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Sonntag, 21. Oktober 2018

Schubert, Franz - Sinfonie Nr. 8

Superlativ an Partiturtreue


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Peter Gülke und die Brandenburger Symphoniker beeindrucken mit einer bravourösen und textgetreuen Einspielung von Schuberts sogenannter Großer C-Dur-Sinfonie.

Wenn der Dirigent, Musikwissenschaftler, Musikprofessor und Schubert-Experte Peter Gülke im hohen Alter beschließt, Schuberts populäre sogenannte ‚Große C-Dur-Sinfonie‘ einzuspielen, sollte dieser Aufnahme eigentlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden als dies bislang der Fall war. Sei das verhaltene Augenmerk dem Umstand geschuldet, dass Gülke bis heute nicht der ganz große Durchbruch als Dirigent gelungen ist oder dass die Brandenburger Symphoniker sich nicht auf der internationalen Bühne bewegen - bei anderen Klassik-Stars hätte eine Aufnahme dieser berühmten Sinfonie jedenfalls ein größeres Echo hervorgerufen.

Dabei muss sich die Produktion nicht vor der Konkurrenz verstecken. Die bei Musikproduktion Dabringhaus und Grimm erschienene SACD beweist nämlich in jeglicher Hinsicht Exzellenzstatus, der sich bereits in der Aufmachung manifestiert: Der Klang ist makellos in seiner Transparenz und besticht durch eine beeindruckende Natürlichkeit, die in den meisten heutigen Aufnahmen durch klinisches Aufpolieren nicht mehr zu spüren ist. Das Booklet enthält einen von Gülke selbst verfassten Artikel, der angesichts der Autorität, die Gülke in der Musikwissenschaft beim Thema Schubert innehat, ein zusätzliches Highlight darstellt. Die konkreten Beispiele im Text lassen dabei nicht nur Schuberts kompositorischen Qualitäten nachvollziehen, sondern eröffnen auch indirekt die Ziele von Gülkes eigener interpretatorischen Deutung.

Diese impliziert eine ausgesprochen partiturgenaue Lesart, die durch Gülkes musikwissenschaftliche Arbeit zudem forschungstechnisch fundiert ist. Die Unterscheidung zwischen einem Keil oder Punkt ist bestens artikuliert, jede Wiederholung wird folgsam eingehalten und auch die Tempodispositionen sind sowohl satzübergreifend als auch satzintern korrekt umgesetzt. Im Gegensatz zu den Vertretern der Historischen Aufführungspraxis wird hierbei auch nicht unaufhörlich der Anspruch erhoben, dass mit der Interpretation der Komponistenwille exakt rekonstruiert würde. Wie die Praxis belegt, mündet etwa die Sturheit eines Roger Norrington in weitaus subjektivere Übertreibungen als in eine - ohnehin unmöglich zu realisierende - objektive Reproduktion der Partitur. Gülke reflektiert (wie auch zahlreiche Dirigenten der Historischen Aufführungspraxis) die lange im Dunkeln gebliebene Tatsache, dass die langsame Einleitung zu Beginn der Sinfonie von Schubert im Allabreve konzipiert ist. Sein Tempo markiert somit weder eine epische Trauermarsch-Charakteristik wie bei Karl Böhm, noch schlägt es in einer Norrington-Geschwindigkeit über jegliche Stränge. Dadurch werden gleichermaßen der Allabreve-Takt, die Andante-Bezeichnung und die satzübergreifende Temporelation einer langsamen Einleitung erfüllt. Kurz: Gülke eröffnet eine Deutung, die sowohl stilistisch als auch im Ausdruck durch und durch als richtig bezeichnet werden darf.

Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass auch etwas fehlt. Wenn man die erschütternde in Zeiten des Zweiten Weltkriegs realisierte Aufzeichnung der ‚Großen C-Dur-Sinfonie‘ unter Wilhelm Furtwängler anhört, stellen dessen Extreme in Ausdruck und subjektiver Tempoauslegung, obgleich ihrer viel größeren Unvereinbarkeit mit den wissenschaftlich belegten Intentionen Schuberts, ein nach wie vor unerreichtes Hörerlebnis dar. Die Probleme in Gülkes Lesart werden vor allem dann deutlich, wenn auch er klare subjektive Verstöße gegen den Notentext vollzieht. Denn auch wenn die drei Tempovorschriften des ersten Satzes – 'Andante', 'Allegro ma non troppo' und 'Più moto' – vorbildlich ausbalanciert in ihrem Tempoverhältnis zueinander erklingen, bremst Gülke das apotheotisch im Streicher-Tutti wiederkehrende Hauptthema in der Coda, um dieser Passage das nötige Gewicht zu geben. Damit ist er in dieser Passage Furtwänglers Interpretation viel näher als etwa der Deutung von Michael Gielen. Im Hinblick auf die Gesamtinterpretation ist es gleichwohl ein inkonsequenter Bruch. Und genau hier offenbart die Einspielung Schwächen – bei Furtwängler ist die imposante Tempobremsung Konsequenz aus der extremen Agogik, die den gesamten Satz durchzieht. Bei Gülke ist sie ein Irritationsmoment.

Eine gelungene Interpretation entsteht letztlich nicht allein aufgrund einer möglichst objektiven Sichtweise. Großartige Interpretationen sind immer subjektiv und sollen es auch sein; schließlich wird nur so ein spannend-vielseitiger Diskurs mit den Meisterwerken ermöglicht. Gülke ist mit seiner Einspielung ein Superlativ an Partiturtreue gelungen, an der sich andere Aufnahmen erst einmal messen lassen müssen. Dennoch bleibt ebenfalls zu hoffen, dass in Zukunft ein Dirigent den Mut haben wird, wieder eine subjektivere Lesart in unser heutiges Interpretationsumfeld zu tragen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Sinfonie Nr. 8

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
27.10.2017
EAN:

760623205366


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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