> > > Mozart, Wolfgang: Così fan tutte
Montag, 15. Juli 2019

Mozart, Wolfgang - Così fan tutte

So machen's zum Glück nicht alle


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die aktuelle Pariser 'Così fan tutte'-Produktion bietet musikalisch ein starkes Ensemble und szenisch vor allem ambitionierte Langeweile.

Die Choreografin Anne Teresa De Keersmaekers ist in der Tanzwelt beileibe keine Unbekannte und ihre Choreografie-Inszenierung von Mozarts 'Così fan tutte' am Pariser Palais Garnier im vergangenen Jahr ist auch nicht ihre erste Opernarbeit. Laut Booklet fasziniert die Choreografin die Verbindung von Gesang und Tanz, von Geometrie und Seelenleben. In einem eigenen Textbeitrag formuliert sie ihre gedanklich Essenz zu 'Così fan tutte', dreht und wendet die überlieferte Frauenfeindlichkeit des Stoffes und der Entstehungszeit, besingt die Idiotie der Männer und wird nicht müde, zu erwähnen, wie tief Mozarts Musik die Psyche der Figuren auslotet und dass letztlich alles, was gesagt werden muss, bereits in seiner Musik enthalten ist. Mit Letzterem hat sie definitiv Recht. Doch bildlich begreifbar wird diese Tiefe in De Keersmaekers 'Così'-Realisierung nicht einmal ansatzweise. Entsetzliche Langeweile ist somit bei der Doppel-DVD, die bei Arthaus herausgekommen ist, ein wesentlicher Bestandteil.

Fairerweise muss man gestehen, dass das Publikum der aufgezeichneten Vorstellung vom Februar 2017 in Paris am Ende lautstarke Begeisterung vernehmen lässt. Nachvollziehabr ist das am Bildschirm nicht. Vielleicht muss man schlicht die gesamte Bühne im Auge behalten können, um den Zauber der Inszenierung zu spüren, Verbindungen ziehen zu können, die visualisierte Komposition zu begreifen. Die Kameraführung bemüht sich zwar immer wieder um eine Totale, aber es sind eben auch die Großaufnahmen von Blicken und Gesten, die den Zuschauer nah an die Charaktere heranlassen. Und tatsächlich lässt so mancher der Gesangssolisten Ausdruck und Spielfreude erahnen, auch wenn er innerhalb der Choreografie starke Einschränkungen in Kauf zu nehmen hat.

Jeder Solist ist in De Keersmaekers Visualisierung durch eine Tänzerin oder einen Tänzer gedoppelt. Das macht zunächst Hoffnung auf Erkenntnisse zum Innenleben der Figuren, die im Tanz Ausdruck finden, wo das Wort versagt. Doch wenn die vorliegende Tanzabstraktion von beispielsweise 'Smanie implacabili' oder Despinas 'In uomini, in soldati' dieses Innenleben sichtbar machen soll, dann ist es um die Tiefe der Figuren schlecht bestellt – oder De Keersmaekers hat nicht besonders aufmerksam hingehört. Bis zum bitteren Ende verliert sich die Doppelchoreografie in den Untiefen der weißen Bühne mit geometrischem Bodentuch, präsentiert sich ungemein bedeutungsschwanger, verschleiert bzw. nivelliert aber nur alle Probleme, die die Figuren auf der Bühne miteinander haben könnten. Selten hat eine 'Così' auf Bildträger so wenig gefesselt.

Das ist vor allem deshalb schade, weil neben den von ihrer Ausdrucksstärke überzeugten (und dabei oft unfokussierten) Tänzern ein wirklich starkes Solistensextett für die Pariser 'Così fan tutte' aufgefahren ist, das selbst in dieser stilisierten Reduktion (soweit möglich) noch um die Nöte der Charakere bemüht ist. Und mit Philippe Jordan steht ein energetischer Dirigent am Pult des Orchestre de l’Opéra national de Paris, der einen schlanken und luftigen Mozart-Ton anschlägt, aber ebenso für ein paar scharfe Kanten und dynamische Überraschungen zu haben ist. Jacquelyn Wagner singt eine beeindruckende Fiordiligi mit satter Tiefer und leuchtender Höhe, lyrisch grundiert mit der Fähigkeit zu dramatischem Zugriff. Szenisch ist diese Fiordiligi stiefmütterlich behandelt und Wagner weiß sich diesbezüglich auch nicht selbst zu helfen. Da ist Michèle Losier als fulminante Dorabella aus anderem Holz geschnitzt. Die Sängerin greift mit glutvollem Mezzosopran beherzt zu, beweist vokale wie physische Beweglichkeit und glänzt mit der Natürlichkeit ihres Vortrags.

