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Sonntag, 22. Juli 2018

Wagner, Richard - Konzertouvertüren

Der Unbekannte Wagner


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert.

Der Titel ‚Concert Overtures‘ (Konzert-Ouvertüren) erfüllt eine eher distinktive Funktion, grenzt er diese Naxos-Veröffentlichung doch deutlich genug von jenen ‚Ouvertüren und Vorspielen‘ ab, die in der Wagner-Diskographie die orchestralen Ohrwürmer vom 'Fliegenden Holländer' bis zur sakralen 'Parsifal'-Esoterik versammeln. Tatsächlich sind aber nur die beiden ersten Ouvertüren, die Wagner als Student 1831/32 in Leipzig schrieb, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend beliebten und etablierten Gattung ‚Konzertouvertüre‘ in Reinform zuzurechnen (symphonische Sonatensatzform mit kurzer Durchführung und final effektvoll gesteigerter Reprise und Schluss-Coda). Zwei weitere Ouvertüren stammen aus ansonsten nicht mehr erhaltenen Bühnenmusiken zu Ernst Raupachs Tragödie 'König Enzio' (noch in Leipzig 1832) und zu 'Christoph Columbus' von Theodor Apel, die Wagner für eine seiner ersten Stellen bei der Bethmannschen Theatertruppe 1835 in Magdeburg geschaffen hat.

Solche Theater-Ouvertüren mit dramatischer Sujet-Vorlage wanderten ebenfalls mitunter recht dauerhaft in den Konzertsaal, wie vor allem Beethovens Beispiel mit den Ouvertüren zu 'Egmont' und 'Coriolan' zeigt: Gerade letztere wurde nie mit dem Schauspiel von Collin, sondern nur im Konzertsaal uraufgeführt und rezipiert und galt als Referenz für reine Konzertouvertüren mit Sujet, die Mendelssohn dann mit vier prominenten Werken vom 'Sommernachtstraum' (1826, eben zuerst keine Bühnenmusik, die folgte später) bis hin zur 'Schönen Melusine' (1833) etablierte – in genau jenem Zeitraum, in welchen auch eine intensive Auseinandersetzung Wagners mit dieser Gattung stattfand.

Ouvertüren ohne und mit Drama-Sujet

Einige dieser Werke oder auch nur Fragmente wie die 'Pauken-Ouvertüre' von 1830 sind vernichtet oder verschollen und nahezu vollständig der Rezeption entfallen wie auch die Fest-Ouvertüren 'Polonia' und über 'Rule Britannia', die zwischen 1836 und 1838 in Königsberg und Riga entstanden und zumindest in der Neuen Gesamtausgabe zu finden sind (und im Katalog von Naxos in einer älteren, vom Schwesterlabel Marco Polo übernommenen Einspielung aus Hongkong). Damit fällt diese dritte Spielart der Konzert-Ouvertüre in Jun Märkls Zusammenstellung weg; wenngleich das stattdessen hinzugenommene 'Siegfried-Idyll' (Triebschen 1870) durchaus Kriterien einer konzertanten Feier-Musik (mit Sujet-Anklängen) erfüllt und als ‚Konzert-Ouvertüre‘ gar nicht mal so fehl am Platze ist (sieht man von der individuellen, wenig sonatensatzgemäßen Dramaturgie ab). Keinen zu Wagners Lebzeiten als auch später auch nur annähernd regelmäßigen Eingang in den Konzertsaal dürften übrigens die beiden Ouvertüren zu Wagners ersten Opernprojekten 'Die Feen' und 'Das Liebesverbot' gefunden haben, die dennoch hier das Programm eröffnen. Dafür vermisst man vielleicht Wagners 'Faust'-Ouvertüre, die 1844 im Konzert erklang und durchaus – wie auch Robert Schumanns spätere Ouvertüren-Produktion – die Kriterien der Sujet-gebundenen Konzert-Ouvertüre als Vorläufer der Symphonischen Dichtung erfüllt. Vom Repertoire her ist Märkls Programm also mit Blick auf Gattungs- und Zeittypisches beim frühen Wagner nicht ganz konsistent, aber dennoch interessant zusammengestellt.

Anbiederungen an den populären Stil der Zeit?

Bedenkt man die zögerliche Rezeption, ja das fast gezielt wirkende Verstecken des Wagnerschen ‚Frühwerks‘, so mag ein kompositionskritischer Blick auf die versammelten Werke mehr als angebracht sein. Die mit elf Minuten schon recht lange Eröffnungsmusik zu 'Die Feen' folgt ganz den Vorbildern Heinrich Marschners und damit dem Trend der deutschen Spieloper mit eingängiger, etwas versatzstückartiger Marschthematik und einer bewegten Allegro-Steigerung nach etwas langatmiger einleitender Spannungsentwicklung. Das machen viele Zeitgenossen, deren Opern-Ouvertüren um 1830 im Leipziger Gewandhaus rezipiert wurden (vgl. die in Bibliotheken greifbare Dissertation von Bert Hagels), nicht anders oder schlechter. Und die Ouvertüre zu 'Das Liebesverbot' klingt dann vollends nach deutsch-französischer Rossini-Transformation in der Spieloper bzw. Opéra-comique. Jun Märkl versucht beiden etwas pauschal-klischeehaft wirkenden Werken möglichst orchestrale Virtuosität und Glanz abzugewinnen, was aber dem engagierten, aber nicht immer rhythmisch präzisen Leipziger Rundfunkorchester nur eingeschränkt gelingt. Denn einerseits sind die dirigentisch zu verantwortenden Steigerungen und Abstufungen in Dynamik und Tempo doch relativ gering, andererseits wirkt der Raumklang der MDR-Aufnahme zwar zufriedenstellend gestaffelt, aber trotzdem gerade im Tutti ziemlich gedeckt, im Streicherbereich eher stumpf und kaum auf einem aktuell gewohnten Stand. Das kompositorisch sowieso schon ziemlich Redundante der blechlastigen 'Columbus'-Ouvertüre gerät so durch das beschränkte Klangbild und erstaunliche Intonationsschwächen der Trompeten zum Tiefpunkt. Und auch die Holzbläser-Banda in 'König Ezio' wirkt etwas unabgestimmter als die oft gute Leistung der Streicher (in ihren Soli überzeugen die Bläser eher).

Höhepunkt sind die beiden ‚echten‘ Konzert-Ouvertüren

Interpretatorisch ragen stattdessen die beiden Leipziger Ouvertüren ohne Sujet heraus. Besonders die kurze d-Moll-Ouvertüre kündet von Wagners Beethoven-Rezeption in Gestik und Drängen der 'Coriolan'-nahen Eingangsthematik und Rhythmik, die das Orchester auch gut erfasst (auch das lyrische zweite Bläser-Thema ist ein kleiner guter Wurf). Den Stand der zu dieser Zeit gerade auch in Leipzig erfolgreichen, heute weitgehend unbekannten Ouvertüren-Komponisten wie vor allem Friedrich Schneider, Fesca, Kalliwoda oder auch schon Wilhelm Taubert (seine 'Othello'-Ouvertüre, Berlin 1831, ist ein noch uneingespieltes Meisterwerk), erreicht Wagner aber auch in der größeren zweiten Konzert-Ouvertüre in C-Dur nicht. Tatsächlich klingt dieses Stück – auch in den Entwicklungstechniken, der mitunter eingesetzten kontrapunktischen Arbeit – ziemlich nach Schneider und in manchen Wendungen sogar deutlich nach Mendelssohn. Märkls leicht hektischere Lesart der zweiten Konzert-Ouvertüre unterscheidet sich nicht wesentlich von dem Eindruck, den schon die Einspielung der Jenaer Philharmonie unter Pauls Christmann hinterlässt (Coviello Classics 2001).

Der auch ins Deutsche übersetzte Booklet-Text von Katy Hamilton informiert über die Entstehungshintergründe der Werke bereits ziemlich gut (wer mehr erfahren will, kann dazu die einschlägigen wissenschaftlichen Arbeiten von Stefan Keym recherchieren).Von der Repertoire-Zusammenstellung her, die in mancher Sammlung diskographische Lücken schließen dürfte, ist die Einspielung interessanter als hinsichtlich der tatsächlichen Qualität sowohl der Stücke als auch der Interpretationen. Jun Märkls Zugang wirkt – ganz anders als bei seinen verdienstvollen Leipziger d‘Albert-Einspielungen und in seiner spannenden Debussy-Reihe mit dem Orchestre National de Lyon beim gleichen Label – etwas hemdsärmelig, ja uninteressiert am Klang-Detail; das Orchester scheint manchmal im Tutti-Gewühl sich selbst überlassen. Auch das abschließende 'Siegfried-Idyll' verliert sich anfangs in zu statischer Idylle, entwickelt später nicht den 'Tristan'-esken melancholischen Sog des motivischen In-sich-Kreisens wie die besten Konkurrenz-Aufnahmen von (flotterem) Carl Schuricht oder (ziemlich gleich schnellem) Herbert von Karajan bis zu den ‚entschlackten‘ Boulez- und Norrington-Extremen. Ein wenig schade hinsichtlich des Wunsches, den Tonträger häufiger zu hören, aber populär wird dieser Wagner vermutlich sowieso nie.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wagner, Richard: Konzertouvertüren

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
08.09.2017
EAN:

747313341474


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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