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Freitag, 14. Dezember 2018

Frozen Time - Orgelwerke

Stillstellung der Zeit


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neueste Produktion des Organisten Dominik Susteck bringt Werke mit ungewöhnlicher Zeitstruktur von John Cage und Toshio Hosokawa mit eigenen Orgelimprovisationen zusammen.

John Cages Orgelkomposition 'Organ2/ASLSP' (1987) hat es in den vergangenen Jahren immer wieder ins Feuilleton geschafft: Seit dem Jahr 2001 findet in der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt eine auf die Gesamtdauer von 639 Jahren berechnete Darbietung des Stückes statt, bei der die alle paar Jahre stattfindende Veränderungen, bislang jeweils das Hinzutreten neuer Tonhöhen, medienwirksam inszeniert wird. Dass hier die im Titel verschlüsselte Anweisung 'As SLow aS Possible' weit über die Lebenszeit eines Menschen hinaus ausgeweitet wird, lässt bei der Diskussion des Halberstadt-Projekts leider in den Hintergrund treten, worauf es Cage eigentlich ankommt: Er konfrontiert den Musiker mit einer frei wählbaren, jedoch möglichst gedehnten Zeitstruktur und ersetzt dadurch den Bezug auf den Rhythmus durch die Arbeit mit extremen Dauern zwischen den Einsatzimpulsen seiner Klänge.

Für den Interpreten hat dies entscheidende Konsequenzen, da die Gestaltung des achtseitigen Notentextes aufgrund der vollständigen Unabhängigkeit aller vier Extremitäten bei zunehmender Gesamtlänge des Stückes nicht nur besondere Anforderungen an die Physis des Organisten stellt, sondern die Entscheidungen für eine spezifische Zeitgestaltung auch mit Überlegungen zur klanglichen Umsetzung – also zur Dynamik und Registrierung des Instruments – zusammenhängen. Dominik Susteck macht sich auf seiner neuesten CD bei der rund 45-minütige Erkundung von Cages Stück sein untrügliches Wissen um die Möglichkeiten der wunderbaren Orgel in der Kölner Kunst-Station Sankt Peter zunutze: Die Wiedergabe macht deutlich, dass es dem Organisten primär darum geht, den Klang und seine unterschiedlichen, durch Registerwahl oder Abstrahlung bestimmte Qualitäten – etwa perkussiv, weich, rau, fern, nah oder konturlos – zur Schaffung von unterschiedlichen, miteinander kontrastierenden oder auch unmerklich ineinander übergehenden Wahrnehmungsräumen zu nutzen.

Dem beim Label Wergo veröffentlichten Ergebnis, beschreibbar als eine Art Klangskulptur, die sich auf unvorhersehbare Art wandelt, stellt Susteck die wesentlich kürzeren Orgelkompositionen 'Cloudscape' (2000) und 'Sen IV' (1990) von Toshio Hosokawas gegenüber, die sich zwar aufgrund ihrer spezifischen Klangorganisation von Cages Stück unterscheiden, aber dennoch wegen ihrer primär aus dem Atem heraus gedachten Zeitagestaltung eine innere Verwandtschaft dazu aufweisen. Als dritte Gruppe von Stücken schiebt der Organist zwischen die Werke von Cage und Hosokawa drei eigene 'Carillon'-Improvisationen, deren Titel auf die Einbeziehung mobiler MIDI-Instrumente mit Glockencharakter verweist. Die hieraus resultierenden, vorwiegend pulsartig mit kürzeren Dauern in sich kreisenden Klangereignisse wirken im Kontext der gesamten CD wie ein vorübergehender Fokus, in dem sich die Musik zwar in einer ganz besonderen Klangsituation fängt, ohne jedoch wirklich an rhythmischen Konturen zu gewinnen. Spätestens an diesen Stellen wird deutlich, mit welcher Sorgfalt Susteck den Gesamtverlauf seiner Veröffentlichung geplant hat, denn die Improvisationen bilden Verdichtungspunkte in einem sich wandelnden Panorama, das – ganz im Sinne des CD-Titels 'Frozen Time' – mit unterschiedlichen Arten der Stillstellung von Zeit befasst ist



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Frozen Time: Orgelwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
27.10.2017
EAN:

4010228736823


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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