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Mittwoch, 15. August 2018

Hausegger, Siegmund von - Barbarossa

Jubel und Ruhe


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Warum Hausegger ein so vielgestaltiger Komponist ist, dessen Wiederentdeckung sich durchaus lohnt, wird auch in dieser Einspielung wieder deutlich.

Als einer der vergessenen Komponisten aus dem deutssprachigen Raum, denen cpo in den letzten Jahren zu neuer Bekanntheit zumindest auf dem Tonträgermark verhilft, dürfte Siegmund von Hausegger (1872-1948) nicht zuletzt aufgrund der 'Natursinfonie' kompositorisch zu den faszinierendsten Figuren gehören. Vorliegende CD mit dem schwedischen Norrköping Symphony Orchestra (Norrköpings Symfoniorkester) unter Antony Hermus bildet bei cpo die dritte Veröffentlichung mit Werken des gebürtigen Grazers. Die hier zu hörende dreisätzige, rund 50 Minuten umfangreiche sinfonische Dichtung 'Barbarossa' und der etwa eine Viertelstunde einnehmende Orchesterliederzyklus 'Drei Hymnen an die Nacht' nach Gedichten von Gottfried Keller wurde bereits 2011 aufgenommen. Aus unbekannten Gründen erscheint die Einspielung aber erst jetzt. Warum Hausegger ein so vielgestaltiger Komponist ist, dessen Wiederentdeckung sich durchaus lohnt, wird auch hier wieder deutlich.

Ruhige Hymnen

Gerade weil das Genre des Orchesterliedes eher ein Nischendasein fristet - neben Mahler und Strauss gibt es heute kaum bekannte Vertreter -, sind Hauseggers wunderschöne Miniaturen umso hörenswerter. Nicht nur werden Text- und Kompositionsdramaturgie in natürlich wirkender Weise aneinandergekoppelt, die Gesangslinien formen organisch schwingenden Bögen, die von der subtilen ‚nächtlichen’ Instrumentation angereichert werden. Der als Liedsänger erfahrene Bariton Hans Christoph Begemann gestaltet dabei mit viel Wärme, äußerst einfühlsam, lebendig und verständlich. Unter Antony Hermus werden dabei auch die Instrumentalfarben so eindrücklich sanft gestaltet, dass ein atmospährisch dichtes Gesamtbild entsteht. Dies zumal auch die Dynamik selten einmal ausbricht, nur im zweiten Leid 'Unruhe der Nacht' wird es bei einem 'Gewitter mit klingendem Spiele' einmal kurz laut.

Jubelnder Barbarossa

Dass der in monumentalen Ausmaßen daherkommende, komplett anders klingende "Barbarossa" rund zehn Jahre vor der 'Natursinfonie' entstand, nämlich um die Jahrhundertwende, dafür aber auch in zeitlicher Nachbarschaft der 'Nachthymnen', zeugt ein weiteres Mal von Hauseggers Vielseitigkeit. Allerdings wird aufgrund des übersteigerten Pathos und der teilweise überladenen Anlage vor allem in den Ecksätzen auch ziemlich schnell deutlich, dass es sich quasi um ein spätes genialisches Jugendwerk handelt. So weist das weitgehende Fehlen kompositorischer Brüche, die formal traditionelle Großform und das häufige Ausbrechen ins thematische Tutti eher noch auf die Vorbilder Wagner und Bruckner hin als auf Gustav Mahler, zu dem sich gleichwohl durchaus Anklänge finden lassen. Alleine der Beginn aus leisem Streichertremolo und Hornrufen klingt so sehr nach Bruckner, dass es sich nicht überhören lässt. Daran ist natürlich nichts falsch, und für Neugierige gibt es auch im 'Barbarossa' jede Menge zu entdecken, besonders im elfenhaft flirrenden zweiten Satz 'Der Zauberberg'. Es wird jedoch auch zu einem gewisssen Maß verständlich, warum dieses Werk des 27-Jährigen in späteren Jahren auf weniger Anklang stieß als noch um 1900.

Hinzu kommt, dass Antony Hermus das Norrköping Symphony Orchestra zwar mit sicherer Hand durch das ereignisreiche Geschehen leitet, der Klangkörper jedoch vor allem an den lauten Stellen klanglich an seine Grenzen gerät. Vor allem die Blechbläser mit den hellen Trompeten klingen ein ums andere Mal unangenehm grell, während die Streicher ihren Farbreichtum aus den 'Nachthymnen' hier eingebüßt haben. Letzteres mag womöglich auch an der Tontechnik oder der Akustik des Konzerthauses in Norrköping liegen.

Im Booklet-Text wird der historische Kontext der Werke mit informativer Dichte beschrieben. Auch das nationale Element um 1900, das naheliegender Weise gerade im 'Barbarossa' zentral ist, erhält entsprechende Aufmerksamkeit. Allerdings irritieren die privaten Einschübe im Text ein wenig. Dass der Autor während des Studiums zu Hausegger einmal ein Referat gehalten hat, mag schön und gut sein, hat mit dieser Einspielung und dem Thema aber nur höchstens indirekt zu tun. Und dass die Gedichtinterpretation unmotiviert als ‚leidig-unausrottbare Disziplin’ bezeichnet wird, dürfte nicht nur bei Germanisten Stirnrunzeln hervorrufen. Das sind aber nur Details, die der allgemeinen Qualität der Einspielung keinen Abbruch tun.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hausegger, Siegmund von: Barbarossa

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
cpo
1
65:10
EAN:
BestellNr.:

761203766628
cpo 777 666-2


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Hausegger, Siegmund von
 - Barbarossa. Symphonische Dichtung - Die Not des Volkes
 - Barbarossa. Symphonische Dichtung - Der Zauberberg
 - Barbarossa. Symphonische Dichtung - Das Erwachen
 - Drei Hymnen der Nacht für Bariton und Orchester - Stille der Nacht
 - Drei Hymnen der Nacht für Bariton und Orchester - Unruhe der Nacht
 - Drei Hymnen der Nacht für Bariton und Orchester - Unter Sternen


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Dirigent(en):Hermus, Antony
Orchester/Ensemble:Norrköping Symphony Orchestra
Interpret(en):Begemann, Hans Christoph


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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