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Freitag, 24. Januar 2020

Bach, Johann Sebastian - Gemischte Werke in Kammermusikbesetzung

Bach privat


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andreas Staier hat mit seinen ganz offenkundig begeisterten, jedenfalls begeisternden Mitstreitern einen stimmigen Versuch gewagt: Das mag Bach und seine Familie, seine Freunde und Schüler musikalisch beschäftigt und delektiert haben.

Die Ausgangsbeobachtung für das Programm der vorliegenden Platte ist auf schmerzhafte Weise zutreffend: Über den Menschen, den Privatmann Johann Sebastian Bach wissen wir so beklagenswert wenig, dass es geradezu überrascht, nicht häufiger Satzfolgen wie dieser zu begegnen, die Andreas Staier klug zu einer den häuslichen Privatmusiken nachempfundenen Konstellation versammelt hat: Nach plausiblen Gesichtspunkten – etwa mit Blick auf die musikalischen Fähigkeiten der vermutlichen Teilnehmer – hat er Ausschnitte aus Kantaten oder dem Schemelli-Gesangbuch zusammengefügt, kontrastiert mit instrumentalen Einzelsätzen aus den Cellosuiten oder den Violinsonaten, mit knapp konturierten Cembalowerken als Grundierung. Über diese Mittelbarkeit versuchen Staier und seine Mitstreiter einen – wenn auch notwendigerweise bescheidenen – Reflex vom privaten Bach zu erhaschen: Im Kreis seiner Familie, in seiner Welt, menschlich erwärmt, auch deutlich entfernt vom gottgleichen Status, der ihm in der langen Rezeptionsgeschichte zugewachsen ist.

Zum Programm lässt sich mit der alten rhetorischen Weisheit ‚variatio delectat‘ das Wesentliche sagen: Der Reiz liegt ganz im steten Wechsel der Werke. Das ist hier ideal eingelöst. Und einige der nachweislichen – etwa durch Kopie ins Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach hinein – Favoriten der familiären Rezeption sind es wohl bis heute auch ganz allgemein geblieben: Wie wollte oder könnte man sich dem Reiz von Rezitativ und Arie bei 'Ich habe genug' und dann 'Schlummert ein, ihr matten Augen' aus BWV 82 entziehen. Wer weiß: Vielleicht ändert sich ästhetisches Grundempfinden auch über Zeiten hinweg gar nicht so sehr. Jedenfalls bleiben kompositorische Edelsteine stets das, was sie sind: fabelhafte Solitäre.

Großartige Könner – ganz intim

Dieses Programm mit über 85 Minuten Ausdehnung könnte erratisch oder wie ein Vexierspiel wirken. Da sind Andreas Staier am Cembalo, Petra Müllejans auf der Violine, Roel Dieltiens auf dem Violoncello, dazu die Sopranistin Anna Lucia Richter und der Bariton Georg Nigl deutlich davor. Es ist eine ebenso hochkarätige wie charmante Konstellation. Und Staier hält das Geschehen in der Rolle Bachs des Vaters am Cembalo musikalisch zusammen: Er lässt sein solistisches Vermögen aufblitzen, achtet aber vor allem auf den delikaten Kontext, sorgt dafür, dass alle in ihren Rollen wunderbar erblühen können. Roel Dieltiens agiert im Basso continuo mit dezenter Präsenz und gestaltet die Sarabande aus der c-Moll-Suite BWV 1011 geradezu erschütternd intensiv. Petra Müllejans wirkt mit ihrem Beitrag aus der Violinsonate BWV 1019 so überzeugend, dass man unbedingt mehr davon hören möchte. Dieses Mehr-hören-Wollen ist vielleicht das einzige Manko der Platte: Es quält an allzu vielen Stellen. Positiv gewendet, könnte man sagen: Das Programm hält etliche Reizpunkte bereit, die entsprechenden Werke komplett aus dem Plattenschrank zu holen und sich darein zu vertiefen.

Anna Lucia Richter und Georg Nigl finden zu einem intimen, vertraulichen, gleichsam inoffiziellen Ton: Nigl mit seiner vor allem in der Höhe ungemein hell timbrierten Stimme schmeichelt sich in die Situation ein: Sein Vortrag wirkt bei aller stets hörbaren Klasse vertraulich und zugewandt. Auch Anna Lucia Richter verbindet vollkommen unangestrengt die schlichte Sphäre von Schemelli und Choral mit arioser Kunstfertigkeit. Es wird fein duettiert, in echten Zwiegesprächen, textlich und musikalisch. Wie überhaupt alle sprechen: Vokalisten und Instrumentalisten beinahe gleichermaßen; ein gewisser Zug ernsthafter Konversation eignet dem gesamten Programm.

Im instruktiven, vielleicht etwas zu knappen Booklettext wirbt Peter Wollny überzeugend dafür, Andreas Staiers Ansatz plausibel zu finden. Sämtliche Texte sind dreisprachig verfügbar. Das Klangbild der im Berliner Teldex-Studio entstandenen Aufnahme ist klar und aufgeräumt, wunderbar strukturiert und von edler Plastizität.

Andreas Staier hat mit seinen ganz offenkundig begeisterten, jedenfalls begeisternden Mitstreitern einen stimmigen Versuch gewagt: Das mag Bach und seine Familie, seine Freunde und Schüler musikalisch beschäftigt und delektiert haben.



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Gemischte Werke in Kammermusikbesetzung

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
08.09.2017
Medium:
EAN:

CD
3760014192418


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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