> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 5
Donnerstag, 13. Dezember 2018

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 5

Vielversprechender Auftakt


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der berühmten Fünften Sinfonie haben Osmo Vänskä und das Minnesota Orchestra ihren Mahler-Zyklus eingeleitet – eine inhaltlich durchdachte und musikalisch schlüssige Interpretation.

Wenn ein musikalisches Werk nicht nur einen ausgesprochen hohen Bekanntheitsgrad hat, sondern auch in seiner Deutung umstritten ist, wie es bei Mahlers Fünfter Sinfonie der Fall ist, stellt die Interpretation den Dirigenten vor besondere Herausforderungen. Er muss es schaffen, das Werk auf eine Art zu gestalten, die sich von vielen anderen Interpretationen unterscheidet, und in diesem Zusammenhang den Mut haben, sich von ausgetretenen Pfaden zu entfernen und einen Weg zu gehen, der möglicherweise keine allgemeine Zustimmung findet. Osmo Vänskä leitet das Minnesota Orchestra seit dem Jahr 2003 und hat sich in dieser Zeitspanne durch die Einspielung etlicher großer Werke einen Namen gemacht. Seine Einspielungen von Beethoven- und Sibelius-Sinfonien brachten ihm und dem Orchester u.a. den Erfolg eines Grammy-Awards ein, den Vänskä 2014 für die Aufnahme von Sibelius‘ Erster und Vierter Sinfonie erzielte. Die vorliegende Interpretation der Fünften Sinfonie Mahlers, die im Jahr 2017 im Label BIS Records erschien und sich einem weiteren sinfonischen Meilenstein der Musikgeschichte widmet, zeigt, dass Vänskä auch diese Herausforderung gemeistert hat.

Charismatisch und vielfarbig im Ausdruck

Von Anfang an überzeugt das Orchester durch die Vielschichtigkeit der Klangfarben und die Wandlungsfähigkeit des Ausdrucks, der sich der jeweiligen Stimmung stets gekonnt anpasst. Schon in den ersten Takten des Trauermarsches gelingt es Vänskä, eine beklemmende und bedrohliche Atmosphäre heraufzubeschwören. Besonders beeindruckend und von einer Unerbitttlichkeit, die im Zuhörer eine Gänsehaut erzeugt, ist hier direkt der charakteristische Einstieg mit dem in seiner geforderten Präzision extrem durchsichtigen und damit für den Solisten sehr herausfordernden Trompetenmotiv. Was dem Zuhörer jedoch neben den düsteren und unheimlichen Abschnitten nicht weniger im Ohr bleibt, sind die humoristischen Anspielungen, mit denen Mahler in seinem Werk nicht selten Bezug auf eigene Kompositionen nimmt. So beginnt der Finalsatz beispielsweise mit einem Fagottsolo, das einen Kenner von Mahlers Werk unweigerlich an sein 'Lob des hohen Verstandes' erinnert – ein humoristisches Lied mit vielen satirischen Elementen, das dem Sinfoniesatz in seiner befreienden Art eine Leichtigkeit verleiht, die dem sprichwörtlichen Aufatmen nach aufgestauter innerer Anspannung gleicht. Besonders in diesen kammermusikalischen Passagen, die dem ansonsten vollen und voluminösen Klang des gesamten Orchesters gegenüberstehen, zeigt sich das hohe künstlerische Niveau, auf dem hier sämtliche Musiker miteinander kommunizieren. Selbst die anspruchsvollsten Passagen klingen, als würden sie ohne jegliche Mühe aus dem Ärmel geschüttelt, wodurch die Atmosphäre sich gerade nach emotional tiefgründigen und musikalisch komplexen Abschnitten wieder deutlich aufhellt und eine klangliche Ausgewogenheit entsteht, die dem Zuhörer das Verständnis der Sinfonie erleichtert.

Die Kunst der Langsamkeit

Auch wenn es nur einen kleinen Teil der Fünften Sinfonie ausmacht, ist es doch vor allem das berühmte Adagietto, an dem das Werk häufig gemessen und verglichen wird. Nachdem es von dem Regisseur Luchino Visconti für dessen Film 'Tod in Venedig' als Filmmusik eingesetzt wurde und abgesehen davon häufig als Liebeslied für Mahlers Frau Alma interpretiert wird, ist es heutzutage kaum möglich, diese Musik unvoreingenommen zu hören, ohne sofort bestimmte Bilder und Assoziationen vor Augen zu haben. Die Interpretation des Adagiettos fokussiert sich in diesem Zusammenhang oft auf die Frage des Tempos. Ungeachtet dessen, dass der Trend heutzutage eher nach einer schlankeren Interpretation strebt, um das Werk nicht zu süßlich-sentimental wirken zu lassen, wählt Vänskä ein vergleichsweise langsames Tempo, so dass der Satz in dieser Aufnahme eine Länge von zwölfeinhalb Minuten einnimmt und damit mehr als fünf Minuten länger als die kürzesten Interpretationen wie zum Beispiel die siebenminütige von Willem Mengelberg und dem Concertgebouw Orchestra Amsterdam. Interessant ist, dass es ihm dennoch gelingt, zu keiner Sekunde den gefürchteten Kitsch aufkommen zu lassen. Stattdessen wählt er eine bevorzugt schlichte Ausdrucksweise, die besonders die großen dynamischen Spannungsbögen betont und eine Endlosigkeit suggeriert, die gegenüber den abrupten Stimmungswechseln in den anderen Sätzen eine geradezu wohltuende Abwechslung vermittelt und den Satz wie eine friedliche Insel in der wogenden Brandung wirken lässt.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
28.06.2017
EAN:

7318599922263


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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