Guglielmo und Ferrando sind mit Philippe Sly und Frédéric Antoun stimmlich tadellos besetzt, wenn auch beide Sänger szenisch eher blass bleiben. Sly umgarnt mit seinem ungemein klangschönen, warmen und kraftvollen Bariton nicht nur die beiden Damen und Antoun beweist Stilgefühl und Eleganz in Phrasierung und Farbgebung. Für 'Un‘aura amorosa' setzt er auf eine effektvolle Voix mixte und erreicht einen trämuerisch schwebenden Klang, der an große Vorgänger denken lässt.

Die eigentlichen Stars des Mitschnitts sind aber Paulo Szot mit sonorem Bassbariton als Don Alfonso und Ginger Costa-Jackson als volltönende und gar nicht soubrettige Despina. Die beiden lassen sich von der sie umgebenden Leere und den meditativen Synchronbewegungen nicht beeindrucken und legen all ihren Ausdruck in Stimme und Mimik. Ihre lebendigen Rezitative, Arien und Ensemblebeiträge sind eine Wohltat inmitten dieses kopfig ambitionierten und so gar nicht sinnlichen Tanzkonzeptes, dessen Mehrwert sich – zumindest auf DVD – einfach nicht erschließen will.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mozart, Wolfgang: Così fan tutte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
29.09.2017
Medium:
EAN:

DVD
4058407093381


Cover vergössern

Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Arthaus Musik:

  • Zur Kritik... Ein Zyklus für die Fünfte: Der neue Tschaikowsky-Sinfonie-Zyklus von Philippe Jordan und dem Orchestre de l'Opéra national de Paris ist wie vorheriges Beethoven-Projekt exzellent durchmusiziert. Das magische Erlebnis birgt jedoch eine Einzelsinfonie und nicht der Gesamtzyklus. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Armida stiehlt die Show: Allein für die orchestrale Leistung und die Armida von Gesche Geier lohnt sich das Hören dieses Mitschnitts. Wirklich konkurrenzfähig ist dieser 'Rinaldo' vermutlich aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Zu Besuch in Frankfurt: Die Prager Symphoniker präsentieren auf sechs DVDs unterschiedliche Werke des großen Böhmen Antonin Dvorak. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Arthaus Musik...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Schwabenbass-Legende: Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als wäre dieses Porträt Gottlob Fricks eine Wiederauflage der ewig gleichen Frick-Highlights, aber es gibt bei genauerem Hinsehen und Hinhören eben doch noch eine ganze Menge 'Neues' zu entdecken und zu genießen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Der Erde Lust und Leid: Die Anschaffung dieses Essener 'Hans Heiling' lohnt sich – allein schon, um das eigene Repertoire jenseits des Weber'schen 'Freischütz' zu erweitern und sich klar zu machen, dass mutige Oper auch abseits der einschlägigen Metropolen stattfindet. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... 'Gar oft hab ich's gehört!': Durch diese Frankfurter 'Lustige Witwe' fegt in vielerlei Hinsicht ein frischer Wind. Und das tut ungemein gut. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Schwabenbass-Legende: Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als wäre dieses Porträt Gottlob Fricks eine Wiederauflage der ewig gleichen Frick-Highlights, aber es gibt bei genauerem Hinsehen und Hinhören eben doch noch eine ganze Menge 'Neues' zu entdecken und zu genießen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Goldfisch in breitem, kühlem Fluss: Stephen Houghs Repertoirebreite erstaunt immer wieder, insbesondere aufgrund des ganz eigenen Tons, der auch dieser seiner ersten Debussy-Monographie den Wert manch neuer Perspektivik verleiht. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Meisterliche Mugge: Freunde der romantischen Kammermusik für Klavier und Streicher dürften mit dieser hybriden SACD ihre Freunde haben. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung - Das große Tor von Kiew

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich