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Montag, 16. Dezember 2019

Kabalewski, Dmitri - Sämtliche Klaviersonaten & Rondos

In Sachen Kabalewski


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kabalewskis Klavierwerke sind hierzulande kaum bekannt. Dabei lohnt sich die Beschäftigung, wie Michael Korstick uns beweisen will.

Wer selbst Klavier spielt, kennt Kabalewski vermutlich von seinen wunderbaren Stücken für Kinder, die dem 'Album für die Jugend' von Schumann oder dem Kinderalbum von Tschaikowsky an die Seite zu stellen wären. Michael Korstick, der bereits Kabalewskis Klavierkonzerte für cpo aufgenommen hat, versammelt hier jedoch Werke, zu denen der durchschnittliche Schüler kaum jemals durchdringen wird. Nicht nur das Rondo op. 59, das für den Tschaikowsky-Wettbewerb 1958 komponiert wurde und zwecks Propaganda die vielgerühmte russische Pianistik zur Schau stellt, sondern auch die Klaviersonaten fordern aberwitzige technische Leistungen. Michael Korstick ist glücklicherweise technisch mit allen Wassern gewaschen und meistert die Herausforderungen so souverän, das man es schon nach kurzer Zeit für selbstverständlich nimmt, dass einer sowas spielen kann.

Man darf sich nun von der Ersten Klaviersonate (1927) nicht abschrecken lassen. Verglichen mit den beiden späteren Sonaten klingt hier ein Komponist durch, der seinen Stil erst noch finden muss, dessen Klangsprache eigentümlich zwischen originellen Einfällen und gekonnten Imitationen fremder Stile changiert. Der erste Satz mit seiner hochfahrenden Motivik bleibt sehr disparat. Der letzte Satz bringt einen rasenden Zwölfachtel-Takt, und hier genehmigt sich Korstick eine kleine Abweichung vom vorgeschriebenen Text. Gegen Ende des Satzes notiert Kabalewski 'Meno mosso', allerdings mit einer Metronomangabe (Viertel = 152), die immer noch ein sehr rasches Tempo vorschreibt, sogar schneller als das 'Allegro tenebroso' vorher im Satz. Korstick nimmt das Tempo deutlich langsamer und erlaubt sich (und den Hörern) hier ein Durchatmen, bevor dann das abschließende Presto und die mächtigen Schlussakkorde das Werk beenden. Solche kleinen Eingriffe sind vermutlich notwendig, um die Vorgaben der Partitur zu ‚humanisieren‘.

Die Zweite und Dritte Klaviersonate sind stilistisch schon deutlich einheitlicher, klingen formal geschlossener. Was bleibt, sind kantable Mittelsätze mit ausladenden und vielschichtigen Begleitfiguren, die bei Korstick durch beeindruckende dynamische Differenzierung jedoch nie die Melodie verdecken. Der Kopfsatz der Dritten Sonate schlägt zum ersten Mal einen heiter-leichtfüßigen Ton, der bis ins Finale ausstrahlt. Sonst ist Kabalewski ein gewisser Hang zur Monumentalität eigen, sodass sich hier eine willkommene Abwechslung bietet. Die rasend schnellen Schlusssätze bilden ein weiteres Charakteristikum dieses Komponisten. Korstick meistert das bravourös. Eine noch schnellere Realisierung wäre musikalisch kaum wünschenswert.

Korstick legt hier ein Repertoire in mustergültiger Einspielung vor, das es verdient, öfter gespielt zu werden. Auch wenn man sich bisweilen an Prokofjew und Rachmaninow erinnert fühlt, enthalten gerade die späteren Kompositionen viel Originelles. Das Booklet informiert sehr ausführlich und fundiert über die einzelnen Kompositionen. Schon mit den Klavierwerken von Charles Koechlin hatte Korstick sich einem entlegenen Repertoire zugewandt und auf drei CDs eingespielt. Die vorliegende CD ist jedenfalls geeignet, Heinrich Neuhaus’ Verdikt, Kabalewski sei ein ‚Prokofjew für Arme‘, geradezurücken.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kabalewski, Dmitri: Sämtliche Klaviersonaten & Rondos

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
63:54
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203516322
cpo 555 163-2


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Kabalewski, Dmitri
 - Klaviersonate Nr. 1 op. 6 F-Dur - Allegro non troppo ma con fuoco
 - Klaviersonate Nr. 1 op. 6 F-Dur - Andantino semplice
 - Klaviersonate Nr. 1 op. 6 F-Dur - Vivo
 - Klaviersonate Nr. 2 op. 45 Es-Dur - Allegro moderato. Festivamente
 - Klaviersonate Nr. 2 op. 45 Es-Dur - Andante sostenuto
 - Klaviersonate Nr. 2 op. 45 Es-Dur - Presto assai
 - Klaviersonate Nr. 3 op. 46 F-Dur - Allegro con moto
 - Klaviersonate Nr. 3 op. 46 F-Dur - Andante cantabile
 - Klaviersonate Nr. 3 op. 46 F-Dur - Allegro giocoso
 - Rondo op. 59 a-Moll -
 - Rezitativ & Rondo op. 84 -


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Interpret(en):Korstick, Michael


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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