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Donnerstag, 14. November 2019

Cage, John - Kammermusikwerke

Abstrakte Schönheit


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frühwerke von John Cage und seinem Schüler Tom Johnson, kongenial vom Trio Omphalos interpretiert, legen Zeugnis ab von der abstrakten Schönheit der amerikanischen Musik zu Beginn der Aleatorik.

Beim Label WERGO ist eine interessante und vom Trio Omphalos ausgezeichnet musizierte Aufnahme von zwei Werke des frühen John Cage und zwei Werken seines Schülers Tom Johnson entstanden: Cages 'Chess Pieces' von 1944 und 'Four Dances' von 1942/43 wird mit Johnsons Rational 'Melodies' (1993) und den ausgesprochen humorvollen 'Counting Duets' (1982) in Beziehung gebracht. Die 'Chess Pieces' haben eine interessante Entstehungsgeschichte: Cage wurde damals von Max Ernst und Marcel Duchamp gebeten, zu einer ihrer Ausstellungen etwas beizutragen, die um Themen des Schachspiels kreisen sollte. Und Cage malte ein Bild, ein Schachbrett bestehend aus 64 Feldern. Der Hintergrund des Bildes ist ein einheitliches Grau, der Eindruck von weißen und schwarzen Felder des Schachbretts entsteht dadurch, dass in ihnen weiße bzw. schwarze Noten auf 22 Notensystemen stehen, die ebenfalls in schwarzer bzw. weißer Farbe sorgfältig und genau gemalt worden sind.

Das Bild ging nach der Ausstellung in eine private Sammlung und wurde erst 2005 wieder ausgestellt, und zwar in einem Museum in New York, das die ursprüngliche Ausstellung von 1944 rekonstruierte. Bei dieser Ausstellung wurde man dann darauf aufmerksam, dass Cage nicht nur ein Bild, sondern eine Komposition in Bildform geschaffen hatte. Eine Pianistin, die mit Cages Werk bestens vertraut ist, wurde beauftragt, die Noten aus dem Bild zu rekonstruieren, und man fand eine fertige, voll notierte Komposition, die zunächst für Klavier solo aufgeführt worden ist (eine hervorragende Einführung in das Bild von Cage findet sich unter https://www.youtube.com/watch?v=Hva8WMcRyOE).

Gespür für die Feinheiten

Es fehlen in der Komposition Tempo- oder dynamische Angaben, und insofern haben die Interpreten, obwohl der Notentext anders als in späteren Kompositionen von Cage vorgegeben ist, doch viel interpretatorische Freiheit. Das trio omphalos arrangiert die Komposition mit großem Gespür für die subtilen Feinheiten der Komposition in einer Besetzung für präpariertes Klavier, Klarinette und Schlagwerk. Die Melodieführung ist oft einfach, auf dem Klavier ist das Stück recht leicht zu spielen, aber Cage gelingt es, eine ganz eigene, sehr konzentrierte Klangwelt zu schaffen. Genau das zeichnet auch die 'Rational Melodies' von Tom Johnson aus, die in Auszügen aufgenommen worden sind. Es sind Melodien, die nicht geschaffen worden sind, um Stimmungen oder Emotionen ausdrücken, sondern die festgelegten Prinzipien folgen. Johnson erschafft in seiner tonal konzipierten Komposition ähnlich wie Cage einen sehr konzentrierten, kondensierten Klangraum, der in seiner Abstraktheit und Klarheit eine eigene Sogwirkung entfaltet. Die eingespielten 'Four Dances', 1942/43 von Cage komponiert, sind teils unterhaltsame, typisch amerikanische, aber auch experimentierfreudige Stücke mit einem guten Drive. Auch wenn sie zunächst sehr traditionell daherkommen, experimentiert Cage hier mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten: Die Spieler werden aufgefordert zu klatschen, die Saiten im Klavier werden angerissen und deuten schon auf spätere Werke des Komponisten hin. Eine sehr gelungene, durch die verschiedenen Klangfarben der Instrumente abwechslungsreiche Aufnahme liegt hier vor, die Zeugnis von der Entstehungsphase der aleatorischen Musik ablegt.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cage, John: Kammermusikwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
29.09.2017
Medium:
EAN:

CD
4010228737028


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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