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Mittwoch, 25. April 2018

Czernowin, Chaya - Hidden

Klangliche Mikroskopien


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine neue Porträt-CD aus dem Hause Wergo präsentiert mit kammermusikalischen Klangstudien von Chaya Czernowin Sinnliches und Ungeschütztes, Gewaltiges und Unerwartetes.

Chaya Czernowins (*1957) Kompositionen eröffnen Klangräume, die aus dem Widerstreit zersplitterter Teilidentitäten und emotionaler Extreme erwachsen. Die im Rahmen des Forum neuer Musik 2016 aufgenommenen Stücke erweisen sich als Grenzauslotungen, in denen Innen und Außen auf vielfältige Weise zusammenwachsen und ineinander verschoben werden.

Der Werkzyklus 'Adiantum Capillus-Veneris' (2015/16) für Stimme und Atem wartet mit spielerischer Flexibilität und einem Artikulationsreichtum auf, der neugierige Hörerinnen und Hörer für sich einnimmt. Die Detailstudie verdankt ihren Titel der botanischen Bezeichnung für Frauenhaarfarn oder Venusfarn. Feinkonturiert sind die Fiederblättchen, die an langen Stielen sitzen, sich aufrollen und fortwachsen zu einem aufgefaserten Dickicht: Ein Bild, das vielfältige Assoziationen für die 'Etudes in Fragility' bereithält.

Behandelt werden Stimme und Atem als ebenbürtige akustische Erscheinungsformen, unabhängig und kontrapunktisch, ineinander verschlungen und einander bedingend. Im ersten Teil bestimmen feine Übergänge zwischen Geräusch und Ton die zerfaserte Klangtextur, in mikroskopisch kleinen Zwischenstufen sucht die vielseitige Mezzosopranistin Inbal Hever den Klang am Rand der Stille: Glissandierendes Summen, leicht angetupfte Töne mit feinem Vibrato sind zu hören, dann ein gepresstes und zischendes Ein- und Ausatmen, in dem sich der Tonklang langsam zu materialisieren beginnt und ein Gefühl von Bewegtheit erzeugt. Mit kurzen rhythmischen Impulsen verdichtet sich dieser Eindruck im zweiten Titel, die harten Konsonanten wirken perkussiv und vorwärtstreibend. Mit vorab aufgenommenen Zuspielungen erweitert Czernowin im dritten Teil den Klang in die Mehrstimmigkeit, als gesteigertes Resümee treten ausdifferenzierte Atemgeräusche, expressive Stimmführungen und die Plosivlaute in Dialog. 'Adiantum Capillus-Veneris' – es existieren Ausgaben für sieben verschiedene Stimmlagen für Sängerinnen und Sänger – entfaltet eine eindringliche Direktheit, setzt Sinnliches und Ungeschütztes frei und lässt unwillkürlich auch nach geschlechtlichen Markierungen und Fluiditäten fragen.

Unsere Ohren zu Augen werden lassen will (auch) das knapp dreiviertelstündige Kammerstück 'HIDDEN' (2013-14). Das vielgelobte New Yorker JACK Quartet (Christopher Otto und Ari Streisfeld, Violine; John Pickford Richards, Viola; Kevin McFarland, Violoncello) präsentiert ein organisches Geflecht aus Glissandi-Strukturen, Flageolett-Spannungen und Pizzicati-Pulsationen und erweist sich mit seinem tendenziell dramaturgiegerichteten und gestischen Interpretationszugang als hervorragender Klangapparat.

Es sind harte Schönheiten, labyrinthisch verschwurbelte und versteckte Kantabilitäten, die Chaya Czernowins kompositorisches Idiom ausmachen. Geräuschhafte Stille, weißes Rauschen und wabernde Klangschwaden bestimmen den musikalischen Verlauf, die mit den über die Lautsprecher zugespielten Klängen angereichert werden: Prasseln und Tropfen, Knarzen und Flirren evozieren geographische Massen, die wie aus einem fluiden Kontinuum heraus auftauchen, vorbeiziehen und sich letztlich in drei eckig auffahrenden Fortissimi den Hörerinnen und Hörern unvermittelt entgegenstellen. ‚Bei diesem Stück geht es um Beobachtung; es versucht, das Entstehen von Ausdruck selbst aufzuspüren und wahrzunehmen.‘ (Chaya Czernowin) Das am Pariser IRCAM entstandene Stück macht Räumlichkeit zum besonderen Protagonisten, die um das Publikum platzierten Lautsprecher und die Live-Elektronik bespielen den Raum und seine Schichtungen, wobei die Quartettklänge immer als solche erkennbar bleiben. 'Hidden' erkundet Nähe und Distanz, musikalische Richtungswechsel und Irritationen, die klangtechnisch eindrucksvoll eingefangen sind und (besonders über Kopfhörer) erlebbar werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Czernowin, Chaya: Hidden

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
24.11.2017
EAN:

4010228735529


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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