> > > Lehár, Franz: Die Juxheirat
Freitag, 21. September 2018

Lehár, Franz - Die Juxheirat

Früher Lehár aus Ischl


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Juxheirat' ist wieder mal was für Entdecker oder Bad-Ischl-Reisende, die ihre Lehár-Diskografie erweitern möchten.

Das Lehár Festival Bad Ischl wagt sich immer wieder auch an vergessene Operetten – nicht nur von Lehár, sondern auch von seinen Zeitgenossen. Dass diese Mitschnitte mittlerweile regelmäßig auch beim Label cpo erscheinen, ist ohne Frage zu begrüßen. Auf diese Art und Weise sind endlich auch unpopuläre Titel auf Tonträger greifbar und machen hin und wieder Lust auf weitere Produktionen dieser Raritäten. Von künstlerischer Seite sind freilich nicht alle Bad Ischler Mitschnitte von solcher Güte, dass man sie zwingend konservieren müsste, aber allein die wiederbelebten Operettentitel rechtfertigen eine Veröffentlichung.

Im Sommer 2016 stand in Bad Ischl Franz Lehárs frühe Operette 'Die Juxheirat' auf dem Spielplan. Genau ein Jahr vor seinem Welterfolg mit der 'Lustigen Witwe' markiert bereits die 'Juxheirat' den Übergang ins ‚goldene Operettenzeitalter’. Vor allem die Musik atmet schon jenen Salonduft, der mit der 'Lustigen Witwe' oder dem 'Graf von Luxemburg' in die Operettentheater einziehen soll. Besonders die Walzermelodien bezaubern, wie im Vorspiel des zweiten Aktes oder im Lied des Arthur. Der Dirigent Marius Burkert und sein Franz Lehár-Orchester kennen sich auch bestens mit der leichten Muse aus. Mit federnder Leichtigkeit und zugleich süffigem Streicherklang lassen sie die Partitur aufblühen, bleiben dabei aber unprätentiös und direkt – das macht dieses Orchester und seinen Leiter ungemein sympathisch.

So sehr die Musik der 'Juxheirat' aufhorchen lässt, so bemüht ist das Libretto: eine eher weniger turbulente Verwechslungskomödie mit Geschlechtertausch und Liebeleien. Für das Uraufführungsjahr 1904 modern, wenn nicht sogar visionär, ist das Thema der Frauenbewegung. Die weibliche Hauptfigur ist nämlich Mitglied des Bundes ‚FVM – Frei vom Mann’. Doch was als Emanzipationsaufschrei beginnt, endet im übers Knie gebrochenen Liebesgurren. Gespickt ist die 'Juxheirat' mit unendlich vielen Zitaten und Anspielungen von Richard Wagner über Johann Strauß bis Leo Fall. Und sie hat ein paar wirklich schöne Rollen zu verzeichnen, die ihre Bühnenwirksamkeit nicht verfehlen. Allen voran zieht die für Alexander Girardi konzipierte Partie des Chauffeurs Philly die Aufmerksamkeit auf sich. In Bad Ischl verkörpert dieses Energiebündel Christoph Filler. Er überzeugt auf ganzer Linie mit seinem klangvollen Spieltenor, der guten Artikulation und einem untrüglichen Gespür für Pointen und Timing. Ebenso beeindruckend die Sopranistin Sieglinde Feldhofer als Phoebe, die im Duo mit Filler dieses quirlige Buffo-Paar komplettiert.

Mit Maya Boog steht in der Hauptpartie der Männer abweisenden Witwe Selma eine stimmstarke Persönlichkeit zur Verfügung. Ihre Mittellage ist klangvoll, in der Höhe verfügt sie über die notwendigen Farben und ihre Stimme verströmt trotz des kühlen Charakters die große Wärme einer Operetten-Primadonna. Auffällig ist ihre Fähigkeit, auch in den Musiknummern dialogisch zu agieren, wirklich Inhalte zu transportieren und nicht in selbstgenügsame Melodienseligkeit abzugleiten. Leider ist ihr Tenorpartner alles andere als adäquat. Jevgenij Taruntsov scheint in Bad Ischl ein beliebter Gast zu sein, aber für eine CD-Veröffentlichung reicht seine gesangliche Leistung hier nicht aus. Schon im Auftrittslied des Harold quält sich der Sänger mit der Tessitura, hat Mühe, die geforderten Töne zu erreichen. Von lyrischem Schmelz oder einem sauberen Legato kann auch im Verlauf der Aufführung keine Rede sein. Vielleicht war Taruntsov zum fraglichen Zeitpunkt indisponiert – man kann es bei der ohrenfälligen Ermüdung seiner Stimme nur hoffen.

Von den übrigen Solisten fallen noch der perlende und glockenklare Sopran von Ilia Staple als Edith und der Arthur von Alexander Kaimbacher auf. Der Tenor bewegt sich klanglich zwar an der Grenze zum Charakterfach, er legt aber so viel Schmelz und Zartheit in seinen Gesang, dass er fast alle anderen männlichen Kollegen stilistisch in den Schatten stellt. Auch Gerhard Ernst in der Rolle des Milliardärs Brockwiller ist ein erfahrener Stilist, aber stimmlich hat er die besten Jahre definitiv hinter sich. Rita Peterl als Euphrasia und Anna-Sophie Kostal als Juliane ergänzen das ansonsten homogene Ensemble, das im Übrigen durchweg sehr lebendige und gut gearbeitete Dialoge spricht. Schade nur, dass diese tontechnisch beim vorliegenden Livemitschnitt sehr in den Hintergrund rücken.

Diese 'Juxheirat' ist wieder mal was für Entdecker oder Bad-Ischl-Reisende, die ihre Lehár-Diskografie erweitern möchten. Ansonsten bleibt nach dem Hören trotz effektvoller Passagen auch viel Verständnis dafür zurück, dass diese Operette keine große Aufführungsgeschichte zu verzeichnen hat.


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    Lehár, Franz: Die Juxheirat

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
EAN:

761203504923


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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