> > > Funeralissimo: Hommage an Trauermusiken für Violine, Cello und Akkordeon
Donnerstag, 21. Juni 2018

Funeralissimo - Hommage an Trauermusiken für Violine, Cello und Akkordeon

Überraschend lebendig


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Matthias Well zeigt bereits auf seinem ersten Album, mit welcher Raffinesse und Leidenschaft er sich den Werken recht unterschiedlichen Musikkulturen widmet und dass der Tod nicht immer nur traurig sein muss.

Trauermusik hat einen festen Platz in der hiesigen Musikkultur, man denke nur an das Requiem, den Totenmarsch oder den Klagegesang. Dennoch wird eine Aufführung außerhalb ihres unmittelbaren Funktionsbereiches vernachlässigt, nur wenige große Musiker führen eine diverse Auswahl an Trauermusiken in ihrem Repertoire. Einer, der sich diesem Manko von Beginn an entgegenstellt, ist der junge Geiger Matthias Well, dessen erste Veröffentlichung ‚Funeralissimo‘ sich gleich 17 Werken dieser Art widmet.

Auf den ersten Blick mag es gewagt sein, ein Debüt mit Trauermusik zu gestalten. Doch warum eigentlich nicht? Dem Anlass entsprechend steckt in ihnen bereits eine große Emotionalität. Matthias Well hat darüber hinaus einen sehr persönlich Zugang zu dieser Musik, in die er mit jeder Note tiefer eintaucht. Bemerkenswert ist die Ernsthaftigkeit, mit der Well sich im Vorfeld mit dem Thema befasst hat. Da viele der hier präsentierten Werke Volkslieder aus ganz unterschiedlichen und für unsere Ohren teilweise exotischen Kulturen wie Indien, Georgien oder dem Balkanraum kommen, zahlt sich diese intensive Forschung umso mehr aus, um authentische Interpretationen hevorzubringen. Und wenn Größen wie Johann Sebastian Bach (1685-1750) mit dem 'Andante' seiner Sonate Nr. 2 a-Moll BWV 1003 ebenfalls ihren Teil zum Programm der CD beitragen, muss auch nicht an der handwerklichen Qualität gezweifelt werden. Drei der enthaltenen Werke sind sogar Neukompositionen, die Well extra für dieses Programm in Auftrag gegeben hat.

So gesehen ist es nicht weiter verwunderlich, dass ‚Funderalissimo‘ 2017 mit dem Fanny Mendelssohn Förderpreis ausgezeichnet wurde. Dank des Preisgeldes wurde das CD-Projekt schließlich beim Leipziger Label Genuin realisiert. Musikalische Unterstützung fand der Violinist hierfür bei seiner Schwester Maria Well (Violoncello) und Zdravko Živković (Akkordeon). Die Arrangements für diese Besetzung stammen von Matthias Well selbst.

Wie um zu beweisen, dass es selbst im deutschsprachigen Raum kulturelle Unterschiede in Sachen Tod gibt, bildet ein würdevoll gesammelter 'Allerseelen Jodler' aus dem Alpenland den Auftakt zu diesem einzigartigen Album. Demgegenüber animieren Musiken wie 'Turceasca' überraschenderweise zum Tanzen, trotz des für den Balkanraum typischen, sehnsuchtsvollen Tons. Violine, Cello und Akkordeon bilden ein hervorragendes Trio, wobei seine beiden Begleiter genau die richtige Grundlage liefern für das ausdrucksstarke, authentische Violinspiel Wells. Ein Phänomen dieser CD: Mitunter wird man als Hörer so von der Musik eingenommen, dass ihr eigentlicher Einsatz als Trauermusik völlig in den Hintergrund gerät. So zum Beispiel im nordamerikanischen 'St. James Infirmary', bei dem die Spielweise des Trios an eine Gershwin-Komposition mit rhythmisch-treibenden Blues-Elementen erinnert.

Die drei Musiker, allen voran Matthias Well, passen sich äußert flexibel dem jeweiligen Charakter und Kulturraum eines Werkes an, sowohl im musikalischen Gestus als auch in der Spieltechnik. Somit wirkt die Musik nie stilisiert oder künstlich, sondern scheint direkt aus dem Herzen zu kommen. 'Raga' ruft die Weite Indiens vor Augen, indem die Violine stetig zwischen den Tönen mäandert. Hier wird dem Hörer viel Raum zum Erinnern geboten. Volkstümlich gemütlich wird es im georgischen 'Suliko', in dem zum ersten und einzigen Mal auch Gesang eingebaut wird. 'Andante flébile' aus der Ballade für Klavier und Violine von Ciprian Porumbescu (1853-1883) ist mit rund sieben Minuten das längste Werk auf der CD. Die Violine fügt sich mit ihrem warmen Klang angenehm in die Einheit von Cello und Akkordeon ein. Gelungene Phrasierungen und wohl durchdachte Spannungsbögen sorgen für eine anhaltende Intensität und hauchen der Musik Leben ein. Darüber hinaus punkten die Musiker mit einer ausgefeilten Dynamik, hervorragenden Tempowechseln und technischer Finesse.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Well in 'Hede Nyuie' von Alexander F. Müller (*1987), einer der drei eingangs erwähnten Neukompositionen. Er gestaltet die musikalischen Strukturen sehr reduziert und transparent und lässt seine Violine flimmern. Nicht nur musikalisch ansprechend, sondern auch von zeitgeschichtlicher Brisanz ist Ruben B. Calderons (*1984) 'Lamento Mexicano'. Der aufmerksame Zuhörer erkennt darin die Einbindung der mexikanischen Nationalhymne in Moll, laut Booklet eine Kritik des Komponisten an der korrupten Landesregierung. Besonders das Akkordeon fügt sich treffend in den Charakter dieses Werkes ein.

Mit seinem Debüt macht Matthias Well eindrucksvoll auf sich aufmerksam. Seine spieltechnische Versiertheit sowie sein Differenzierungsvermögen, das ausgewogene Miteinander aller drei Musiker und die wohl durchdachte, abwechslungsreiche Programmdramaturgie sorgen für kurzweilige Unterhaltung und nachdenkliche Momente gleichermaßen. Wenn hier jemand weint, dann nur vor Rührung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Funeralissimo: Hommage an Trauermusiken für Violine, Cello und Akkordeon

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
08.09.2017
EAN:

4260036254860


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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