> > > Draeseke, Felix: Orchesterwerke & Klavierkonzert Es-Dur
Samstag, 25. November 2017

Draeseke, Felix - Orchesterwerke & Klavierkonzert Es-Dur

Der Tragiker unter den Symphonikern


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


MDG legt eine Doppel-CD mit symphonischen Werken von Felix Draeseke wieder auf, besonders gelungen ist dabei die Interpretation der 'Symphonia tragica'.

Viele Tondichter teilen das Schicksal von Felix Draeseke (1835-1913): Zu Lebzeiten international bekannt, geriet er bald nach seinem Tod in Vergessenheit. In Draesekes Fall kommt aber eine besonders unschöne Komponente hinzu: Zwischen 1933 und 1945 versuchten einige nationalsozialistisch ausgerichtete Musikwissenschaftler, ihn als ‚arischen‘ Vorzeigekomponisten zu instrumentalisieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte es das Werk des Liszt-Schülers also doppelt schwer, als ‚Traditionalist‘ abgelehnt von der Avantgarde und skeptisch beäugt von vielen Hörern aufgrund der politischen Vereinnahmung. So wurde es viele Jahre still um das beachtliche Werk des Spätromantikers, der – als einer von wenigen – sowohl Symphonien als auch Tondichtungen schrieb und sich damit zwischen die Stühle der ‚Neudeutschen‘ und der ‚Konservativen‘ setzte.

Während Draeseke in den Konzertsälen heute immer noch ein seltener Gast ist, haben ihn mehrere CD-Labels entdeckt und viele seiner Werke vorgelegt, federführend hierbei Dabringhaus & Grimm. Bereits in den Jahren 1999 bis 2001 entstanden die vorliegenden Einspielungen von fünf Orchesterwerken, die nun auf einer Doppel-CD wiederaufgelegt wurden. George Hanson leitet dabei das Symphonieorchester Wuppertal in der Ersten und Dritten Symphonie, letztere mit dem Beinamen 'tragica' sicherlich Drasekes bedeutendster Gattungsbeitrag. Zu hören sind außerdem das (einzige) Klavierkonzert op. 36 mit dem Solisten Claudius Tanski, der Symphonische Prolog zu 'Penthesilea' und die Ouvertüre zur Oper 'Gudrun'.

Die Erste Symphonie op. 12 war der zweite symphonische Versuch Drasekes, eine vorangegangene C-Dur-Symphonie aus den Jahren 1854 bis 1856 hatte er vernichtet. Hanson und die Wuppertaler Musiker gehen das Werk mit jenem Schwung und Optimismus an, der vor allem dem raffiniert instrumentierten Scherzo zu einigem Ruhm verhalf – als einzelner Satz wird das Scherzo hier und da gerne als Zugabe gespielt. Der hörbare Einfluss von Mendelssohn und Schumann verwässert zwar an einigen Stellen das individuelle kompositorische Profil Draesekes, das in der Dritten Symphonie viel deutlicher präsent ist. Dennoch kann die G-Dur-Symphonie insgesamt (trotz einiger Längen) überzeugen, was sicherlich zu einem gewichtigen Teil an den sehr engagiert und präzise spielenden Musikern liegt. Die von Hanson gewählten, relativ straffen Tempi tun dem Stück gut, das Klangbild ist angenehm ausgewogen und transparent.

Ein heikleres, unausgeglicheneres Werk ist das Klavierkonzert, in dem Draeseke den Konzerten seines Lehrers Liszt weit hinterherhinkt. Wo Liszt Klavier und Orchester mit formaler Raffinesse gleichsam miteinander verschmilzt, stehen sie bei Draeseke wie zwei erratische Blöcke nebeneinander; der hohe virtuose Anspruch des Soloparts wirkt gewollt und gliedert sich nicht überzeugend ins musikalische Geschehen ein. Schon im Kopfsatz fahren die rasante Läufe des Klaviers fast wie ein Störfaktor hinein. Auch im weiteren Verlauf fragt man sich immer wieder, ob das wie wild dazwischenfunkende Klavier hier eigentlich hergehört.

Da können die besten Interpreten nicht viel retten, und so gelingt dem tadellosen Tanski sicherlich ein achtbarer, aber keineswegs erstklassiger Auftritt; viel zu oft forciert er (oder muss er forcieren), um irgendwie noch hörbar zu bleiben, dynamische Reserven sind dann bald nicht mehr vorhanden. Am gelungensten wirkt noch der 'Adagio'-Mittelsatz, der (ähnlich dem Beginn von Beethovens Viertem Konzert) vom Solisten alleine eröffnet wird, bevor die Streicher das Thema sanft übernehmen und verarbeiten. Die klangliche Balance zwischen Solo und Orchester ist passabel, es ist schwer zu entscheiden, ob kleinere Unausgewogenheiten dem dichten Satzbild Draesekes oder der Klangtechnik angelastet werden können.

Das mit Abstand beste Werk dieser Draeseke-Veröffentlichung – sowohl musikalisch als auch interpretatorisch – ist die 'Symphonia tragica' op. 40. Schon der Name legt den (im Vergleich zur Ersten Symphonie) düster-tragischen Tonfall nahe, der allerdings nie gezwungen wirkt; vielmehr entwickelt Draeseke das gigantische, 46 Minuten dauernde Werk konsquent mit einer instrumentatorischen und kontrapunktischen Meisterschaft, die keinen Vergleich scheuen muss. Zielpunkt des Werkes ist das groß angelegte Finale, dessen Steigerungen und Höhepunkte (ebenso wie der sehr dezente Schluss) von den Wuppertaler Musikern voll ausgekostet werden. Auch die drei vorangehenden Sätze überzeugen den Hörer mit einer schlüssigen, wirkungsvollen Interpretation, in der sich alle Instrumentengruppen angemessen entfalten können. Die überwältigende dramatische Kraft dieses Stückes findet sich in beiden folgenden Werken nicht im gleichen Maße; zwar sind sowohl die Gudrun-Ouvertüre als auch der symphonische Prolog zu 'Penthesilea' handwerklich solide gestaltet, doch die Inspiration der 'Tragica' fehlt hier weitestgehend. Hanson und die Wuppertaler Musiker bewältigen die orchestralen Herausforderungen solide, doch der Funke will hier nicht so recht überspringen.

So bleibt es dem Hörer überlassen, ob er für ein wirklich höchst gelungenes Werk vier weitere, deutlich schwächere sozusagen in Kauf nimmt – am besten nach der 'Tragica' ist Draeseke noch sein (offizieller) symphonischer Erstling gelungen. Die Interpretation der Stücke kann sich in allen Fällen hören lassen, die klangliche Qualität überzeugt hier und da nicht ganz. Ohne Abstriche empfehlenswert ist die Doppel-CD für alle jene Musikfreunde, die sich ein wenig mehr Abwechslung im symphonischen Repertoire des späteren 19. Jahrhunderts wünschen und dafür bereit sind, auch die eine oder andere weniger gelungene Stelle zu hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Draeseke, Felix: Orchesterwerke & Klavierkonzert Es-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
2
25.08.2017
EAN:

760623203829


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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