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Montag, 23. April 2018

Kagel, Mauricio - Klavierwerke

Eigenes in Eigenem


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Pianistin Sabine Liebner überzeugt mit einer klugen und durchdachten Anordnung von Klavierstücken Mauricio Kagels.

Aufgrund ihrer vor allem Werke aus der Zeit nach 1950 einbeziehenden Repertoirewahl bleibt Sabine Liebner nach wie vor eine Ausnahme unter den zeitgenössischen Pianistinnen. Nachdem sie während der vergangenen Jahre bei ihrem Stammlabel Wergo vor allem mit Kompositionen von John Cage, Morton Feldman, Earle Brown und Giacinto Scelsi geglänzt hat, wendet sich ihre neueste Veröffentlichung dem Schaffen Mauricio Kagels zu. Damit schafft Liebner eine gewichtige Alternative zur hervorragenden Einspielung von Paolo Alvarez, der 2003 bei cpo eine Doppel-CD mit sämtlichen damals verfügbaren Klavierwerken des Komponisten vorgelegt hatte. Allerdings geht es der Pianistin nicht um Vollständigkeit, sondern - das macht die außerordentliche Veröffentlichung gleich in mehrfacher Hinsicht deutlich - um eine kluge Anordnung der ausgewählten Stücke.

Als roter Faden der Produktion dient das 1961 entstandene 'Metapiece (Mimetics)', bei dessen Umsetzung Liebner auf die von Kagel vorgegebene konzeptuelle Öffnung setzt: Kann doch das Stück in unterschiedlichen, auch simultan erklingenden Kontexten vorgetragen werden, was eine Konfrontation der Partitur mit anderer, nicht unbedingt vom Komponisten selbst stammender Musik erlaubt. Die Pianistin nutzt diese Realisierungsmöglichkeit ein, um Kagels Werke aus unterschiedlichen Entstehungszeiten miteinander in Beziehung zu setzen. So umrahmt sie einerseits mit einzelnen Abschnitten von 'Metapiece' die vier Stücke der frühen 'Cuatro piezas para piano' (1954) oder den zusammenhängenden musikalischen Diskurs von 'MM 51' (1976), während sie andererseits der Klavieretüde 'An Tasten' (1977) den Notentext von 'Metapiece' hinzufügt und ihn – seiner Autonomie beraubt – simultan zum jüngeren Stück anordnet, um dann schließlich als letzten Teil der CD noch eine furiose 24-minütige Soloversion des 'Metapiece' zu präsentieren.

Dieses in höchstem Maße durchdachte Gefüge, im hervorragenden Booklettext von Pia Steigerwald als interpretatorische Arbeit mit 'Eigenem in Eigenem' bezeichnet und in seinen Konsequenzen ausführlich beschrieben, ermöglicht es Liebner, versteckte Bezüge zwischen den stark differierenden Werkansätzen herzustellen und Kagels Musik im Sinn eines Selbstkommentars zu benutzen. In Bezug auf die hier erstmals eingespielten 'Cuatro piezas' zeigt die Pianistin etwa, wie Spuren der flexibel gehandhabten Zwölftontechnik aus dem frühen Werk sich in die Akkordbildung, Registerbehandlung oder den musikalischen Gestus des sieben Jahre jüngeren Stücks hinein fortpflanzen. Im Hinblick auf die Gleichzeitigkeit von 'Metapiece' und der vorwiegend aus konventionellen Dur-, Moll-, verminderten und übermäßigen Dreiklängen in Grundpositionen und Umkehrungen gespeisten Klavieretüde hingegen zeichnet sich das konzeptuell offene Stück als Störfaktor ab, der die rigorose Materialbehandlung der Etüde samt ihrer Verwendung vertrauter Wendungen immer wieder zugunsten anders gearteter Hörereignisse aufbricht. Das Gegenüber von 'Metapiece' und 'MM 51' wiederum führt regelrecht auf die im Untertitel vielsagend als 'ein Stück Filmmusik für Klavier' bezeichnete Komposition und den darin eingefangenen Diskurs über Funktionsweisen und Assoziationsräume von Filmmusikklischees hin.

Ergebnis all dessen ist eine plastische und aufnahmetechnisch detailreiche CD, die den Zuhörer auf ungewöhnliche Weise in die Welt von Kagels Klaviermusik einführt. Wie gekonnt Liebner ihren Vortrag in den Dienst der musikalischen Brechungen stellt, indem sie etwa die weichen oder gezackten melodischen Bewegungen mal pointiert, mit präzisem und trockenem Anschlag, mal mit kantablem Legato nachzeichnet, wie sie aber auch Passagen voller zarter Klangentfaltung einstreut und schließlich gar in 'MM 51' ihren Vortrag ganz selbstverständlich auf die immanente Theatralität des einkomponierten, gehässigen Lachens ausweitet, hat große Klasse. Die Veröffentlichung zeugt daher einmal mehr von den Qualitäten einer Interpretin, die sich mit ihrem ganzen Können der jüngeren Klaviermusik verschrieben hat und ihre Liebe zu diesem Repertoire anhand ausgefeilter CD-Konzeptionen zum Besten gibt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Kagel, Mauricio: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
27.10.2017
EAN:

4010228736328


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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