> > > Paavo Järvi: Complete Telarc Recordings: Werke von Bartok, Debussy, Holst, Nielsen, Ravel, Tubin u.a.
Samstag, 20. Oktober 2018

Paavo Järvi: Complete Telarc Recordings - Werke von Bartok, Debussy, Holst, Nielsen, Ravel, Tubin u.a.

Ordnende Hand


Label/Verlag: NCA - New Classical Adventure
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Interpretatorisch lässt sich Paavo Järvis Einspielungen mit dem Cincinnati Symphony Orchestra einiges abgewinnen. Klanglich gibt es aber bei einem großen Teil erhebliche Mängel.

Paavo Järvi wurde hierzulande einer größeren Öffentlichkeit durch seine bahnbrechenden Aufnahmen der Beethoven-Sinfonien mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen bekannt. Es folgte ein nicht mehr ganz so aufsehenerregender Schumann-Zyklus, und jüngst feierte die erste Folge einer Brahms-Serie Premiere. Daneben prägte Järvi als Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters über mehrere Jahre einen bedeutenden Rundfunk-Klangkörper. Paavo Järvi gehört zu den international erfolgreichsten Dirigenten der Gegenwart mit mehreren parallel laufenden Chefpositionen auf unterschiedlichen Erdteilen gleichzeitig, in absehbarer Zeit übernimmt er die Leitung des Tonhalle-Orchesters Zürich. (Was man von dieser Jetset-Routine halten mag, braucht hier nicht diskutiert zu werden.)

Als Sohn des großen estnischen Dirigenten Neeme Järvi wurde ihm das Dirigieren quasi in die Wiege gelegt, darüber hinaus zeigte er sich schon in jungen Jahren emsig und beflissen. Qualifiziert ist Järvi für solche Mehrfachtätigkeiten also zweifelsohne. Welche besonderen Eigenschaften Paavo Järvi in musikpraktisch-interpretatorischer Hinsicht für eine solche Laufbahn prädestinieren, macht nun eine Kompilation aus dem Hause NCA erfahrbar. Zusammengefasst sind in einer opulenten Box sämtliche Aufnahmen, die Paavo Järvi als Chefdirigent des Cincinnati Symphony Orchestra seinerzeit für Telarc eingespielt hat.

Russisches Übergewicht

Das 16 Tonträger füllende diskographische Erbe, das Järvis Zeit in Cincinnati (Ohio) dokumentiert, ist umfassend, allerdings mit ausgeprägten Schwerpunkten: Russische Musik spielt mit Werken von Tschaikowsky (Sinfonie Nr. 6, 'Romeo und Julia'), Rachmaninoff (Zweite Sinfonie), Mussorgsky ('Bilder einer Ausstellung', 'Eine Nacht auf dem kahlen Berge'), Strawinsky ('Sacre du Printemps', 'Petruschka' u.a.), Prokofjew ('Romeo und Julia'-Suiten, Sinfonie Nr. 5) und Schostakowitsch (Sinfonie Nr. 10) die größte Rolle, gefolgt von Musik des osteuropäischen Raums: Dvorák, Martinu, Lutoslawski, Bartók. Hinzu treten Werke von Berlioz, Debussy und Ravel, mit denen Järvi die Klangsensibilität des Orchesters entwickelte, ergänzt um Elgar, Holst und Britten (dessen 'Young Persons‘ Guide to the Orchestra' – nicht eben ein sinfonisches Hauptwerk – eigenartigerweise sogar in zwei Aufnahmen enthalten ist).

Musik aus dem Kulturbereich des Ostseeraums ist nicht nur mit bekannten Komponisten wie Nielsen und Sibelius abgedeckt, sondern auch mit Eduard Tubin, dessen weitgehend unbekannte, aber unbedingt hörenswerte Sinfonie Nr. 5 hier enthalten ist. Spannend ist zudem die Konfrontation jeweils auf einem Tonträger versammelter Werke, kombiniert Paavo Järvi hier doch gerne ein Repertoirestück mit einem weniger kannten (z.B. Strawinsky/Nielsen, Sibelius/Tubin, Dvorák/Martinu, Bartók/Lutoslawski). Erstaunlich, dass kein einziger Vertreter deutsch-österreichischer Sinfonik dabei ist – man vermisst das aber auch nicht.

Präzise und straff

Hört man die hier versammelten Einspielungen, so fällt zuallererst die erstklassige technische Qualität des Orchesterspiels auf. Paavo Järvi hat aus dem traditionsreichen Cincinnati Symphony Orchestra einen formidablen Hochleistungs-Klangkörper geformt, der hellwach agiert, im Vertikalen präzise bis aufs Pünktchen zusammenspielt, rhythmisch glasklar, wendig und äußerst straff musiziert, blitzsauber intoniert und Phrasen dynamisch so minutiös ausformt, als würde da nur ein einzelner Musiker am Werk sein. Auf diese höchst achtenswerten Grundqualitäten bauend entwickelt Järvi bei Werken, denen ein kraftvoll-stringenter und rhythmisch fester Zugriff gut bekommt, ungemein dichte Steigerungsmomente, etwa in Tubins rhythmisch konziser Fünfter Sinfonie oder Schostakowitschs Zehnter. Auch in der Neunten Sinfonie 'Aus der Neuen Welt' von Dvorák ist das vor allem in den schnellen Sätzen zündend. Das hochenergische, im richtigen Maß druckvoll-energische Musizieren ist spannend und sehr ansprechend.

Spätromantischen sinfonische Brocken vom Schlage der e-Moll-Sinfonie Rachmaninoffs oder der ‚Pathétique“ von Tschaikowsky kommt man mit einem handwerklich so präzisen Zugriff nicht vollends bei. Schnell wirkt das Rubato, das Järvi durchaus einsetzt, hier eher wie am Schreibtisch ausgedacht und dann strikt umgesetzt; die hinter solchen Tempomodifikationen steckenden Spannungsenergien, die sinfonischen Ströme stauen oder beschleunigen, werden damit nur ansatzweise fühlbar. Gleichwohl gelingen Järvi vor Energie pulsierende Momente, etwa im Kopfsatz der ‚Pathétique‘.

Grundsätzlich bleibt nach dem Anhören dieser Aufnahmen stets ein: ja, aber. Ja, die Farbgebung (etwa bei Debussy und Ravel) ist sehr differenziert gehandhabt, auch in der sorgsamen Gewichtung der Stimmen. Aber das Cincinnati Symphony Orchestra läuft durchweg wie eine gut geölte Hochpräzisionsmaschine. Da bleibt kaum zusätzlicher Freiraum für das Rauschhafte in Berlioz‘ 'Symphonie fantastique' oder für das bizarre Ächzen und Quäken in diesem Werk. Eher gewinnt man den Eindruck, die sauber herausgearbeiteten instrumentalen Effekte habe Paavo Järvi fein sortiert, beschriftet und in entsprechende Schubladen seines interpretatorischen Finessenschränkchens eingeordnet.

Muffig

Ebenso zwiespältig ist leider der Klangeindruck. Auf der einen Seite sind da ungemein reichhaltige, dichte Aufnahmen, etwa von Berlioz, Nielsen, Sibelius, und auch die Dvórak-Platte gehört noch dazu. In diesen Aufnahmen zeigt sich die audiophile Tradition von Telarc. Dann gibt es allerdings auch andere, in denen starke Zweifel aufkommen, wie ein für seine Aufnahmetechnik einst berühmtes Label so dumpfe, körperlose Aufzeichnungen zuwege bringen konnte. Da fehlt den Streichern etwa bei Tschaikowsky oder Prokofjew jeglicher Glanz, der Klang ist muffig und suppig, selbst das knackig und punktgenau zu Werke gehende Blech kommt hier nicht vorteilhaft zur Geltung. Ein Rätsel, was da passiert ist – und warum das so veröffentlicht wurde. Hinzu kommen weitere klangeditorische Mängel, wenn auf der CD mit Prokofjews 'Romeo und Julia' etwa ein Schlussakkord abgeschnitten wird oder einem Trackanfang ein deutliches Knacken vorausgeht. Umfangreich ist hingegen das (nur englischsprachige Beiheft), in dem die zugehörigen Begleittexte der einstmaligen Einzelveröffentlichungen versammelt sind.


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    Paavo Järvi: Complete Telarc Recordings: Werke von Bartok, Debussy, Holst, Nielsen, Ravel, Tubin u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
NCA - New Classical Adventure
16
18.08.2017
EAN:

885150343814


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NCA - New Classical Adventure

20 Jahre NCA

Als im Jahre 1992 das Klassiklabel NCA ins Leben gerufen wurde, dachte niemand daran, dass man heute das 20-jährige Jubiläum feiern könnte. In zwei Jahrzehnten wurde ein Katalog geschaffen, der mehr als 150 Produktionen umfasst und zum Besten gehört, was die Klassik zu bieten hat.

NCA steht für neue Interpretationen bekannter Werke, steht für eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit Musik in den verschiedensten, vielleicht auch ungewohnten Besetzungen, steht für auserlesene, oft zu Unrecht selten oder bisher noch nie eingespielte Werke in allen Stilistiken der klassischen Musik, was insgesamt zum Markenzeichen des Labels wurde und ist damit die ideale Ergänzung für den Plattenschrank eines Klassikliebhabers werden.Dabei ist selbstverständlich Grundvoraussetzung eine hohe künstlerische und technische Qualität der Einspielungen.

Bei NCA findet sich keine Trennung des Repertoires, sondern alle Einspielungen dienen gleichberechtigt dem einen Zweck, das Phänomen ?Musik? im Sinne eines Mosaiks ganzheitlich (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) entstehen zu lassen.

Viele Einspielungen aus sämtlichen Genres der klassischen Musik wurden von der Fachpresse hochgelobt und mit diversen Preisen ausgezeichnet. Viele berühmte und weltbekannte Künstler zeugen von der höchsten Qualität der Produktionen. Ein besonderes Augenmerk gilt der Förderung junger und aufstrebender Künstler, um ihnen ein Sprungbrett in die weite Welt der Klassik zu bieten.

Wenn Sie Lust auf klassische Abenteuer im besten Sinne des Wortes haben, dann sollten Sie sich NCA nicht entgehen lassen!

Klaus Feldmann
A&R Managing Director


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