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Sonntag, 15. September 2019

Mahler, Gustav - Orchesterlieder

Seelenwispern


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Mahler-Lieder-Einspielung ist etwas Besonderes. Und es bleibt zu wünschen, dass sie auf dem Klassikmarkt als eine solche viele Zuhörer findet.

Es gibt wahrlich zahlreiche Einspielungen von Mahler-Liedern auf Tonträger. Gerade die drei berühmten Zyklen liegen von zahlreichen ‚großen‘ Interpreten vor, so dass eine Neuaufnahme gute Gründe braucht, um nicht im CD-Dschungel als eine von vielen unterzugehen. Die vorliegende Einspielung mit der Mezzosopranistin Alice Coote und dem Dirigenten Marc Albrecht beim Label Pentatone hat hervorragende Argumente, sich in die Riege der großen Vorgänger glanzvoll einzureihen.

Die Aufnahme, die im November 2015 und Juni 2016 in Amsterdam entstanden ist, ist tontechnisch hervorragend ausgeklügelt – da lohnt sich tatsächlich die Veröffentlichung auf einer SACD. Es ist, als säße man am akustisch günstigsten Punkt eines Konzertsaales: Alle Feinheiten sind erfahrbar und der Raumklang ist bestechend. Und dann ist da die Stimme von Alice Coote, die gleichsam aus der Tiefe des Raumes auftaucht und sich ihren Weg in den Vordergrund bahnt, immer auf den Wogen des Orchesters, um im richtigen Moment wieder in dasselbe einzutauchen. In Verbindung mit der außergewöhnlichen Interpretation aller beteiligten Künstler wirkt diese Mahler-Lieder-Aufnahme geradezu elektrisierend.

Besonders fesselnd ist die allgegenwärtige Zartheit, das Feinmaschige der Komposition. Eruptive Momente sind selten, es herrschen die leisen und intimen Töne vor. Dabei reizen Albrecht und Coote die dynamischen Grenzen lustvoll aus – vor allem im Pianobereich, wo manche Passagen einfach wie ein Hauch verklingen dürfen oder an ein Wispern heranreichen. Coote und Albrecht beherrschen die große Kunst der musikalischen Intimität. So fesselnd und intensiv hat man die 'Lieder eines fahrenden Gesellen' oder die 'Rückert-Lieder' schon lange nicht mehr auf Tonträger gehört. Bei den abschließenden 'Kindertotenliedern' hat man sich dann schon fast an den Luxus der feinen Klänge und kraftvollen Ruhe gewöhnt.

Es ist aber nicht so, als stünde Marc Albrecht mit seinem Netherlands Philharmonic Orchestra unentwegt auf der Bremse. Die Musiker agieren vielmehr wie ein Klangkörper aus lauter Solisten, die sich der Sängerin gleichwertig fühlen. Jeder hat etwas zu erzählen, sei es in Worten oder eben in einer Streicherphrase, einem Flötentriller oder einem Hornruf. Trotz großer Besetzung betont Marc Albrecht das Kammermusikalische der Lieder in so zwingender Art und Weise, dass es unmöglich wird, die Einspielung einfach nebenher zu hören. Sie zwingt vielmehr zum konzentrierten Lauschen.

Daran hat ohne Frage auch die Mezzosopranistin Alice Coote einen gewaltigen Anteil. Nicht nur, dass sie über eine klangschöne und goldgetönte Stimme verfügt, sie beherrscht auch die Kunst der Farben und des inhaltlichen Singens – auch wenn ihre Artikulation teilweise mehr Deutlichkeit vertrüge. Alice Cootes Gesang klingt teilweise herb und unnachgiebig und zugleich extrem verletzlich, wie im eröffnenden 'Wenn mein Schatz Hochzeit macht'. Und kurz darauf lässt Coote ihren Mezzosopran in der Phrase 'Nun fängt auch mein Glück wohl an?' so intensiv aufglühen, dass einem der Atem stockt – alles in einem nervenzerreißenden Piano, das sie auf dem Wort 'nimmer' noch in ein effektvolles Pianissimo zu steigern weiß. Coote kann aber auch dramatisch zupacken und mit jubelnder Höhe und großem Ton den entsprechenden Momenten im Ausdruck gerecht werden. Und doch sind es eben die introvertierten Passagen, die diese Neuaufnahme so unvergleichlich machen. Wenn die Sängerin in 'Liebst du um Schönheit' ein zartes Lächeln hörbar macht, überträgt es sich förmlich. Da weht ein Hauch von atemloser Leidenschaft durch ihren Vortrag, den sie in ihrem Spiel mit den Pausen und Farben einzufangen versteht, ohne von ihrem beneidenswerten Legato abzuweichen. Dieses wundervolle Liebesgeflüster vermittelt den Eindruck, als wage die singend Sprechende es kaum, ihre Gedanken in Wort zu fassen, als bräuchte es zwingend die Musik, um dem Seelenton nach außen zu verhelfen. Das ist von Mahler unvergleichlich komponiert – und von Coote und Albrecht kongenial umgesetzt.

Diese Mahler-Lieder-Einspielung ist etwas Besonderes. Und es bleibt zu wünschen, dass sie auf dem Klassikmarkt als eine solche viele Zuhörer findet!



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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Orchesterlieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
28.07.2017
Medium:
EAN:

SACD
827949057663


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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