> > > Kabalewski, Dmitri: Sämtliche Klaviersonaten & Rondos
Dienstag, 25. Juni 2019

Kabalewski, Dmitri - Sämtliche Klaviersonaten & Rondos

In Sachen Kabalewski


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kabalewskis Klavierwerke sind hierzulande kaum bekannt. Dabei lohnt sich die Beschäftigung, wie Michael Korstick uns beweisen will.

Wer selbst Klavier spielt, kennt Kabalewski vermutlich von seinen wunderbaren Stücken für Kinder, die dem 'Album für die Jugend' von Schumann oder dem Kinderalbum von Tschaikowsky an die Seite zu stellen wären. Michael Korstick, der bereits Kabalewskis Klavierkonzerte für cpo aufgenommen hat, versammelt hier jedoch Werke, zu denen der durchschnittliche Schüler kaum jemals durchdringen wird. Nicht nur das Rondo op. 59, das für den Tschaikowsky-Wettbewerb 1958 komponiert wurde und zwecks Propaganda die vielgerühmte russische Pianistik zur Schau stellt, sondern auch die Klaviersonaten fordern aberwitzige technische Leistungen. Michael Korstick ist glücklicherweise technisch mit allen Wassern gewaschen und meistert die Herausforderungen so souverän, das man es schon nach kurzer Zeit für selbstverständlich nimmt, dass einer sowas spielen kann.

Man darf sich nun von der Ersten Klaviersonate (1927) nicht abschrecken lassen. Verglichen mit den beiden späteren Sonaten klingt hier ein Komponist durch, der seinen Stil erst noch finden muss, dessen Klangsprache eigentümlich zwischen originellen Einfällen und gekonnten Imitationen fremder Stile changiert. Der erste Satz mit seiner hochfahrenden Motivik bleibt sehr disparat. Der letzte Satz bringt einen rasenden Zwölfachtel-Takt, und hier genehmigt sich Korstick eine kleine Abweichung vom vorgeschriebenen Text. Gegen Ende des Satzes notiert Kabalewski 'Meno mosso', allerdings mit einer Metronomangabe (Viertel = 152), die immer noch ein sehr rasches Tempo vorschreibt, sogar schneller als das 'Allegro tenebroso' vorher im Satz. Korstick nimmt das Tempo deutlich langsamer und erlaubt sich (und den Hörern) hier ein Durchatmen, bevor dann das abschließende Presto und die mächtigen Schlussakkorde das Werk beenden. Solche kleinen Eingriffe sind vermutlich notwendig, um die Vorgaben der Partitur zu ‚humanisieren‘.

Die Zweite und Dritte Klaviersonate sind stilistisch schon deutlich einheitlicher, klingen formal geschlossener. Was bleibt, sind kantable Mittelsätze mit ausladenden und vielschichtigen Begleitfiguren, die bei Korstick durch beeindruckende dynamische Differenzierung jedoch nie die Melodie verdecken. Der Kopfsatz der Dritten Sonate schlägt zum ersten Mal einen heiter-leichtfüßigen Ton, der bis ins Finale ausstrahlt. Sonst ist Kabalewski ein gewisser Hang zur Monumentalität eigen, sodass sich hier eine willkommene Abwechslung bietet. Die rasend schnellen Schlusssätze bilden ein weiteres Charakteristikum dieses Komponisten. Korstick meistert das bravourös. Eine noch schnellere Realisierung wäre musikalisch kaum wünschenswert.

Korstick legt hier ein Repertoire in mustergültiger Einspielung vor, das es verdient, öfter gespielt zu werden. Auch wenn man sich bisweilen an Prokofjew und Rachmaninow erinnert fühlt, enthalten gerade die späteren Kompositionen viel Originelles. Das Booklet informiert sehr ausführlich und fundiert über die einzelnen Kompositionen. Schon mit den Klavierwerken von Charles Koechlin hatte Korstick sich einem entlegenen Repertoire zugewandt und auf drei CDs eingespielt. Die vorliegende CD ist jedenfalls geeignet, Heinrich Neuhaus’ Verdikt, Kabalewski sei ein ‚Prokofjew für Arme‘, geradezurücken.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kabalewski, Dmitri: Sämtliche Klaviersonaten & Rondos

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
63:54
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761203516322
cpo 555 163-2


Cover vergössern

Kabalewski, Dmitri
 - Klaviersonate Nr. 1 op. 6 F-Dur - Allegro non troppo ma con fuoco
 - Klaviersonate Nr. 1 op. 6 F-Dur - Andantino semplice
 - Klaviersonate Nr. 1 op. 6 F-Dur - Vivo
 - Klaviersonate Nr. 2 op. 45 Es-Dur - Allegro moderato. Festivamente
 - Klaviersonate Nr. 2 op. 45 Es-Dur - Andante sostenuto
 - Klaviersonate Nr. 2 op. 45 Es-Dur - Presto assai
 - Klaviersonate Nr. 3 op. 46 F-Dur - Allegro con moto
 - Klaviersonate Nr. 3 op. 46 F-Dur - Andante cantabile
 - Klaviersonate Nr. 3 op. 46 F-Dur - Allegro giocoso
 - Rondo op. 59 a-Moll -
 - Rezitativ & Rondo op. 84 -


Cover vergössern

Interpret(en):Korstick, Michael


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Kammermusik vom Allerfeinsten: Das Diogenes Quartett wirft einen intensiven Blick auf den Streichquartettkomponisten Gernsheim. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Einflussreich und vergessen: Ein wichtiges Oratorium des frühen 19. Jahrhunderts erklingt hier leider nur in einer mittelmäßigen Interpretation. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Schwerfällige Maskenspiele: Diese 'Nacht in Venedig' schließt keine diskografische Lücke und glänzt auch nicht durch besonderen Charme. Das hätte es nicht zwingend auf CD gebraucht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Sebastian Rose:

  • Zur Kritik... Charakterisierungskunst: Andreas Haefliger will uns Altbekanntes in neuem Licht erscheinen lassen. Auch wenn das teils fragwürdige Ergebnisse zeitigt – spannend ist es immer. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... Pianistik des 19. Jahrhunderts: Diese über hundert Jahre alte Aufnahmen geben uns eine Ahnung von den pianistischen Künsten des 19. Jahrhunderts. Den Vergleich mit aktuellen Einspielungen braucht diese CD nicht zu scheuen. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
  • Zur Kritik... 'Man achte das Klavier.': Das Zitat stammt von Busoni, könnte aber ebensogut auf diese CD gemünzt sein. Die klanglichen Möglichkeiten des Klaviers werden hier auf eine Weise erfahrbar, die manchen Klavierverächter bekehren könnte. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle Kritiken von Sebastian Rose...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Bachs Cembalo konzertant: Fabio Bonizzoni und La Risonanza überzeugen auf dieser Einspielung mit hochklassigen Erkundungen in Bachs konzertantem Cembalo-Kosmos. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Dramatisch und sensibel: Christian Tetzlaff und das Finnish Radio Symphony Orchestra unter Hannu Lintu bereichern die Diskographie von Bartóks beiden Violinkonzerten mit einem sensibel ausgehörten, zugleich hochdramatischen Zugriff. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Kammermusik vom Allerfeinsten: Das Diogenes Quartett wirft einen intensiven Blick auf den Streichquartettkomponisten Gernsheim. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Josef Holbrooke: Symphony No.3 op.90 - Merchantships - Finale Marcia - Poco allego marcato

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich