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Freitag, 21. Februar 2020

Bach & Beethoven - Klavierwerke

Feurige Perfektion


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michelangelis Auftritt bei den Salzburger Festspielen ist der klingende Beweis dafür, dass sich nüchterne Perfektion und feurige Emphase nicht zwangsläufig widersprechen müssen.

Arturo Benedetti Michelangeli genoss seinerzeit den Ruf eines akribischen Perfektionisten, allerdings auch den einer sehr schwierigen Persönlichkeit. Ein hingebungsvolles Verhältnis zwischen Publikum und Pianisten wollte so nie richtig entstehen – die Zuschauer waren zwar begeistert, er jedoch fühlte sich größtenteils gestört von ihnen, so dass er etwa Konzerte schon nach kleinen Zwischenfällen unterbrach oder vor jedem seiner Konzerte die Frage offenhielt, ob er denn nun auftreten würde oder nicht. Es mag daher umso mehr verwundern, wie Michelangeli mit seiner distanzierten Art, die sich auch visuell in einer sehr kontrollierten Körperlichkeit beim Spielen offenbarte, dennoch maßstabsetzende Interpretationen formen konnte. Sein Auftritt bei den Salzburger Festspielen, der von Orfeo nun veröffentlicht wurde, ist in jedem Fall Beleg dafür, dass er mit seinen musikalischen Darbietungen Zuhörer auch heute noch fesseln kann.

Sein Verbot, den zweiten Teil des Konzertes vom 7. August 1965 aufzunehmen, macht die vorliegende CD zu einem zwar nur kurzen Hörerlebnis; sowohl die Busoni-Bearbeitung der Chaconne aus Bachs Partita Nr. 2 für Violine als auch Beethovens Klaviersonate op. 2 Nr. 3 können jedoch einen guten Einblick in Michelangelis Spielkultur eröffnen. Erstaunlich ist insbesondere das technische Vermögen des Italieners, nimmt man allein die mühelos produzierten Doppelgriffe im höchsten Tempo. Hört man Michelangelis rasante Zweiunddreißigstel-Ketten im Finalsatz, klingen Barenboim oder Arrau daneben nahezu wie Klavierschüler. Am eindrucksvollsten wird die Virtuosität jedoch in den stürmischen Läufen im Trio des dritten Satzes aufgezeigt. Beim Hören dieser Passage, die vielleicht nie so vollkommen erklungen ist wie unter Michelangeli, mag man zunächst denken, dass der Effekt allein aus einer präzisen Fingerfertigkeit und dem im Grunde recht unspektakulärem Festhalten an einem schnellen Einheitstempo heraus erzielt wird. Allerdings haben genug Pianisten bewiesen, dass eine punktgenaue Virtuosität noch lange keine Garantie für eine mitreißende Interpretation ist. Michelangeli ist demzufolge der klingende Beweis dafür, dass Perfektion und leidenschaftlicher Ausdruck tatsächlich Hand in Hand gehen können.

Auch wenn hier und da der Eindruck entstehen könnte, Michelangeli behandle die Beethoven-Sonate mehr wie eine anspruchsvolle Etüde, so ist doch immer eine interpretatorische Gesamtidee ersichtlich. Rubati und Tempoverlangsamungen werden zwar sparsam, aber doch richtungsweisend eingesetzt, wobei insbesondere eine Dehnung des Tempos bei Abschlüssen von jeweiligen Episoden beziehungsweise vor Wiederkehr eines Hauptthemas zu erkennen sind. Der langsame zweite Satz wiederum offenbart das Bestreben einer zu gefühlsbeladenen Romantisierung aus dem Weg zu gehen, was nicht zuletzt durch den 'Andante'-Impuls und die damit verbundene Neuausrichtung des eigentlich vorgeschriebenen Adagios ersichtlich wird. Überhaupt nimmt es Michelangeli mit der Textvorgabe nicht immer allzu genau, wenn er an durchaus markanten Stellen wie den zwei Viertelnachschlägen zu Beginn im Hauptthema die Staccato-Angabe komplett ignoriert. So ist es auch verständlich, dass die Bach-Chaconne mehr zu einer Busoni-Komposition wird und mit ihrer Klanggewalt nicht unbedingt an das historische Bach-Bild erinnert. Das mag den Puristen beängstigen, dem Klavierbegeisterten wiederum eine Lehrstunde für die vollkommene Symbiose von Virtuosität und Ausdrucksstärke sein.

Orfeos Aufbereitung bietet ergänzend zur interpretatorischen Leistung auf der CD den gewohnt guten Standard in Sachen Klangqualität und Booklet, das neben einem persönlichen Konzertbericht auch die Rezeption des Konzertabends skizziert. Einziger Wermutstropfen bleibt demnach die Tatsache, dass am Ende nur ein sehr kleiner Ausschnitt des Konzertes zu hören ist. Dieser dürfte aber in jedem Fall alte wie neue Anhänger für Michelangeli gewinnen.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach & Beethoven: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
08.09.2017
Medium:
EAN:

CD
4011790943121


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
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