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Dienstag, 9. August 2022

Brahms, Johannes - Klaviertrios Vol. 2

Wechselbad der Empfindungen


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brahms war in puncto Selbstkritik radikal. Nur in seiner Jugend gab er einmal vorschnell ein Werk zum Druck frei. Jahre später revidierte er es – ein Glücksfall für Brahmskenner.

Brahms schreibt man zu, dass ihm die Quadratur des Kreises gelang: Vergangenes zu durchdringen, um Neues zu schaffen. Das erklärt seine Radikalität im Umgang mit seinen Werken. Gemessen an dem, was er komponierte, hat er wenig veröffentlicht. Nur einmal passierte eine vorschnelle Freigabe. Das Streichtrio op. 8, komponiert unter dem Eindruck erster Berühmtheit, übergab Brahms 1854 dem Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel zum Druck, um kurz darauf seinem Freund Joseph Joachim zu schreiben: ‚Das Trio hätte ich gern noch behalten, da ich jedenfalls später darin geändert hätte.‘

35 Jahre danach lieferte Brahms eine zweite Version, die den Status einer Überarbeitung weit übertrifft: radikal gekürzt die Weitschweifigkeit seines jugendlichen Erst-Entwurfes, die herrlichen Themen beibehalten, in der Quersumme betrachtet eigentlich eine Neukomposition, unglaublich verdichtet, packend, großartig. Und für die Forschung ein Glücksfall. Denn alles, was Brahms an Skizzen und Entwürfen erstellte, hat er sorgsam vernichtet. Nur mit op. 8 gelang es nicht. So lässt sich an diesem Werk sein radikales Ringen um die Konzentration exemplarisch nachvollziehen.

Das Vienna Piano Trio stellt in seiner Kompletteinspielung (MDG) aller Brahms‘schen Klaviertrios auf 2 CDs dieses Jugendwerk von 1854 neben op. 101. Knapp 20 Minuten Länge beansprucht allein der erste Satz, alle vier Sätze in der Gesamtsumme über 40 Minuten Musik, die zum Entdeckungsabenteuer wird. Dafür garantiert das Wiener Trio. Es steht außer Frage: Hier verarbeitete der 21-jährige Brahms viele Eindrücke aus dem unmittelbar Erlebten. Um 1853 erstmals seiner Heimatstadt Hamburg fern, begegnete er Größen wie Franz Liszt, Joseph Joachim, Robert und Clara Schumann. Schumann begründete Brahms‘ Ruhm durch einen Aufsatz, der 1853 in der Neuen Zeitschrift für Musik erschien.

Hochemotional, die Proportionen des Klangs natürlich gestaltend, offenbart das Wiener Klaviertrio den sprichwörtlich romantischen Überschwang eines Brahms, der in H-Dur, gis-Moll und h-Moll zwischen derb-musikantischer Ausgelassenheit und choralartiger Feierlichkeit betörende Themen, herrlichste Kantilenen und scheinbar Bekanntes verarbeitete, Anklänge an Bachs 'Musikalisches Opfer' und Mendelssohns 'Elfen-Scherzos', Anspielungen an Schuberts 'Am Meer' aus seinem 'Schwanengesang' und das direkte Zitat aus Beethovens Lied 'Nimm sie hin denn, diese Lieder' aus dem Liederzyklus 'An die ferne Geliebte'.

Welches hohe Maß an Konzentration Johannes Brahms erreichte, belegt das Klaviertrio Nr. 3 op.101 in c-Moll. Es entstand im Komponiersommer 1886/87, den er am Thuner See verbrachte, und ist ein Musterbeispiel seines Anspruchs um die Fortführung der klassischen Form auf der Grundlage intensivster Auseinandersetzung mit ihr. Clara Schumann notierte im Juni 1887 in ihrem Tagebuch: ‚Welch ein Werk ist das! Genial durch und durch in der Leidenschaft, der Kraft der Gedanken, der Anmut, der Poesie!‘ Das Vienna Piano Trio spielt dicht gedrängt und kontrastgeschärft im Ausdruck und bietet ein hinreißendes Wechselbad der Empfindungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Klaviertrios Vol. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
29.09.2017
Medium:
EAN:

SACD
760623200866


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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