> > > Agitata: Arien von Vivaldi, Jommelli, Gregori, Porpora u.a.
Mittwoch, 17. Juli 2019

Agitata - Arien von Vivaldi, Jommelli, Gregori, Porpora u.a.

Aufregende Sakralmusik


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit 'Agitata' ist der französischen Altistin Delphine Galou nicht nur ein fulminantes Debüt-Album gelungen, sondern auch eine der aufregendsten Barock-CDs der jüngeren Zeit.

Beim Label Alpha hat die französische Altistin Delphine Galou ihr erstes Solo-Album mit dem Titel ‚Agitata‘ vorgelegt. Wobei es ungerecht wäre, Delphine Galou als einzigen Star des Albums zu bezeichnen, denn in ebenso mitreißender Art und Weise musiziert hier die Accademia Bizantina unter der inspirierten Leitung von Ottavio Dantone. Es ist ein wahres Fest, den beteiligten Musikerinnen und Musikern zu lauschen, wie sie immer wieder solistisch agieren, mit unbändiger Energie und Lust, vergessene Werke dem Staub der Bibliotheken entreißen und ein Feuerwerk der Emotionen entfachen. Ja, Delphine Galous Vokalkunst steht in den Ausschnitten aus Oratorien, Kantaten und Motetten akustisch im Vordergrund, aber beispielsweise im Concert grosso, op. 2 Nr. 2 von Giovanni Lorenzo Gregori zeigt die Accademia Bizantina, wie beredt sie ohne Worte sein kann. Das ist ungemein virtuos und frisch, aber ebenso beseelt und tiefschürfend.

Das titelgebende 'Agitata infido flatu' aus Vivaldis Oratorium 'Juditha Triumphans' führt den Hörer bereits mitten in den seelischen Erregungszustand, der im 17. und 18. Jahrhundert eben auch prägend für sakrale Gattungen ist. Dadurch entstehen nicht zwingend verdeckte Opern, aber die emotionalen Extreme werden auch in primär undramatisch konzipierten Texten wirksam. Das ist eindrucksvoll in Giovanni Battista Brevis Kantate 'O spiritus angelici' zu hören, wo die Formen nicht klar voneinander getrennt sind und musikalische Deklamation noch für die Kraft und Unmittelbarkeit der textlichen Ausdeutung sorgt.

Delphine Galou meistert die intensive Wanderung durch die sakralen Ausprägungen einer noch immer in vielen Bereichen unerschlossenen musikalischen Epoche mit technischer Souveränität und stilistischem Feingefühl. Ich schlank geführter Alt, erklimmt mühelos die geforderten Höhen, entwickelt in der oberen Lage sogar eine metallene Strahlkraft, die manchmal an männliche Fachkollegen erinnert. Die Tiefe glüht in dunklen Farben ohne Nachdruck. Wie Galou in Porporas Motette 'In procella sine stella' schließlich nahtlos durch alle Register gleitet, ist geradezu atemberaubend. Und sie verfügt über jene Qualität, die das hier versammelte geistliche Programm so unwiderstehlich macht: Sie steht technisch über den Dingen, kann sich emotional versenken, ohne auf der suche nach Ausdruck und Farben außermusikalische Mittel anwenden zu müssen. So werden die Raritäten und Juwelen dieses Album eben nicht zu opernhaft aufgeladenen Momentaufnahmen, sondern zu einer geglückten Gratwanderung zwischen den Welten – faszinierend von der ersten bis zur letzten Sekunde. Außerdem zeigt sich zwischen den Arien Vivaldis und Jommellis bis hin zu den Kantaten von Torelli, Brevi und dem 'Et egressus est' von Alessandro Stradella eine riesige Bandbreite an menschlicher Erregung, die sich nicht im virtuosen Koloraturgesang oder vokalexpressiver Raserei erschöpft, sondern auch die innerste Erregung eines einzelnen ‚Seelenfädchens‘ mit bebender Zartheit hörbar macht.

Mit einem transparenten, lebendigen Klangbild bietet die CD eine gute Stunde musikalische Leckerbissen, klug kombinierte Affektstudien gepaart mit bedingungsloser Leidenschaft und Entdeckerfreude. ‚Agitata‘ ist nicht nur das fulminante Debüt-Album einer jungen Sängerin und eines Spitzenensembles, sondern auch eine der aufregendsten Barock-CDs der letzten Zeit.


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Agitata: Arien von Vivaldi, Jommelli, Gregori, Porpora u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
08.09.2017
Medium:
EAN:

CD
3760014193712


Cover vergössern

Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Alpha Classics:

  • Zur Kritik... Singende Sphinx: Auf dieser gelungenen Produktion präsentiert das Ensemble intercontemporain mit kompetenten Solisten Werke von Bartók und Ligeti. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Wer die Sehnsucht kennt: Barbara Hannigan und Reinbert de Leeuw tauchen tief ins Wiener Fin de Siècle ein. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Die Oper der Oper: Ein großer musikalischer Spaß zum dreißigjährigen Jubiläum von Le Concert Spirituel. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
blättern

Alle Kritiken von Alpha Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Schwabenbass-Legende: Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als wäre dieses Porträt Gottlob Fricks eine Wiederauflage der ewig gleichen Frick-Highlights, aber es gibt bei genauerem Hinsehen und Hinhören eben doch noch eine ganze Menge 'Neues' zu entdecken und zu genießen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Der Erde Lust und Leid: Die Anschaffung dieses Essener 'Hans Heiling' lohnt sich – allein schon, um das eigene Repertoire jenseits des Weber'schen 'Freischütz' zu erweitern und sich klar zu machen, dass mutige Oper auch abseits der einschlägigen Metropolen stattfindet. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... 'Gar oft hab ich's gehört!': Durch diese Frankfurter 'Lustige Witwe' fegt in vielerlei Hinsicht ein frischer Wind. Und das tut ungemein gut. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Les Rarissimes de Gina Bachauer: Die griechische Pianistin Gina Bachauer hätte eine vertiefte diskografische Erkundung verdient. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Klingende Jahreszeiten: Dmitri Kitajenko gibt mit der Zagreber Philharmonie eine Lehrstunde in musikalischer Poesie. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Wilhelm Wilms: Piano Quartet op. 30 in F major - Larghetto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich