> > > Grandissima Gravita: Violinwerke von Veracini, Vivaldi u.a.
Samstag, 4. Juli 2020

Grandissima Gravita - Violinwerke von Veracini, Vivaldi u.a.

Ungebremst theatralisch


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rachel Podger und Brecon Baroque legen eine Aufnahme italienischer Geigensonaten vor, die man gehört haben sollte.

Drei Komponisten aus der (früher etwas altbacken so genannten) ‚altitalienischen Geigenschule‘: Antonio Vivaldi, Giuseppe Tartini, Francesco Veracini – und einer, der, selbst ein höchst fähiger Geiger, schon damals diese Schule eindringlich studierte, Vivaldi zu Hochachtung und Veracini zu Wutausbrüchen bewegte: Johann Georg Pisendel. Alle vier vereint eine bei Channel Classics erschienene CD, auf der Rachel Podger und das Ensemble Brecon Baroque (Alison McGillivray, Cello, Daniele Caminiti, Theorbe, und Marcin Swiatkiewicz, Cembalo) zu hören sind. Die Zusammenschau ist inhaltlich interessant und erstklassig musiziert. Im Medium von Podgers wandlungsfähigem, immer aber expressivem Violinspiel, ihres kraftvollen, leuchtenden Geigentons, getragen von und dialogisierend mit einem farbenreichen, mächtigen, dabei differenzierten Continuo, treten die Physiognomien der Geigenmeister hervor.

Von Vivaldi zu Veracini

Zu Beginn die kurze, wie hingetuschte, improvisatorisch anmutende A-Dur-Sonate op. 2,2 von Vivaldi; darauf das a-moll-Werk Tartinis op. 2,5 mit einem schwärmerischen, bezaubernden Cantabile am Anfang (das allein schon länger dauert als die ganze Vivaldi-Sonate) und den beiden schnellen, plastisch geformten Sätzen. Überall erkennt man jene typisch Tartinischen Floskeln, melodisch-harmonische Wendungen wieder, aus denen wie aus Bausteinen seine Sonaten und Concerti zusammengesetzt scheinen. Hier werden sie aber mit so viel Empfindsamkeit und Verve vorgetragen, mit Leben und Ausdruckskraft gefüllt, dass Monotonie gar nicht aufkommen kann.

Demgegenüber zeigt Veracinis g-moll Sonate (auch sie trägt die Nummer op. 2,5) einen gänzlich anderen Charakter: schroff, ja aufbrausend, ungebremst theatralisch, dabei musikalisch gelehrt konstruiert, insgesamt eine formsprengende Grandiosität evozierend; weit ist der Weg, den die Violinsonate von Corelli und Vivaldi bis hierher zurückgelegt hat. Die Darbietung von Podger und Brecon Baroque ist derart überbordend und dabei kontrolliert, sachverständig und temperamentvoll zugleich, dass man spätestens bei dieser Sonate weiß, dass man diese CD noch viele Male einlegen wird. Zum festen Vorsatz wird dies bei der faszinierenden d-moll-Sonate op. 2,12, die mit ihrer Chromatik, ihrem ausgefuchstem Kontrapunkt, den ostinaten Formen und der zyklischen Anlage zum Gewichtigsten gehören dürfte, was das barocke Solosonaten-Repertoire zu bieten hat. Großartig ist insbesondere hier die Continuo-Leistung, die der Sonate Gewicht, aber keine Schwere verleiht und so die grüblerische, schmerzliche, brüske Individualität dieses Werkes unterstreicht.

Einziger Kritikpunkt: das Klangbild

Pisendels c-moll-Sonate wirkt gegenüber dem ausgreifenden Gestus der italienischen Stücke fast altfränkisch-verschachtelt, vertrackt, ist aber keineswegs ohne Reiz – auch hier Chromatik, frappierende harmonische Wendungen und nachdrücklicher Ausdruckswille. Und zum Schluss: Wieder Vivaldi – eines jener anheimelnden Adagios, die dieser Komponist zu schreiben verstand, dieses in Es-Dur, aus einer für Pisendel geschriebenen c-moll-Sonate – eine schöne Abrundung dieses vielfältigen Rundumblicks.

Der einzige Kritikpunkt an dieser inspirierenden Einspielung betrifft – überraschend bei einer SACD – das Klangbild. Dieses wirkt, obwohl die klangtechnische Umsetzung der Aufnahme im Großen und Ganzen adäquat ist, stellenweise sehr eng und trocken, anderswo dann wieder deutlich halliger. Diese Uneinheitlichkeit vermag aber den überaus positiven Gesamteindruck, den diese Einspielung hinterlässt, nicht nachhaltig zu trüben. Wer noch ein Weihnachtsgeschenk für Freunde italienischer und italienisch inspirierter Geigenmusik des 18. Jahrhundert sucht, dürfte mit dieser CD goldrichtig liegen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Grandissima Gravita: Violinwerke von Veracini, Vivaldi u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Channel Classics
1
11.10.2017
Medium:
EAN:

SACD
723385392170


Cover vergössern

Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Von Gero Schreier zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Duos mit Herzblut: Im Zentrum dieser interpretatorisch wie klanglich ausgezeichneten Aufnahme stehen Sonaten für die ungewöhnliche Besetzung Violine und Bratsche. Rachel Podger und Jane Rogers erfüllen sie mit berührender und geschmackvoller Wärme. Weiter...
    (Christiane Bayer, 17.02.2012)
  • Zur Kritik... Temperamentvolles Lehrstück: Weiter...
    (Dr. Thomas Vitzthum, 29.06.2003)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Channel Classics:

  • Zur Kritik... Von der Einheit des differenzierten Zusammenspiels: Drei Kammermusikprofis begeistern mit der dialogisch geführten Emotionalität der Extreme in Schuberts Klaviertrio op. 100. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Eine freigeistige Einzelkämpferin: Die niederländische Geigerin Rosanne Philippens bricht auf ihrer neuen CD 'Insight' mit Konventionen und verleiht verschiedenen Solowerken ihre ganz persönliche Note. Weiter...
    (Susanna Morper, )
  • Zur Kritik... Faszination des Tragischen: Paolo Giacometti und Thomas Oliemans gelingt es, Schuberts 'Winterreise' trotz ihres hohen Bekanntheitsgrades eine neue, in faszinierenden Farben schillernde Interpretation zu geben, bei der der Spannungsbogen von Anfang bis Ende aufrechterhalten wird. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle Kritiken von Channel Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Gero Schreier:

  • Zur Kritik... Charaktervoll, mit Reibungsflächen: Der Geiger Giuliano Carmignola ist vor allem als Vivaldi-Interpret hervorgetreten, aber seine Lesarten der Musik von Bach haben nicht alle Hörer überzeugt. Jetzt hat er Bachs Sonaten und Partien für Geige allein eingespielt. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Explosiv, dissonant, introvertiert: Das Arcadia-Quartett hat Béla Bartóks Streichquartette eingespielt. Frühere Aufnahmen des Ensembles weckten hohe Erwartungen. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Über die Liebe: Einen Erkundungsgang ins musikalische Mittelalter bietet das Ensemble Trobar e Cantar. Die Liebe ist das verbindende Thema. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle Kritiken von Gero Schreier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unbekannter Prokofjew: Das Symphonieorchester Lahti spielt unter Dima Slobodeniouk selten zu hörende Werke von Sergej Prokofjew. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Alte Bekannte: Concerto Copenhagen und Lars Ulrik Mortensen überzeugen mit dieser Gesamteinspielung von Bachs Cembalokonzerten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Musik, die zu Tränen berührt: Dvoraks Urfassung des 'Stabat mater' für Orchester, Soli und Klavierbegleitung Weiter...
    (Michaela Schabel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (1/2020) herunterladen (4180 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Reinecke: Symphony No.3 op. 227 in G minor - Scherzo. Allegro vivace - Trio I & II

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich