> > > Bellini, Vincenzo: Bianca e Gernando
Montag, 24. September 2018

Bellini, Vincenzo - Bianca e Gernando

Gernando statt Fernando


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Ersteinspielung von Bellinis 'Bianca e Gernando' ist ein lebendiger Opernabend mit dem reizvollen Beigeschmack der unerhörten Rarität.

Im Gegensatz zum Rossini Festival in Pesaro gibt es beim Rossini Festival in Bad Wildbad nicht ausschließlich Werke des namengebenden Komponisten zu erleben, sondern auch Opern aus seinem zeitlichen Umfeld. Schon seit vielen Jahren erscheinen diese Raritäten und Ausgrabungen der italienischen Romantik beim Label Naxos auf CD, was die Plattensammlung in vielen Fällen auf preisgünstige Art und Weise um spannende Opernmitschnitte erweitert. Im Juli 2016 gab es in Bad Wildbad eine Einstudierung von Vincenzo Bellinis Opernerstling 'Bianca e Gernando'. Und wer sich fragt, ob es nicht eigentlich ‚Bianca e Fernando‘ heißen müsste, der wird im informativen und sogar deutschsprachigen Beiheft schnell eines Besseren belehrt: Die Urfassung der bei Opernliebhabern als ‚Bianca e Fernando‘ mehr oder weniger bekannten Oper, hat als männliche Titelfigur eben einen Gernando. Auch sonst unterscheidet sich diese hier erstmals eingespielte Urfassung in mancherlei Hinsicht von der späteren Fassung, die Bellini zwei Jahre nach der turbulenten Uraufführung fertiggestellt hat. Allein schon die moderne Introduktion ohne Ouvertüre verweist auf die musikdramaturgische Bedeutung von Bellinis Erstling, zudem gibt es mehrere Nummern, die in der späteren Fassung nicht mehr vorkommen. Dem Team der Festspiele in Bad Wildbad ist mit dieser Urfassung eine hoch interessante Ausgrabung gelungen, die nicht nur von musikwissenschaftlicher Bedeutung ist.

Die Handlung von 'Bianca e Gernando' ist zwar reichlich verworren, aber auch nicht komplizierter als so manche andere Oper: Filippo will die verwitwete Bianca heiraten, was aber deren Vater, König Carlo, nicht will, und somit räumt Filippo den unliebsamen Alten aus dem Weg, indem er ihn einkerkert. Bianca glaubt ihren Vater tot und ebenso ihren Bruder Gernando. Letzterer kehrt nun zu Beginn der Oper heim und will den vermeintlichen Tod des Vaters rächen. Es folgen die typischen Inkognitos, Verwechslungen und Erkennungsszenen. Am Ende triumphiert das Geschwisterpaar mit dem befreiten Vater – der machtbesessene Tyrann Filippo wird besiegt.

Dieser Bariton-Bösewicht wird auf der vorliegenden Doppel-CD von Vittorio Prato gesungen. Mit jugendlicher Emphase und viel Temperament gibt er den ungestümen Filippo. Seine Stimme besitzt zwar nicht den balsamischen Schönklang, den man vielleicht erwarten würde, aber er trumpft mit vokaler Agilität und einer prachtvollen Höhe auf. Auch die Bianca von Silvia Dalla Benetta verzaubert weniger durch fein differenzierten Belcanto. Ihr Sopran klingt für die Partie der jungen Witwe schon ziemlich reif und weist in der Höhe auch einige Schärfen auf, aber Dalla Benetta gestaltet ihre Rolle mit großer Eindringlichkeit und technischer Souveränität. Wo man ein wenig mehr Raffinesse erwarten könnte, agiert die Sopranistin handfest und furchtlos, gewinnt den Hörer aber durch ihre Leidenschaft für sich. Ihre große Arie und das Duett mit Gernando im zweiten Akt sind unbestrittene Höhepunkte der Aufführung, und das Publikum dankt den Künstlern ihren hundertprozentigen Einsatz mit tosendem Beifall.

Dieser Jubel gilt nicht zuletzt dem russischen Tenor Maxim Mironov als Gernando. Mit seiner schlanken und flexiblen Stimme begeistert er seit einigen Jahren seine Fans in Bad Wildbad – und nicht nur dort. Die flammenden finalen Spitzentöne, seine leidenschaftliche Interpretation und die Unbedingtheit seines Singen sind auch auf Tonträger regelrecht mitreißend. Dass manche Höhe nicht restlos ohne Mühe angesteuert wird, stört bei diesem glaubhaften Gesamtpaket nicht im Geringsten.

Die kleineren Partien sind wie gewohnt solide besetzt. Zong Shi kann als Clemente seinen schwarzen Bass entfalten, ohne jedoch ein markantes Rollenprofil zu entwickeln. Luca Dall’Amico holt aus der kleinen Rolle des Carlo den größtmöglichen Effekt heraus und Marina Viotti gestaltet die Hosenrolle des Viscardo mit attraktiven Mezzosopran, der in der Mittellage große Wärme ausstrahlt und erst in der Höhe ein wenig an Glanz und Farben verliert. Mar Campo als Eloisa und Gheorghe Vlad als Uggero komplettieren das Ensemble.

Am Pult der Virtuosi Brunensis geht Antonino Fogliani mit Temperament und Verve zu Werke. Bisweilen klingt sein Zugang fast schon schroff, befeuert aber fraglos das dramatische Bühnengeschehen. Der Camerata Bach Choir Poznan kann mit dieser aufwühlenden und zupackenden Interpretation nicht in jedem Moment Schritt halten. Manche Passagen geraten rhythmisch ungenau und klanglich fallen die Chorsänger hinter dem Orchester ab.

Doch ein positiver Gesamteindruck bleibt bestehen: Diese Ersteinspielung von Bellinis 'Bianca e Gernando' ist ein lebendiger Opernabend mit dem reizvollen Beigeschmack der unerhörten Rarität, dargeboten von engagierten Künstlern, die mit Herz und Seele bei der Sache sind.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bellini, Vincenzo: Bianca e Gernando

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
2
11.08.2017
EAN:

730099041775


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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