> > > Fuentes, Arturo: Streichquartette
Sonntag, 26. Mai 2019

Fuentes, Arturo - Streichquartette

Fein ziselierte Geräuschklänge in stetem Fluss


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Quatuor Diotima hat beim Label Kairos die Streichquartette des Komponisten Arturo Fuentes herausgebracht. Das künstlerische Ergebnis ist eine überaus spannende und lohnenswerte Klangreise.

Leichtigkeit ist eines der Schlagworte für Arturo Fuentes’ (*1975) kompositorische Zugriffsweise sowie das klangliche Resultat, ebenso ein ‚bestimmter Dynamismus‘, eine Offenheit gegenüber unterschiedlichsten Anregungen, die es braucht, um diese eigenwillig schwingende Musik zu schaffen: fein ziselierte Geräuschklänge in stetem Fluss. Der bereits gewaltige Werkkatalog des mexikanischen Komponisten listet spartenübergreifende Arbeiten in verschiedenen Besetzungskombinationen, auf diversen Ebenen tritt die Musik in den Dialog mit Elektronik, Filmkunst, Literatur und Philosophie. Mit den höchst imaginativen Werktiteln 'Broken mirrors' (2008, rev. 2014), 'Liquid crystals' (2011), 'Ice reflection' (2014) und 'Glass distortion' (2015) finden sich auf der vorliegenden Einspielung die Auseinandersetzungen des Komponisten mit der Gattung des Streichquartetts versammelt: ein Zyklus, der aus der Vorstellung von einem sich immer wieder in unterschiedlichen Aggregatszuständen manifestierenden klanglichen Ganzen entwachsen ist. (Das von Enrique Fuentes, dem Bruder des Komponisten, gestaltete Coverbild könnte da passender nicht sein.)

Zu Gehör gebracht werden die im Kubus des Karlsruher Kunst- und Medientechnologiezentrums (ZKM) aufnahmetechnisch hervorragend eingefangenen Stücke vom französischen Quatuor Diotima, das sich, wie die ausgewählte Diskographie zeigt, im Bereich der zeitgenössischen Musik bereits profiliert hat. Glissandierende Aktionen, gespenstisch-klirrende Klanglandschaften, kontrastierende Licht- und Schattenspiele und kurze melodische Momente vereinen sich zu einer feingliedrigen Klangsprache, die eine ganz Bilderwelt heraufbeschwört: In einem natürlichen Fluss strömen die schnell bewegten, zirkulierenden, fein gekräuselten Instrumentenstimmen, kristallisieren in Momenten angespannter Ruhe zu Einzelimpulsen, brausen dann wieder zu rasenden Klangstürzen auf.- Der Doppler-Effekt scheint ein Hauptprotagonist von Fuentes’ Klangerforschungen zu sein, ebenso das Flageolettspiel, das diese eigenwillig schwebende und filigran-zerbrechliche Grundstimmung entstehen lässt. Unter die Lupe genommen und zu präzisen Klangschichtungen arrangiert werden akustische Vorgänge, Klangfarben, Echos und mikrostrukturelle Phänomene, was den Komponisten nicht zuletzt in eine gedankliche Nähe zu Tristan Murail rückt.

In ihrem energetischen Spiel entlocken die Ensemblemitglieder Yun-Peng Zhao (Violine), Constance Ronzatti (Violine), Franck Chevalier (Viola) und Pierre Morlet (Violoncello) ihren Instrumenten ungehörte Klangräume von gespenstischer Schönheit. Die erweitere Instrumentenbehandlung formt einen dynamischen Spannungsverlauf zwischen Farbwechseln und Tonräumen und spätestens mit 'Glass distortion' verhärtet sich der Eindruck, diesen Ort des Unberechenbaren auch live miterleben und visuell nachvollziehen zu wollen. Diese letzte und mit 25 Minuten Dauer deutlich längste Einspielung offenbart sich als logische Konsequenz eines ‚akribisch arrangierten, kaleidoskopischen Chaos’ (Arturo Fuentes) und weist doch in ihren klanglichen Qualitäten über das bisher Gehörte hinaus: Denn hier verschleiern nicht nur die elektroakustischen Zuspielungen den Klangursprung, sondern auch, wie der leider nur in englischer und spanischer Sprache vorliegende Begleittext wissen lässt, eine aus 24 befüllten und fingerbespielten Gläsern zusammengesetzte Harmonika. Zu vernehmen sind diese gläserzarten Schwingungen mal vorder- und dann hintergründig, mal schneidend und dann hallig wie ein Windspiel, die sich im Zusammenklang mit dem Diotima-Quartett zu einem durchweg plastischen und labyrinthisch verzweigten Gewebe auswachsen. Der technisch und interpretatorisch beeindruckende Vortrag des Quartetts wirkt dabei bis zu den ungewöhnlichsten Spieltechniken angenehm frisch, fingerfertig und raffiniert.


Jasemin Khaleli Kurzkritik von Jasemin Khaleli,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Fuentes, Arturo: Streichquartette

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
25.08.2017
EAN:

9120040735159


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Jasemin Khaleli:

  • Zur Kritik... Klangliche Mikroskopien: Eine neue Porträt-CD aus dem Hause Wergo präsentiert mit kammermusikalischen Klangstudien von Chaya Czernowin Sinnliches und Ungeschütztes, Gewaltiges und Unerwartetes. Weiter...
    (Jasemin Khaleli, )
  • Zur Kritik... Ein Konglomerat aus Ursprungssuche und Weitblick: Die musikalische Reise auf Originalklanginstrumenten bietet ein überraschendes und facettenreiches Programm: Von Bach bis hin zum Oud-Virtuosen Rabih Abou-Khalil werden Spannungen und Brüche, Querverweise und feine Verbindungslinien wahrnehmbar gemacht. Weiter...
    (Jasemin Khaleli, )
  • Zur Kritik... Kreativ und geschichtsbewusst: In seiner Doppelfunktion als Interpret und Komponist hat der Klarinettist Matthias Mueller beim Label Neos eine hervorragende Referenzeinspielung vorgelegt. Weiter...
    (Jasemin Khaleli, )
blättern

Alle Kritiken von Jasemin Khaleli...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Nordische Entdeckungslust: Mit einer vokalen und einer instrumentalen Komposition von Lars Karlsson (*1953) widmet sich das Lapland Chamber Orchestra neuen, nordischen Raritäten und lässt vor allem durch bemerkenswerte solistische Beiträge aufhorchen. Weiter...
    (Lorenz Adamer, )
  • Zur Kritik... Dirigierender Komponist: Die kommunikative Qualität von Hans Zenders Musik kommt auf dieser Einspielung bestens zur Geltung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Charakterisierungskunst: Andreas Haefliger will uns Altbekanntes in neuem Licht erscheinen lassen. Auch wenn das teils fragwürdige Ergebnisse zeitigt – spannend ist es immer. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2019) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Frédéric Chopin: Valse a-Moll

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich