> > > Croce, Giovanni: Motetten und Sacrae Cantiones
Samstag, 19. Oktober 2019

Croce, Giovanni - Motetten und Sacrae Cantiones

Hörenswerte Mehrchörigkeit


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Giovanni Croce steht in einer beeindruckend großartigen Reihe. Es ist entzückende – sicher nicht alles vor und nach ihr verschattende – Musik voller Lebendigkeit. Genauso so singen und spielen Voces Suaves und Concerto Scirocco das schöne Programm.

Denkt man an venezianische Musik älterer Provenienz, kommen spontan Namen wie Willaert, zweierlei Gabrieli, natürlich Monteverdi und später Cavalli in den Sinn. Doch mitten in dieser Reihe, parallel zu Giovanni Gabrieli und nur wenige Jahre vor Claudio Monteverdi gibt es einen Namen, der heute weniger geläufig ist: Giovanni Croce (1557-1609) war nach langsamem Aufstieg in der Hierarchie an San Marco in seinen letzten Jahren als Kapellmeister in einer hochreputierlichen Position. Qualifiziert hatte ihn dafür neben seiner offenbar überzeugenden praktischen Arbeit auch sein kompositorisches Werk. Das war zu seiner Zeit geschätzt und behauptete dank etlicher Nachdrucke auch nach dem Tod des Komponisten noch einige Präsenz. Auf der aktuellen Platte der Ensembles Voces Suaves und Concerto Scirocco stehen vor allem Motetten aus dem 1594 erschienenen ersten Motettenbuch im Mittelpunkt. Es sind überwiegend knappe, jeweils klar konturierte Sätze, harmonisch nicht sehr variant, aber effektvoll in ihren Möglichkeiten: Croce wusste, wie man die aufkommende Dopppelchörigkeit in gelungene Konstellationen übersetzte. Räumliche Wirkungen und die Möglichkeiten der Kapelle von San Marco werden gleichermaßen souverän ausgespielt. Gleichzeitig mied er manches, was bei seinem Kollegen Gabrieli teils weit nach vorn wies, ohne freilich altmodisch zu wirken: Croce nutzte die strukturelle Öffnung des musikalischen Satzes, hielt sich aber von allzu kompliziert gebauten Soggetti ebenso fern wie von wirklich vertrackter Rhythmik. Stattdessen setzte er entschlossen auf gliedernde, geradezu griffige Ritornelle. Die werden im ansonsten vorzüglichen, viersprachig und mit einer Fülle an nützlichen Informationen aufwartenden Booklet etwas missverständlich als Refrains angesprochen – dazwischen darf man allerdings nichts Strophisches erwarten. Angenehm ist, dass in den begleitenden Texten Croces Werke nicht mit wohlwollender Deutung überzeichnet werden: Stärken und Schwächen werden offen angesprochen und diskutiert. Ein sehr sympathischer Zug. Das Programm der Motetten wird fein kontrastiert mit instrumentalen Canzonen und Toccaten von Picchi, Gabrieli, Guami oder Merulo, gespielt von der Orgel oder einer variantenreichen Instrumentalbesetzung.

Höchst lebendig

Die Instrumente des Concerto Scirocco gehen auch in den Vokalwerken mit und zeigen sich hier, variantenreich arrangiert, spielfreudig, mit erkennbarer Lust an süffigem Klang. Zugleich agieren sie agil und beweglich, auch kompakt in manchem Ritornell. Besondere Erwähnung verdient die erklingende Orgel: Die Aufnahme entstand in Santa Barbara in Mantua, wo sich eine wunderbare, 1565 von Graziadio Antegnati gebaute Orgel befindet. Dieses Instrument zeigt sich glänzend disponiert, klingt klar und scharf, zeichnet präzis, kennt liebliche Kontraste. Eine besondere, ebenso typische wie im Gesamtkontext zusätzlich überzeugende Zutat sind die herrlichen Geräusche der betagten Mechanik.

In den Vokalisten der Voces Suaves tritt eine ausgewogene Riege junger Sängerinnen und Sänger hervor, die sich einzeln und in der Gruppe in diesem typischen ‚1600-Idiom‘ wie in ihrem ästhetischen Zuhause bewegen: Frei, klangsensibel, rhythmisch knackig, mit sehr präsenten Registern voller Idiomatik. Gemeinsam mit den Instrumenten und der Orgel wird in einem hohen Stimmton von 466 Hz musiziert; die mitteltönige Stimmung evoziert vokal eine Vielzahl fabelhaft ausgehörter Akkorde, während die Instrumente vielfarbig schillern.

Die Tempo-Szenerie ist bewegt, die explizite Mehrchörigkeit wird entschieden ausgespielt, klar rhythmisiert, mit blockhaften Wirkungen und mannigfaltigen dynamischen Effekten. All das macht deutlich, warum diese Musik lange über Croces Tod hinaus beliebt war und aufgeführt wurde: Sie verfehlte einfach ihre Wirkung nicht, ist nicht im Übermaß vergrübelt, gibt sich vom ersten Moment an verständlich und zugänglich. Im Vergleich zu Giovanni Gabrieli, dem schon mancher Themenkopf seiner Canzonen rätselhaft komplex gerät, sicher nicht die höher stehende Kunst, aber zumindest auch nicht die weniger wirkungssichere. Das unterstreicht auch das Klangbild der Aufnahme, das räumliche Größe sehr gelungen mit detailreicher Präzision verbindet. In den Momenten des großen Nachhalls erkennt man, was das Aufnahmeteam geleistet haben muss, um so eine hervorragende Balance herzustellen.

Giovanni Croce steht in einer beeindruckend großartigen Reihe: Vorgänger waren unter anderem Willaert, de Rore und Zarlino, Nachfolger Monteverdi, Cavalli, Legrenzi, Lotti oder Galuppi. In ihrem Rang vielleicht in Deutschland der Tradition der Thomaskantoren vergleichbar. Es ist entzückende – sicher nicht alles vor und nach ihr verschattende – Musik voller Lebendigkeit. Genauso so singen und spielen Voces Suaves und Concerto Scirocco das schöne Programm.


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    Croce, Giovanni: Motetten und Sacrae Cantiones

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
06.10.2017
Medium:
EAN:

CD
3760195734391


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Arcana

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