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Sonntag, 21. Oktober 2018

Das Klarinettenduo Beate Zelinsky - David Smeyers - Werke von Ingólfsson, Hölszky und Brass

Doppelkonzert-Varianten


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Beate Zelinksy und David Smeyers präsentieren als Klarinettenduo drei für sie komponierte Doppelkonzerte und überzeugen dabei durch ihren facettenreichen Zugang.

Seit 1980 bilden Beate Zelinsky und David Smeyers ein Klarinettenduo, das sich mit Leidenschaft der Ausführung neuester Musik verschrieben hat und seither zahlreiche neue Kompositionen sowohl angeregt als auch uraufgeführt hat. Drei für das Duo entstandene Doppelkonzerte – nämlich Werke von Atli Ingólfsson (*1962), Adriana Hölszky (*1953) und Nikolaus Brass (*1949) – werden auf der vorliegenden Veröffentlichung des Label NEOS dokumentiert; zwei davon – die Stücke von Hölszky und Brass – wurden dabei aus dem Kontext anderer NEOS-Produktionen kompiliert. Die Zusammenstellung macht insofern Sinn, als im Nacheinander der unterschiedlichen Doppelkonzerte die ästhetische und klangliche Vielfalt im Umgang mit den beiden Holzblasinstrumenten viel stärker hervortritt als bei einer isolierten Präsentation der Einzelwerke.

Mit 'Orgoras Speaks' für zwei Klarinettisten und Ensemble (2009) von Atli Ingólfsson, interpretiert vom Caput Ensemble unter Leitung von Guóni Franzson, steht eine Komposition am Anfang, die sich auf die besonderen Qualitäten von Zelinksy und Smeyers Vortrag besinnt: der Fähigkeit, ihre beiden Instrumente klanglich und rhythmisch perfekt miteinander verschmelzen und sie so wie ein einziger Klangerzeuger wirken zu lassen. Dementsprechend basiert das knapp zwölfminütige Werk vollständig auf Zweiklängen und deren Differenztönen – also jenen Tonhöhen, die sich durch die Differenz der Frequenzen zweier simultan erklingender Töne ergibt –, die in pendelnde Instrumentaltexturen von unterschiedlichen Verschmelzungsgraden eingebettet werden. Hierbei tastet Ingólfsson einerseits die klanglichen Eigenarten ab, die sich durch das variable Miteinander von Solo- und Ensembleinstrumenten ergibt, führt andererseits aber auch die solistischen Qualitäten des Klarinettenduos vor, indem er den Musikern in einer Kadenz gemeinsamen Entfaltungsmöglichkeiten gibt.

Demgegenüber rückt Adriana Hölszky in ihrer Komposition 'Flugmanöver' für zwei Klarinetten und Orchester (2006), hier in einem Mitschnitt der Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen 2006 mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Arturo Tamayo präsentiert, die Lust am virtuosen solistischen Konzertieren in den Mittelpunkt: Mit gestischen Einwürfen voller Bewegungsenergie stehen die Klarinetten im Vordergrund, wo sie immer wieder aufeinander reagieren. Dadurch geben sie zugleich die Impulse für räumlich konzipierte Klangbewegungen, die Hölszky von Gruppe zu Gruppe durch das Orchester laufen lässt, um sie dann zu massiven Knotenpunkten zu verdichten oder in fein ziselierte Fäden aufzulösen.

Den Höhepunkt der Veröffentlichung bildet das Doppelkonzert 'Zeit im Grund' für zwei Klarinetten und Streicher (2008) von Nikolaus Brass, dessen auf 38 Minuten gedehnter Verlauf in der Wiedergabe mit dem Münchener Kammerorchester unter Leitung von Alexander Liebreich überraschend kurzweilig wirkt. Von zarten Bewegungen der miteinander verwobenen Soloparts aus entfaltet sich eine ruhige Schönheit, die zunächst von sanften dynamischen Wellen und einer überlappenden Phrasen in der Mittellage geprägt ist, bevor sie auch weiter auseinander liegende Klangbereiche zu erobern beginnt. Die atmosphärischen Wechsel der Musik, geprägt von divergierender Stimmendichte, mikrointervallischer Harmonik oder – auf dem Höhepunkt der Komposition – auch von einem Sich-Aufschaukeln der Lautstärke, lässt Brass immer aus den Aktionen des Solistenpaars hervorwachsen, wobei er dem Duo viel Raum für klangfarbliche Schattierungen lässt.

Insgesamt überrascht die CD durch einen abwechslungsreichen Umgang mit der kompositorischen Problemstellung, dem solitisch agierenden Klarinettenduo ein ausgedehnteres Musikerkollektiv gegenüberzustellen. Zelinsky und Smeyers erwiesen sich den ihnen anvertrauten Aufgabenstellung in allen drei Fällen gewachsen und tragen mit ihrem facettenreichen Zugang zu den Werken zur rundum gelungenen Konzeption dieses Porträts bei. Und schließlich ermöglichen die drei kurzen, jeweils mit einer Abbildung von Partiturseiten oder Skizzen versehenen Einführungstexte im Booklet einen sehr guten Einstieg in die ästhetisch so unterschiedlichen Welten von Ingólfsson, Hölszky und Brass.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Das Klarinettenduo Beate Zelinsky - David Smeyers: Werke von Ingólfsson, Hölszky und Brass

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
15.09.2017
EAN:

4260063117084


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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