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Samstag, 30. Mai 2020

Clara Schumann & Beethoven - Klavierkonzerte

Claras und Ragnas persönliche Handschrift


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Beethovens Viertes Klavierkonzert ist ein Repertoire-Stück. Und zwar eines, das schon Clara Schumann mit eigener Kadenz spielte. 'Clara' als Konzert-Pianistin und Komponistin rückt in Ragna Schirmers neuer Aufnahme ins Visier.

Auch das a-Moll-Konzert der fünfzehnjährigen Clara Wieck ist zumindest auf Tonträgern fast ein Repertoirestück: Veronica Jochum, Dirigententochter und vor gut zwei Jahrzehnten auf dem Label Tudor gewissermaßen die Spezialistin und oft Pionier für Claras Kompositionen, hat 1988 eine beachtliche Aufnahme mit den Bamberger Symphonikern vorgelegt. Seither fanden zwei weitere Aufnahmen mit Margarita Höhenrieder (RCA 2000) und Francesco Nicolosi (Naxos 2004) durchaus größere Verbreitung; während Jochum und Nicolosi ein reines Clara-Porträt präsentiert haben, indem das spätere Klaviertrio op. 17 das Konzert op. 7 ergänzt, hat Höhenrieder Robert Schumanns Konzert daneben gesetzt. Wobei man bei Höhenrieder, aber auch Nicolosi mit größeren Schwächen der Orchesterbegleitung leben muss, deren klangliche Faktur und auch musikalische Dramaturgie die Interpret(inn)en heute mangels Aufführungsgeschichte ja neu konzipieren und erproben müssen. Sorgfalt war bislang am ehesten der Bamberger Aufnahme zu attestieren, geboren auch aus der Routine des Weltklasse-Orchesters. Die Pianistin hat es leichter als die Dirigentin: Im Vertrauen auf ihr Heimatorchester, die Staatskapelle Halle, herrscht in Ragna Schirmers Interpretation sowohl des Clara- als auch des Beethoven-Konzerts die Solo-Partie deutlich vor, denn Ariana Mathiak lässt das Orchester kaum eigene Akzente setzen.

Beseeltes Klavierspiel, routiniert-blasses Orchester

Gerade die vielgehörte symphonische Orchesterszenerie Beethovens wirkt außerordentlich blass, ideenlos, mitunter auch etwas nachlässig gestaltet hinsichtlich rhythmischer Prägnanz und dynamischer Akzentuierung (vor allem im treibenden Finalsatz). Beethoven ist ja ein ‚Sforzato-Komponist‘, heftigere Kontraste werden aber in den Tuttipassagen vermieden, und gerade der Streicher-Furienchor im berühmten 'Andante con moto' mit seiner impliziten Orpheus-Programmatik wirkt eher etwas schlapp, gebremst, kaum eine Herausforderung für das Klavier als lyrisch besänftigender Gegenstimme. Ragna Schirmer hingegen zeigt sich als Protagonistin fantasievoll, sorgfältig und eigensinnig Klavier-Stimme und Stimmung erkundend. Es macht Spaß, ihrer Gestaltung, ihrer individuellen, oft spürbar bedächtigen Formulierung der musikalischen Gedanken zu folgen. Orchestral ist diese Beethoven-Aufnahme in der überreichen Diskographie dieses Konzerts höchstens unteres Mittelfeld, klaviertechnisch und ästhetisch hingegen mit neuer Sicht und Einfühlung aktuelle Oberklasse. Dazu tragen die großartigen, stilistisch zwar ganz von Beethoven hin zu Claras eigenem Idiom abweichenden, aber äußerst inspirierten und inspirierenden Solo-Kadenzen der spürbar reiferen Clara bei, die Ragna Schirmer nahezu ideal zu erfassen scheint.

Clara nicht unterschätzt

Die Qualität dieser Konzerteinschübe, die durchaus kleine Kunstwerke sind, besitzt das a-Moll-Konzert des Teenagers allerdings kaum: Der ‚große‘ Eröffnungssatz im brillanten Stil der Zeitgenossen (man denke an Moscheles oder Weber) endet etwas spärlich noch vor der siebten Minute, die Romanze besitzt ein schönes Thema mit Anklängen an Mendelssohn und Chopin im Einkleiden und Fortspinnen des Grundgefühls (niemand kann schließlich ohne direkte Vorbilder komponieren); das tatsächliche große Finale kommt als Konzertsatz-Polonaise am besten zur Entfaltung. Schirmer und auch die engagierten Hallenser holen aus diesem wirklich nicht hervorragenden Werk wohl das Optimum heraus: Schön vor allem der kammermusikalische Klavier-Cello-Dialog Schirmers mit Hans-Jörg Pohl in der Romanze, flüssig die Ball-artige Final-Szenerie mit nötiger Klavier-Dominanz und spürbarem Selbstbewusstsein. Hinzu kommt – wie bei nahezu allen Clara-Aufnahmen der letzten Jahrzehnte – ein besonders interessanter und plastisch geschriebener Einführungstext der Musikwissenschaftlerin Janina Klassen im auch fotografisch sehr ansprechenden Booklet (viel besser als 1988 bei Jochum). Das dürfte – trotz ebenfalls gelegentlicher Einschränkungen hinsichtlich der Orchesterqualität – tatsächlich nun die beste, die ‚Referenz‘-Aufnahme hinsichtlich Clara sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Clara Schumann & Beethoven: Klavierkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
08.09.2017
Medium:
EAN:

CD
885470009285


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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