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Donnerstag, 23. November 2017

Sheppard, John - Chorwerke

Traditionell


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Sheppard-Platte bietet einen lebendigen, interpretatorisch hochstehenden Beleg für die Qualitäten der englischen Chortradition abseits der hochspezialisierten Solistenensembles, die das Bild heute so nachdrücklich prägen.

Der Westminster Cathedral Choir ist einer der leistungsstarken englischen Kathedralchöre, wenngleich keiner der typischen: Gegründet 1901, hat er keine vergleichbare historische Dimension wie die viele Jahrhunderte alten Ensembles allerorten; zudem ist er als römisch-katholischer Chor einer in Teilen anderen Tradition verpflichtet. Was die Qualität der Arbeit angeht, aktuell von Martin Baker verantwortet, in der Vergangenheit sehr vernehmlich und stupend produktiv von James O’Donnell , Colin Mawby oder Stephen Cleobury, ist von erstklassigen Resultaten zu berichten – natürlich in weiten Teilen des Renaissance-Repertoires, dazu im Barock und auch in der Moderne.

Aktuell liegt eine Platte mit einigen Großwerken von John Sheppard (ca. 1515-1588) vor, sämtlich sind es Prunkstücke der religiös bewegten Tudor-Zeit: Das ausgreifende, hier beinahe halbstündige 'Media vita in morte sumus', dazu die gleichfalls mit einer Viertelstunde Dauer nicht gerade klein dimensionierte Motette 'Gaude gaude, gaude Maria' und schließlich das längste Werk, die 'Missa Cantate'. All diese fabelhaften sechsstimmigen Sätze greifen weit aus, sind von durchaus erratischem Gehalt, geprägt von Inspiration und Technik gleichermaßen. Auch knapp 500 Jahre nach der Entstehung lässt die Musik staunen – so selbstbewusst, mutig und meisterlich sind die monumentalen Klangräume durchmessen. Natürlich: Es beeindrucken harsche Querstände, vergleichsweise kühne Harmonien, ein gewaltiger Ambitus des gesamten Satzes, garniert mit schwindelerregenden Treble-Höhen. Und doch ist es bei all diesen für die englische Vokalpolyphonie der Zeit, für Sheppards Personalstil zumal, so typischen Details wohl doch die Qualität der gesamten Architektur, die so ausnehmend beeindruckt. Sheppards erstaunlich frische, aktuelle Stimme, dazu im Hinterkopf seine noch berühmteren Zeitgenossen Tallis und Byrd: Was für eine Höhe der Kunst, wie wirkmächtig in ihrem Umfeld, wie herausragend qualitätvoll auch über die Rezeption der Jahrhunderte hinweg.

Klassische Qualitäten

Das hochklassige Repertoire ermöglicht dem Chor ein echtes interpretatorisches Heimspiel: Es werden ganz lange Linien gesungen von strahlend klangvollen Registern; die Männerstimmen wirken angemessen kernig, die Knaben silbrig leicht – ein in der Summe charmantes, selbstbewusst pointiertes, klar ausformuliertes Ensembleideal. Martin Baker wählt bemerkenswert langsam fließende Tempi, was zu den schon angesprochenen ausgreifenden Dimensionen deutlich beiträgt. Und doch wirken die Sätze stetig bewegt, sind die weiten Bögen verlässlich substantiiert. Vielleicht ist es im Verlauf des knapp achtzigminütigen Programms etwas zu viel der überwältigenden linearen Schönheit, hätte es etwas mehr des kleinteiligen Kontrasts sein können, wo immer möglich. Doch muss man fairerweise sagen: Sheppards Musik entfaltet sich ideal im weiten Bogen, ist selbst eher frei schwingende Großarchitektur denn filigranes Feinwerk. Intoniert wird makellos; gerade die Knaben entledigen sich dieser Anforderung absolut vorbildlich, mit der ganzen Lebendigkeit kindlicher Stimmen, ohne je eine Phrase zu gefährden.

Beim Blick auf das Klangbild sind voluminöse Größe und gleichzeitig klare Strukturorientierung zu verzeichnen. Die Balance ist bei Knabenchören immer ein besonderer Aspekt – die Zahlenverhältnisse der Register unterstreichen das auch hier: 24 Knaben singen die Oberstimmen, dazu kommen vier Altisten, sechs Tenöre und acht Bässe. Den kernigen Männerstimmen gelingt es sehr überzeugend, dem üppigen Glanz der Knaben-Korona standzuhalten, sehr weitgehend ohne Force.

Diese Sheppard-Platte bietet einen lebendigen, interpretatorisch hochstehenden Beleg für die Qualitäten der englischen Chortradition abseits der hochspezialisierten Solistenensembles, die das Bild heute so nachdrücklich prägen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sheppard, John: Chorwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
03.08.2017
EAN:

034571281872


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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