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Freitag, 21. September 2018

Mauersberger, Rudolf - Geistliche Sommermusik

Ein Kantor


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Rudolf Mauersberger musikpraktisch dem Dunkel der Geschichte zu entreißen, ist ein lobenswerter Versuch. Mit Blick auf das Repertoire ist eine höchst verdienstvolle Platte zu verzeichnen, mit einer engagierten Deutung der 'Geistlichen Sommermusik'.

Rudolf Mauersberger (1889-1971) war einer der großen, aus der Ferne beinahe mythenumrankten Kreuzkantoren. Im Amt von 1930 bis zu seinem Tod, prägte er Chor wie musikalische Tradition seiner mitteldeutschen Heimat nachhaltig. Und – anders als die allermeisten Kirchenmusiker unserer Tage – war er kompositorisch aktiv, und das ambitioniert, nicht etwa nur mit schlicht harmonisierten dreistimmigen Sätzen für den sonntäglichen Gottesdienst. Groß dimensionierte Werke sind überliefert, darunter der 'Weihnachtszyklus der Kruzianer' von 1944/46, der 'Zyklus Dresden' von 1945/50 oder der 'Zyklus Erzgebirge' aus den Jahren 1946/54. Dazu kommen als herausragende Werke das 'Dresdner Te Deum' von 1944/45, die 'Lukaspassion' von 1947, das 'Dresdner Requiem' aus dem Jahr 1947/48 und die auf der aktuellen Platte aus dem Hause Querstand zur Diskussion gestellte 'Geistliche Sommermusik', entstanden 1948. Sie war das letzte große Werk, das Mauersberger vollendete.

Wenn man ehrlich ist, wird man zugeben müssen, dass außer dem ersten Teil des 'Chorzyklus Dresden' nichts dauerhaften Eingang in das Repertoire der Chöre gefunden hat: Dieses eine Stück aber, 'Wie liegt die Stadt so wüst', entfaltet, wann immer es Teil von Programmen aus Romantik und gemäßigter Moderne ist, eine sagenhaft intensive Schreckens-Schönheit. Es wird auch heutigen Hörern dringlich klar, wie fassungslos Mauersberger zu Ostern 1945 vor dem verwüsteten Dresden als Sinnbild der Zerstörungskraft des Krieges und menschengemachter Gewalt gestanden haben muss.

Die 'Geistliche Sommermusik' hat ein gänzlich anderes, klar umrissenes inhaltliches Profil: Lob und Preis dessen, was Gott an und in der Natur getan hat. Mauersberger verwebt musikalisch und textlich Choralvorbilder und biblische Inhalte. Er tut das in einer zeittypischen, durchaus attraktiven Mischung aus grundsätzlich romantischer Harmonik, den Vorbildern alter Meister und dem affektiven Aufbruchsimpuls der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Stimmtechnisch sind die Anforderungen trotz schlichter Grundanmutung oft ambitioniert: Über etliche Strecken ist es ein echtes Ausdauerstück mit oft großem Ambitus; das Stimmengeflecht muss luzide ausgehört sein für klare und direkte Wirkungen.

Einzelne Ausschnitte des eine knappe Stunde dauernden Stückes sind hier und da zu hören – als Ganzes darf eine Aufführung sicher als absolute Rarität gelten. Das macht den Rang der Einspielung deutlich aus. Die Musik verweist einerseits auf die Tradition großer mitteldeutscher Kantoren, die beinahe selbstverständlich auch veritabel zu komponieren wussten. Andererseits ist sie ein Gruß aus einer beinahe untergegangenen kulturellen Welt, den man mit Wehmut vernehmen kann. Eine Welt freilich, die gleichwohl nicht leicht zu verlebendigen ist: Ein Programm mit dieser zweifellos interessanten, aber auch sperrigen, nicht leicht konsumierbaren Musik kann es abseits eines spezialisierten Festivals oder eines konkreten Anlasses wohl kaum geben.

Engagierte Deutung

Umso erfreulicher, dass Ekkehard Klemm, selbst Ende der 1960er Jahre noch junger Kruzianer bei Mauersberger und seit 2004 Leiter der Dresdner Singakademie, mit seinem Chor diese Musik eingesungen hat. Der Erwachsenenchor aus ambitionierten Laien ist stattlich dimensioniert, verfügt über einen geschlossenen Klang von einer gewissen Flexibilität und Modulationsfähigkeit. Die Mischung mit den geforderten Knabenstimmen gelingt überzeugend: Die Frische kindlichen Gesangs nobilitiert das Geschehen spürbar. Die Männerregister könnten etwas konturschärfer agieren, die Soprane neigen in absoluter Randlage zu Schärfen. Intoniert wird stabil und solide, einige Unebenheiten eingeschlossen. Gerade die Kinder erweisen sich in dieser Hinsicht aber als höchst verlässlich. Die sehr weitgehend syllabische Vertonung führt immer wieder zu dringlich deklamierenden Phrasen. Rare lyrische Momente werden ausgekostet, hätten aber noch mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Dynamisch gestaltet Klemm das Geschehen oft forsch. Wann immer er zu verhaltenen Gesten findet, kommt der Chor noch besser zur Geltung, wirkt das Ergebnis klangsensibel ausgeformt. Musiziert wird in frisch bewegten Tempi: Diese Musik darf nicht stehen oder zäh wirken. Die Natürlichkeit der Deklamation ist erfreulich; die riesigen Textmassen hätten freilich nach etwas mehr erzählerischer Klarheit verlangt.

Ergänzt werden die chorischen Anteile durch zwei Solistinnen: Mit der Sopranistin Friederike Beykirch und der Altistin Nanora Büttiker sind zwei frische, junge Stimmen zu hören, die mit natürlicher Eloquenz und unverstellter Klangschönheit für sich einnehmen. Klanglich wirkt das Geschehen konzentriert, eher auf kompakte akkordische Wirkungen ausgerichtet, weniger auf Luzidität und die Betonung der Strukturen.

Rudolf Mauersberger musikpraktisch dem Dunkel der Geschichte zu entreißen, ist ein lobenswerter Versuch. Kann das dauerhaft gelingen, abseits des formidablen 'Wie liegt die Stadt so wüst'? Der Rezensent hat Zweifel daran. Gerade deshalb: Mit Blick auf das Repertoire ist eine höchst verdienstvolle Platte zu verzeichnen, mit einer engagierten Deutung der 'Geistlichen Sommermusik'.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mauersberger, Rudolf: Geistliche Sommermusik

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Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
12.07.2017
EAN:

4025796017083


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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