> > > Graun, Carl Heinrich: Weihnachtsoratorium
Mittwoch, 23. Mai 2018

Graun, Carl Heinrich - Weihnachtsoratorium

Ein Weihnachtsoratorium


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Engagement der Ensembles und des Dirigenten für dieses noch immer selten gespielte Weihnachtsoratorium von Graun ist hocherfreulich und verdienstvoll. Vermutlich wird nichts Kanonisches ersetzt. Eine lohnende Alternative ist es dennoch.

Carl Heinrich Grauns Weihnachtsoratorium ist wohl vor seiner 1740 beginnenden Berliner Zeit entstanden, die heute das Bild dieses großartigen, in der breiten Wahrnehmung noch immer zu wenig präsenten Komponisten prägt. Dieses etwa 80-minütige Oratorium nimmt noch etliches Rüstzeug aus dem barocken Regelwerk mit und spielt doch deutlich in empfindsame Gefilde hinein – in dieser stilistischen Prägung glücklich korrespondierend mit den Texten, die sehr viel stärker Seelenzustände reflektieren, denn tatsächlich handlungsorientiert sind. Das weihnachtliche Geschehen ist gleichsam im Hintergrund sich vollziehendes Weben und Wehen, während die Aufmerksamkeit der ariosen aber auch sehr weitgehend der rezitativischen Anteile dem beziehungsreichen Nachdenken über die Bedeutung dieses gedanklichen und Glaubensraums für die andächtige Seele des 18. Jahrhunderts gilt.

Graun schreibt prächtige Arien von einiger Ausdehnung; die Gestaltung der Rezitative ist ausnehmend effektvoll, auf harmonisch reicher Basis. Im Zentrum steht der Choral 'Wie soll ich dich empfangen', der in sieben Strophen den geistlichen Kern für sich reklamiert: Auch hier setzt Graun ästhetisch schlicht – freilich nicht einfach oder ohne Ambition. Eher gesammelt, konzentriert, mit großer gedanklicher Klarheit. Insgesamt entfaltet sich sein eleganter Ton in luziden Linien, bei farbiger Harmonisierung und sanfter Bewegung. Dazu fällt sein wacher Sinn für das dialogische Potenzial des Stoffes wie der Besetzung auf.

Engagiert

Zu hören sind vier Vokalsolisten, Chor und Orchester. Im Einzelnen sind es die Sopranistin Monika Mauch, die Altistin Marion Eckstein, der Tenor Georg Poplutz und der Bass Raimund Nolte. Mauchs Sopran unterstreicht seine bekannt sympathische Beweglichkeit, die schlanke Stimmführung und die selten geforderte, strahlende Höhe voll leuchtender Strahlkraft. Wie die anderen Solisten auch nutzt Monika Mauch die Da-capo-Teile der Arien zu kunstfertiger, nie selbstbezüglicher Auszierung. Marion Eckstein gestaltet wunderbar lyrisch grundierte Linien, stark in ihrer natürlichen Diktion von bestechender Klarheit. Georg Poplutz kann als idealer Interpret für dieses Repertoire angesprochen werden: Er verbindet die eher schlichte lineare Geste mit klarster Diktion und singt sprechend im besten Sinn. Seine Bruchlage in die Höhe hinein klingt in dieser Aufnahme gelegentlich ungewohnt schmal. Raimund Nolte reüssiert als kraftvoller Bass: Die Arie ‚Abgrund krache, Tod erzittre‘, die Graun genau so komponiert hat, wie der Text es nahelegt, kann als Paradebeispiel gelten. Nolte verfügt über eine stupende Attacke auch in der Höhe, dazu über eine Tiefe mit Ecken und Kanten – in der Summe eine große stimmliche Autorität.

Thomas Groppers Arcis-Vocalisten singen die Chorpartie mit angemessener Präsenz, wirken in den durchbrochenen Sätzen agil und beweglich – wenngleich hier, in den kontrapunktisch geprägten Teilen, deutlich wird, dass die Register stärkere Konturen vertragen hätten. Insgesamt singen die Randregister präsenter und kernhaltiger als die Mittelstimmen. Die Diktion ist, verglichen mit den in dieser Hinsicht vorbildlichen Solisten, nicht immer von natürlichem Fluss getragen. In den Chorälen gelingen gefasste, unsentimentale Momente. Auch der ausgedehnte Choral im Zentrum wird ohne Pomp und äußere Betonung gesungen und gelingt gerade deswegen vorzüglich. Das Barockorchester L‘arpa festante setzt klare Akzente, glänzt mit subtiler Klangfreude, tuscht feine Stimmungen ohne jede Vordergründigkeit. Die Instrumentalisten setzen gemeinsam mit Thomas Gropper auf das Leichte, Durchscheinende, das der Musik so gut ansteht. Sie entfalten zugleich delikate Energien, wo immer das geboten und möglich ist. Die Temporelationen sind stimmig; die Rezitative sind wunderbar frei gefasst. Klanglich ist das Gesamtbild sehr überzeugend, ausgewogen, fein balanciert und ansprechend gestaffelt.

Das Engagement der Ensembles und des Dirigenten für dieses noch immer selten gespielte Weihnachtsoratorium von Graun ist hocherfreulich und verdienstvoll. Vermutlich wird nichts Kanonisches ersetzt. Vernehmlich lohnende Alternativen zum ewig Wiederkehrenden vor Ohren geführt zu bekommen, ist aber auch keine Kleinigkeit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Graun, Carl Heinrich: Weihnachtsoratorium

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
29.09.2017
EAN:

4260330918765


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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