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Sonntag, 21. Oktober 2018

Britten & Hindemith - Violinkonzerte

Im Kompositionsjahr vereint


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Geigerin Arabella Steinbacher stellt zwei Violinwerke aus dem Jahr 1939 gegenüber. Den beiden Konzerten von Benjamin Britten und Paul Hindemith verleiht sie dabei leider zu wenig Persönlichkeit.

Arabella Steinbacher zählt zu den gefeierten Geigerinnen der jüngeren Generation. Sie zeichnet sich insbesondere durch ihr vielseitiges Repertoire aus. Neben den großen Klassikern der Literatur scheut sie sich nicht vor neueren Werken, von denen sie bereits eine beachtliche Anzahl auf Tonträger veröffentlicht hat, beispielsweise die Konzerte von Aram Chatschaturjan (2004), Darius Milhaud (Orfeo, 2005), Alban Berg (Orfeo 2009), Bela Bartók (Pentatone, 2010) oder auch Sergej Prokofiev (Pentatone, 2012). Man kann ihr somit zugutehalten, dass sie die ausgetretenen Pfade der Repertoire-Einspielungen bislang eher vermieden hat.

Auch auf ihrer neuesten Aufnahme hat sie sich zweier durchaus unbequemer Werke der Violinliteratur angenommen. Zu hören sind das Violinkonzert op. 15 von Benjamin Britten (1913-1976) und das Violinkonzert von Paul Hindemith (1895-1963). Diese zählen zu den bekanntesten Violinkonzerten des 20. Jahrhunderts, erfreuen sich aber – wie es das Schicksal vieler Werke dieses Jahrhunderts ist – in der allgemeinen Rezeption keiner übermäßigen Beliebtheit. Ein Grund mehr, sie zu Gehör zu bringen. Steinbacher zur Seite steht mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung des aktuellen Chefdirigenten Vladimir Jurowski eine kompetente Begleitung. Erschienen ist die Aufnahme bei Pentatone in Koproduktion mit Deutschlandfunk Kultur.

Den Auftakt macht das Britten‘sche Violinkonzert. Es ist ein fulminantes Konzert, das Britten selbst nach der Uraufführung sogar als sein ‚bestes Werk‘ titulierte. Die drei kontrastierenden Sätze sind voller theatralischer Gesten, unbefangener Lyrik und atemberaubendem Feuerwerk. Arabella Steinbacher musiziert – wie gewohnt souverän – mit hochsensiblem Klangempfinden und schlanker Tongebung, blitzsauberer Intonation und tadelloser technischer Präzision. Mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hat sie einen spielfreudigen Klangkörper als Partner, der sich ebenso klug zurücknehmen wie auch an passender Stelle musikalisch zupacken kann. In dem scherzoartigen zweiten Satz überzeugen Orchester und Solist, besonders in den fahrigen, zerrissenen Abschnitten. Wobei insgesamt Steinbachers Lesart an mancher Stelle etwas mehr Temperament vertragen könnte. Das Hauptaugenmerk ihres Ansatzes scheint auch in dieser Aufnahme die klangliche Schönheit zu sein, an deren Grenzbereiche sie nur höchst selten stößt – eine Klangästhetik, der sie seit vielen Aufnahmen treu bleibt. So gibt sie dem ‚romantischen‘ Tonfall in Brittens Konzert viel Raum und stellt heraus, wie seine moderne Struktur und Klanglichkeit mit – zum Teil auch melodienseliger – Sinnlichkeit zu verschmelzen scheinen. Das Kratzige, (Kontur-)Scharfe, kommt bei ihr kaum hervor. Doch gelegentlich packt sie auch musikalisch zu, so wie beispielsweise zu Beginn der Passacalia, die sie erfreulicherweise höchst eindringlich und intensiv musiziert. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin folgt ihr dabei ohne Zögern. Wie ein Leichenkondukt zieht dieser melancholisch-feierliche Satz dahin und endet, so die Vortragsbezeichnung, ‚Lento e solemne‘. In diesem großartig komponierten Finale überzeugen sowohl Steinbacher wie auch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Im Violinkonzert von Paul Hindemith zeigt sich ein ähnliches Bild: Der Kontrastreichtum zwischen den massiven orchestralen Strukturen und den fein geformten Figurationen im klangvollen Violinenton ist enorm ausdrucksstark. Steinbacher brilliert bei den halsbrecherischen Läufen mühelos. Allgemein ist auch dieses Werk von einem lyrischen Tonfall bestimmt, der in Steinbachers Spiel und Lesart greifbar zum Tragen kommt (und ihrem Spiel scheinbar zu liegen scheint). Jedoch hätte es im dritten Satz, der vor energischem Gestus nur so strotzt und mit rhythmischen Impulsen gespickt ist, etwas mehr Zugriff vertragen können. Vladimir Jurowski führt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sicher durch ein breites und ebenso intensives Klangfarbenspekrum.

Insgesamt gelingt hier – vor allem konzeptionell – eine interessante Gegenüberstellung zweier Werke aus ein und demselben Jahr, 1939. Beide Komponisten waren zu diesem Zeitpunkt bereits im Exil und leisten dennoch einen bereichernden Beitrag zur (durchaus europäisch geprägten) Gattungsgeschichte des Violinkonzertes. Es ist sicherlich auch eine innere musikalische Auseinandersetzung mit den individuellen neuen Lebensumständen. ‚Für mich bersten die Konzerte geradezu vor emotionaler Zerrissenheit, bohrender Unsicherheit und latenter Gebrochenheit‘, schreibt Arabella Steinbacher selbst im Booklet. Ob die Stärke genau dieser Einspielung jedoch explizit hierin besteht (und ob man diese Lesart in der Interpretation wiederfindet), bleibt wohl letztlich jedem Hörer selbst überlassen.


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    Britten & Hindemith: Violinkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Pentatone Classics
1
EAN:

827949062568


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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