> > > Brahms, Johannes: Sämtliche Sololieder
Sonntag, 22. Oktober 2017

Brahms, Johannes - Sämtliche Sololieder

Maßvoll und unaufdringlich


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Elf CDs mit sämtlichen Liedern von Johannes Brahms, interpretiert von Andreas Schmidt, Juliane Banse, Iris Vermillion und am Klavier Helmut Deutsch. Die Gesamtaufnahme ist im Ganzen durchweg überzeugend.

Gut gelaufen für cpo: Vor über 20 Jahren startete man ein Brahms-Projekt mit zwei jungen Sängern, die damals bereits eine internationale Karriere vorweisen konnten und stimmlich voll im Saft standen. Einige Jahre später hatte das Label eine Gesamteinspielung mit zwei bis heute sehr renommierten Künstlern, Juliane Banse und Andreas Schmidt. In Wirklichkeit sind sogar vier höchst anerkannte Musiker beteiligt, denn den Klavierpart spielt mit Helmut Deutsch einer der meist geachteten Liedinterpreten überhaupt, und bei einigen, wenn auch relativ wenigen Liedern ist Iris Vermillion zu hören.

Nebenbei bemerkt: Die existierenden Gesamteinspielungen von Brahms‘ Liedern sind nicht eben zahlreich. Höchstens einige Spezialisten kennen wirklich alle Brahms-Lieder, viel Unbekanntes ist darunter. Die cpo-Aufnahmen waren bislang einzeln erhältlich, nun hat das Label eine platzsparende und preiswerte Box mit immerhin elf CDs zusammengepackt, zehn Stunden und 15 Minuten Musik. Dankenswerterweise gibt es zu jeder Platte einen eigenen Begleittext, die Texte der Lieder selbst allerdings sind im Beiheft nicht abgedruckt. Bei der Fülle der Lieder ist das verständlich, und die Interpreten artikulieren deutlich genug, dass man bei aufmerksamem Zuhören keine Probleme hat, die gesungenen Texte zu verstehen.

Von einigen einzelnen Liedern abgesehen bilden die 'Vier ernsten Gesänge' op. 121, die letzten Lieder aus Brahms‘ Feder, wohl die bekannteste Werkgruppe, die hier von Andreas Schmidt gesungen wird. Ein Vergleich mit anderen großen Interpreten ist durchaus spannend. Schmidt artikuliert viel deutlicher als Matthias Goerne und hält sein Vibrato wesentlich maßvoller. Er färbt die Vokale natürlicher als Christian Gerhaher, gestaltet vielleicht nicht ganz so dramatisch, dafür aber weniger kleinteilig und scheint in größeren Melodiebögen zu denken. Er singt ebenso klar wie einst Theo Adam, klingt aber weicher als dieser. Insgesamt, das muss man so sagen, bleiben da nicht viele Wünsche offen. Zumindest nicht in diesem schon dem Titel nach ‚ernsten‘ Repertoire. Brahms‘ großen Liederzyklus der 15 Romanzen nach Ludwig Tiecks Geschichte von der schönen Magelone op. 33 gestaltet der Bariton ebenfalls klar und schlicht, aber vielleicht eine Spur zu distanziert; man könnte sich in dieser märchenhaften Liebesgeschichte etwas mehr Wärme wünschen.

Anderswo bekommt man die: Überaus entzückend ist in dieser Hinsicht zum Beispiel das zarte, volksliedhafte 'Vor dem Fenster' aus op. 14. Von höchster Ausdruckskraft ist sein Vortrag auch in den Liedern 'Von ewiger Liebe' und 'Die Mainacht'. Beide stammen aus den vier Gesängen op. 43, die komplett von Andreas Schmidt gesungen werden, ebenso wie die Lieder und Gesänge op. 32, neben den 'Magelone'-Romanzen eine der größten Werkgruppen. Sehr gelungen sind auch die sechs Lieder op. 86 sowie die fünf Lieder op. 94. In diesen beiden späten Werken finden sich viele langsame und ruhige Lieder, und das Zusammenspiel von Andreas Schmidt mit Helmut Deutsch ist hier besonders gelungen. Der Pianist spielt grundsätzlich sehr unaufdringlich, versteht es aber, immer wieder, bestimmte Stellen ganz dezent leuchten zu lassen. Diese Tugend bekommt Brahms‘ oft schlichten späten Liedern gut. Andererseits scheut er sich nicht vor einem konsequent trockenen Staccato, wo Brahms dies wünscht.

Hier und dort jedoch wirkt die Gestaltung und auch die Intonation des Baritons zwar nicht unsauber, aber zumindest etwas pauschal, wie etwa in den ersten Takten des bekanntes Liedes 'Wie Melodien zieht es mir leise durch den Sinn'. An unmittelbarer Wucht ist Andreas Schmidt zudem in der Regel wesentlich zurückhaltender als einige Kollegen. Der Bariton ist insgesamt in weitaus mehr Liedern zu hören als Juliane Banse, die im Gegensatz zu ihm keine einzige komplette Werkgruppe singt, sondern sich nur einige mit ihm teilt. Die Sopranistin verfügt über eine Stimmfarbe, die den Liedern besonders angemessen scheint. Sie ist überhaupt nicht besonders strahlend, sondern wirkt eher intim und sehr häufig etwas melancholisch. Die traurige Stimmung vieler Lieder, etwa des 'Mädchenlieds' aus op. 107 vermittelt sie daher perfekt. Ihre Gestaltung ist verhältnismäßig schlicht, jedenfalls tappt sie nicht wie viele ihrer Opern-Kollegen in die Falle, keinen Unterschied zwischen Liedgesang und Opernbühne zu machen. Wie bei Andreas Schmidt ist auch ihr Vortrag eher maßvoll als dramatisch, doch das wirkt eher als Tugend denn als Mangel.

Anders Iris Vermillion: Sie ist in ihrer Interpretation der Zigeunerlieder op. 103 wesentlich temperamentvoller als ihre Kollegen. Natürlich liegt das auch am Repertoire, in einigen der von Brahms gesetzten Volkslieder klingt auch sie sanfter. Zu erwähnen wäre noch, dass viele der Volkslieder von Andreas Schmidt und Iris Vermillion als Dialog aufgenommen wurden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sämtliche Sololieder

Label:
Anzahl Medien:
cpo
11
EAN:

761203517725


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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