbare Wechselspiel zwischen dem Solisten und dem Orchester wäre möglicherweise zwischen zwei anders konzipierten Ecksätzen weniger aufgefallen, dies bleibt jedoch Spekulation. Mehr als eine nette Abrundung der Konzerte Nr. 3 und 4 ist der Einzelsatz nicht, diese beiden Werke aber wird jeder Freund (spät-)romantischer Instrumentalmusik ins Herz schließen. Mit Callaghan und Brabbins hat der englische Rachmaninoff-Epigone zwei erstklassige Fürsprecher gefunden, die das Maximum aus dieser Musik herausholen. Die übrigen Konzerte Cokes werden hoffentlich bald in dieser Reihe folgen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Coke, Roger Sacheverell: Klavierkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
03.11.2017
EAN:

034571281735


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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