> > > Gershwin, George: An American in Paris, Rhapsody in Blue u.a.
Sonntag, 21. Oktober 2018

Gershwin, George - An American in Paris, Rhapsody in Blue u.a.

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Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auf der Suche nach größtmöglicher Authentizität und mit schlankem Klang widmet sich das Ensemble Anima Eterna Brugge den großen Gershwin-Klassikern, bleibt dabei aber etwas nüchtern.

Das Ensemble Anima Eterna Brugge hat sich in seinem musikalischen Schaffen vor allem dem Originalklang historischer Werke verschrieben. Sein Aushängeschild ist eine fundierte Recherche und historisch angepasstes Instrumentarium, mit dem sie schon der Musik von Franz Liszt, Maurice Ravel oder Ludwig van Beethoven neues Leben eingehaucht haben. Nun verschlägt es das Ensemble unter der Leitung von Jost van Immerseel mit ihren bei Alpha Classics erschienen Gershwin-Einspielungen erstmals in die Welt des Jazz.

Das Programm ist ein Best-of George Gershwins (1898-1937), weshalb die Evergreens 'Rhapsody in blue', 'Summertime' und 'I got rhtythm' darin auf keinen Fall fehlen dürfen. Interessant ist auch die von Gershwin selbst arrangierte sinfonische Suite 'Catfish Row' mit Bearbeitungen aus seiner weltberühmten Oper 'Porgy and Bess'. In fünf orchestrierten Sätzen versammelte er wiedererkennbare Passagen und Lieder aus ebenjener Oper zu einer eigenständigen Komposition, die so selten zu hören ist.

Anima Eterna Brugges Rückkehr zur ursprünglichen Quelle der Kompositionen ist immer wieder bewunderns- und bemerkenswert. Mit viel Aufwand studierten sie im Vorfeld die Primärliteratur, suchten geeignete, zur damaligen Zeit zum Einsatz kommende Instrumente (beispielsweise Geigen mit einer Mischbespannung aus Stahl- und Darmsaiten) und Spieltechniken der Werkentstehungszeit. Extra für 'An American in Paris' organisierte das Ensemble sogar eine authentische Hupen-Combo.

Die Interpretationen von Anima Eterna Brugge strotzen vor Spielfreude und Detailtreue, gepaart mit hoher Transparenz im Gesamtklang. Dadurch werden selbst in Klassikern wie 'Summertime' instrumentale Passagen und Soli hörbar, die sonst oftmals im Orchester untergehen. Bei aller Authentizität und technischem Know-how bleibt jedoch der nötige Schwung auf der Strecke, durch den die Musik der Goldenen Zwanziger erst ihren nötigen Biss erhält. In der 'Catfish Row'-Suite stimmen Timing und Absprachen zwischen den einzelnen Musikern, was bei der Vielschichtigkeit der Partitur eine Kunst für sich ist. Dafür gerät der Klang recht blechern, herb und distanziert.

Für die fünf Lieder dieses Programms erhält das Ensemble stimmgewaltige Unterstützung von der amerikanischen Sopranistin Claron McFadden. Ausdrucksstark und höchst flexibel brilliert sie neben den beiden bereits genannten Liedern 'Summertime' und 'I got rhythm' auch in 'My man’s gone now', 'By Strauss' und 'The man I love' mit ihrem vielschichtigen Timbre. Einzig wenn das Orchester in den Tutti-Stellen voll aufdreht, etwa in 'I got rhythm', kann McFaddens Stimme nicht immer gegen die Musiker ankommen.

Als besonderer Höhepunkt des Albums erklingt 'Rhapsody in blue' in seiner nur selten gespielten ursprünglichen Fassung für Jazz-Band. Erst später entstand die heutzutage so beliebte Fassung für großes Orchester. Die Bläsersoli sind ein wahrer Ohrenschmaus und Bart van Caenegem beherrscht seinen Steinway-Flügel von 1906 mit Bravour. Schade nur, dass Immerseel das Tempo deutlich drosselt und die Musik statt nach vorne zu treiben auf der Stelle verharrt. Das lässt dem Hörer zwar genug Zeit, Neues oder vielmehr bisher Ungehörtes in dieser klar strukturierten und transparenten Musik zu entdecken. Dafür verliert sie einiges an Emotionalität und vor allem ihren für den Charme der Musik so wichtigen Drive.

Anima Eterna Brugge und Jost van Immerseel haben die Aufführungspraxis zu Gershwins Zeiten genau studiert und verdienen viel Lob für ihre historisch orientierten Interpretationen und das übergroße Engagement, ohne die ein solches Vorhaben gar nicht möglich wäre. Das Rad neu erfunden haben sie dennoch nicht, und so eignet sich diese CD vor allem für Kenner, die der bekannten Einspielungen überdrüssig sind und sich freuen, Gershwin einmal anders, aber in hoher Qualität zu hören.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gershwin, George: An American in Paris, Rhapsody in Blue u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
08.09.2017
EAN:
BestellNr.:

3760014192890
ALP 289


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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