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Freitag, 23. Februar 2018

Vivaldi, Antonio - Blockflötenkonzerte

Temminghs Vivaldi


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Stefan Temmingh und das Capricornus Consort Basel bieten frische, aber nicht überdreht daherkommende Vivaldi-Konzerte, die auch Kontemplation und gewisse Freiheiten kennen. Eine eigenwillige Deutung mit manch besonderer Note.

Dass der grandiose und vielfach gelobte Blockflötenvirtuose Stefan Temmingh nach etlichen programmatisch anspruchsvollen Alben, zum Beispiel in intensiver Zusammenarbeit mit Dorothee Mields, nun auch einmal reinen Kanon spielen möchte, ist legitim und bedarf keiner Rechtfertigung: Sein persönlicher Blick auf Vivaldi sollte so selbstverständlich akzeptiert sein, wie das bei einem Bariton mit dessen 'Dichterliebe' oder bei einem Pianisten mit dessen ‚Mondschein-Sonate’ der Fall ist: Dass es in jedem der Fälle schon dutzende Aufnahmen gibt, oft etliche mit Referenzcharakter, stellt das künstlerische Sehnen der nachgeborenen Interpreten nicht in Frage.

Und Temmingh vermeidet alles, was ihm den Vorwurf einbringen könnte, bloß eine Lücke in seiner Diskografie schließen zu wollen. Er geht das Vorhaben gründlich und reflektiert an, wählt mit dem spielfreudig-farbigen Capricornus Consort Basel ein hinreichend unorthodoxes Ensemble, um wirklich zu interessieren. Und er fügt in den Werkkorpus der drei Konzerte (samt rekonstruiertem Konzert RV 312R) für Sopranino und des je einen für Sopran- oder Altblockflöte gliedernde Größen ein: Fünf Choräle und ein Präludium von Johann Sebastian Bach sind als charakterisierende Motti vorgeschaltet, was zwar rein individuellen Überzeugungen entspringt, aber anregend und diskutabel scheint. Zumal es ja unleugbare Verbindungen von Vivaldis zu Bachs Musik gibt und es guttut, Tempo und Ausdruckspräsenz der Vivaldischen Ecksätze voneinander getrennt zu hören. Allerdings sind die Bach-Inseln mit einer Ausnahme so klein, dass sich Bachs Ästhetik im oft ätherischen Miteinander der Instrumente nicht sehr deutlich entfaltet: Der Rezensent bekennt seine Überraschung, das einmal über Bachs Musik zu schreiben.

Mit besonderer Note

Seinem Vivaldi gewinnt Temmingh in den langsamen Sätzen Töne voller Sehnsucht und Tiefe ab – solch einen ins Karge, gelegentlich gar Versiegende gewendeten Klang zu etablieren, ist in diesen Sätzen deutlich angezeigt, wird aber selten so gelungen musiziert wie hier. Zudem gehen Temmingh und seine Mitstreiter das Ganze in erstaunlich gelassenen Tempi an, vermeiden jeden bei Vivaldi-Interpretationen oft zu beklagenden Überdruck: Die rahmenden Allegro-Sätze werden nicht als permanentes Presto missverstanden. Dynamische Kontraste aus den Wechseln von Tutti-Ritornellen und solistisch geprägten Passagen werden raffiniert abgeschmeckt und nicht mit dem Holzhammer erzwungen. All das sind bekanntlich mögliche Irrwege, die erstens allzu oft beschritten werden und zweitens die Freude an Vivaldis inspirierter, freilich in einem wenig flexiblen Formprinzip steckender Musik durchaus trüben können. Nicht so hier.

Was natürlich am mit all seinen üppigen Qualitäten präsenten Solisten liegt. Temminghs Finger- und Zungenfertigkeit ist makellos, er erweist sich als geschmackvoller Deuter in Ausmaß und Intensität der Verzierungen. Einzig der Mittelsatz des berühmten Flautino-Konzerts in G-Dur RV 443 schert da aus: Die von Domen Marinčič eingefügten Verzierungen sind zwar in sich stimmig, heben sich aber von der in den anderen langsamen Sätzen geübten, eindeutig sparsameren Praxis zu deutlich ab. Die drei erklingenden Instrumente Temminghs wirken erfreulich füllig im Klang. Auch die Sopranino-Flöte ist rund und komplett in ihrer Wirkung, auch in der hohen Randlage nicht übertrieben spitz.

Das Capricornus Consort Basel mit dem Geiger Peter Barczí an der Spitze ist an Expertise und Farbenreichtum kaum zu übertreffen. Neben dem arrivierten Instrumentarium setzen auch Psalterium und Harfe vernehmliche Akzente – freilich immer mit Geschmack registriert, ohne je überladen zu wirken. Die solistische Besetzung aller Stimmen sorgt für kammermusikalische Dichte und Intensität. Artikuliert wird zwar durchaus kleinteilig, ohne aber diesen Aspekt über Gebühr zu betonen. Eher wird das Geschehen kontextualisiert; auch mit Blick auf die rasante Präsenz der solistischen Flöte ist das eine kluge Entscheidung. Das Klangbild ist von gelassener Perfektion: klar, dazu beeindruckend plastisch strukturiert, alle Lagen und Farben gelungen abbildend.

Stefan Temmingh und das Capricornus Consort Basel bieten frische, aber nicht überdreht daherkommende Vivaldi-Konzerte, die auch Kontemplation und gewisse Freiheiten kennen. Eine eigenwillige Deutung mit manch besonderer Note.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ergänzende Informationen
    Hier spielt der Blockflötist Stefan Temmingh kein 4. Flautinokonzert, das Antonio Vivaldi komponiert hat, sondern meine 1999 veröffentlichte Rekonstruktion RV 312(R) in G Dur. Obwohl Stefan Temmingh im Januar 2016 das Orchestermaterial bei mir bestellt hatte, hat er seitdem meinen Namen sicherlich vergessen, denn er ist nirgends im Booklet zu finden... Hier sei nur darauf hingewiesen, dass Temmingh die leichten Ossias im 1. Satz spielt, während Dorothee Oberlinger (CD marc aurel edition MA 20015) die von Vivaldi ausgestrichenen schweren Takte - er hielt sie wohl für unspielbar! - makellos wiedergibt. Oder ist die Geschichte dieses Konzertes dem Virtuosen unbekannt geblieben? Lesetips: Meine Fachartikel in INFORMAZIONI E STUDI VIVALDIANI 20 (1999), S. 83-110, Lexikon der Flöte (Laaber, 2009, Artikel 'Vivaldi')und TEMPO FLUTE 10 (2014), S. 21-29.

    Jean Cassignol, 06.12.2017, 22:41 Uhr
    Registriert seit: 05.12.2017

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivaldi, Antonio: Blockflötenkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
06.10.2017
EAN:

4015023243323


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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