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Samstag, 18. August 2018

Dvorak, Antonin - Sämtliche Streichquartette

Höhen und Tiefen


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Schatzkiste für Quartettfreunde hält alles vor: Bekanntes, das in dieser Form überflüssig ist, aber auch unerwartete Entdeckungen.

Vierzehn Streichquartette hat Dvořák geschrieben und damit fast Beethovens Quartettzahl erreicht. Während aber dessen 16 Werke nahezu alle gleichermaßen im Konzertsaal auftauchen, sind es bei Dvořák allenfalls fünf: die drei letzten, die er während seines Amerika-Aufenthalts bzw. unmittelbar danach geschrieben hat, und dann und wann noch die beiden Quartette opp. 51 und 61.

Die Quartette aus den siebziger Jahren erscheinen höchstens einmal auf einer Gesamtaufnahme, wie sie hier vorliegt. Offensichtlich gibt es bei den Musikliebhabern, insbesondere bei der verschworenen Gemeinde der Quartett-Enthusiasten aber durchaus das Interesse an den früheren Werken, denn Brilliant Classics legt hier eine Gesamtaufnahme vor, die bereits in den Jahren 1987 bis 1993 entstanden ist und schon einmal auf dem Markt war. Alle Einspielungen wurden mit der Ursprungsbesetzung des Stamitz-Quartetts vorgenommen – gegenwärtig sind davon noch die beiden Musiker der Mittelstimmen übrig geblieben.

Gesamtaufnahmen von Dvořáks Streichquartetten scheinen das Privileg tschechischer Quartettformationen zu sein – auch das Panocha und des Prager Streichquartett haben sich damit befasst. Das Stamitz-Quartett gründete sich 1987 und benannte sich nach dem berühmten böhmischen Musiker, Johann Stamitz, der zum Spiritus rector der Mannheimer Hofkapelle wurde. Das ‚Böhmische‘ ist also für die Streichquartett-Formation Programm. Es hat denn auch die Quartette von Smetana, Janáček und Martinů eingespielt.

Die Dvořák-Aufnahmen des Stamitz-Quartetts begannen mit den berühmten Quartetten, dem sogenannten ‚Amerikanischen‘ op. 96 von 1893 und dem G-Dur-Quartett op. 106 von 1895. Vergleiche mit heutigen Spitzenquartetten bieten sich da an. Leider fallen die Tschechen da deutlich ab. Es fällt auf, dass die Musiker noch einem älteren Ideal des Musizierens nachhängen. Ihnen geht es nicht um Risiko, um Hochspannung wie etwa dem Emerson- oder dem Artemis-Quartett. Sie nehmen ruhigere Tempi, achten mehr auf einen gepflegten Ton und Genauigkeit. Das reißt den Hörer nicht gerade mit, ist er doch heute anderes gewohnt. Viel interessanter sind stattdessen die frühen Quartette, bei denen ein solcher Vergleich mangels Aufnahmen nicht möglich ist. Und siehe da: Auch das Stamitz-Quartett weiß durchaus ‚böhmisches‘ Feuer zu entwickeln, etwa bei op. 34 in d-Moll, das Dvořák seinem Vorbild Johannes Brahms gewidmet hat, oder beim direkten Vorläufer op. 16 in a-Moll. Aber auch das zur gleichen Zeit entstandene Werk, das Quartett op. 80 in E-Dur, das eigentlich die Opus-Nr. 27 erhalten sollte und 1874 geschrieben wurde, erhält vom Stamitz-Quartett die brüske Spielweise, die der Komposition gerecht wird. In diesen Jahren scheint in Dvořáks Musik zudem immer eine Trauer durch, wie sie auch das gleichzeitig entstandene 'Stabat Mater' durchzieht. Ursprung war wohl – wie die Biographen meinen – der frühe Tod seiner drei kleinen Kinder. Die Musiker finden auch hier eine adäquate Interpretation.

Auch die Quartette aus den frühen Jahren des Komponisten sind engagiert gespielt. Sie verraten viel über die künstlerische Entwicklung des jungen Bratschers im Prager Opernorchester. Er ist voll musikalischer Einfälle, kann sie aber noch nicht recht strukturieren, so dass etwa das Quartett in D-Dur, das er mit 15 Jahren beginnt und erst mit 29 Jahren abschließt, ganze 70 Minuten lang ist und das B-Dur-Quartett von 1869 auch noch ca. 50 Minuten dauert. Solche Werke sind einem Konzertpublikum kaum zuzumuten aber sie in eine Kompilation mit aufzunehmen, ist verdienstvoll und für den an Dvořák Interessierten auf jeden Fall spannend.

Gerade bei den weniger bekannten Quartetten fällt denn auch nicht so sehr ins Gewicht, dass das Stamitz-Quartett nicht unbedingt zur internationalen Spitze gehört: Der Gesamtklang ist unausgewogen, die zweite Violine kaum zu hören, die erste Violine hat in der Höhe einen ziemlich dünnen Ton, der manchmal durch übertrieben viel Vibrato wohl ausgeglichen werden soll, was den Ton aber nur noch unangenehmer macht. Das alles ist aber nur am Rande störend, weil die Neugier und die Freude an der Entdeckung von Unbekanntem bei einem so bekannten Komponisten überwiegen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dvorak, Antonin: Sämtliche Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
10
29.09.2017
EAN:

5028421954981


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