> > > Lehár, Franz: Die Juxheirat
Donnerstag, 14. Dezember 2017

Lehár, Franz - Die Juxheirat

Früher Lehár aus Ischl


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Juxheirat' ist wieder mal was für Entdecker oder Bad-Ischl-Reisende, die ihre Lehár-Diskografie erweitern möchten.

Das Lehár Festival Bad Ischl wagt sich immer wieder auch an vergessene Operetten – nicht nur von Lehár, sondern auch von seinen Zeitgenossen. Dass diese Mitschnitte mittlerweile regelmäßig auch beim Label cpo erscheinen, ist ohne Frage zu begrüßen. Auf diese Art und Weise sind endlich auch unpopuläre Titel auf Tonträger greifbar und machen hin und wieder Lust auf weitere Produktionen dieser Raritäten. Von künstlerischer Seite sind freilich nicht alle Bad Ischler Mitschnitte von solcher Güte, dass man sie zwingend konservieren müsste, aber allein die wiederbelebten Operettentitel rechtfertigen eine Veröffentlichung.

Im Sommer 2016 stand in Bad Ischl Franz Lehárs frühe Operette 'Die Juxheirat' auf dem Spielplan. Genau ein Jahr vor seinem Welterfolg mit der 'Lustigen Witwe' markiert bereits die 'Juxheirat' den Übergang ins ‚goldene Operettenzeitalter’. Vor allem die Musik atmet schon jenen Salonduft, der mit der 'Lustigen Witwe' oder dem 'Graf von Luxemburg' in die Operettentheater einziehen soll. Besonders die Walzermelodien bezaubern, wie im Vorspiel des zweiten Aktes oder im Lied des Arthur. Der Dirigent Marius Burkert und sein Franz Lehár-Orchester kennen sich auch bestens mit der leichten Muse aus. Mit federnder Leichtigkeit und zugleich süffigem Streicherklang lassen sie die Partitur aufblühen, bleiben dabei aber unprätentiös und direkt – das macht dieses Orchester und seinen Leiter ungemein sympathisch.

So sehr die Musik der 'Juxheirat' aufhorchen lässt, so bemüht ist das Libretto: eine eher weniger turbulente Verwechslungskomödie mit Geschlechtertausch und Liebeleien. Für das Uraufführungsjahr 1904 modern, wenn nicht sogar visionär, ist das Thema der Frauenbewegung. Die weibliche Hauptfigur ist nämlich Mitglied des Bundes ‚FVM – Frei vom Mann’. Doch was als Emanzipationsaufschrei beginnt, endet im übers Knie gebrochenen Liebesgurren. Gespickt ist die 'Juxheirat' mit unendlich vielen Zitaten und Anspielungen von Richard Wagner über Johann Strauß bis Leo Fall. Und sie hat ein paar wirklich schöne Rollen zu verzeichnen, die ihre Bühnenwirksamkeit nicht verfehlen. Allen voran zieht die für Alexander Girardi konzipierte Partie des Chauffeurs Philly die Aufmerksamkeit auf sich. In Bad Ischl verkörpert dieses Energiebündel Christoph Filler. Er überzeugt auf ganzer Linie mit seinem klangvollen Spieltenor, der guten Artikulation und einem untrüglichen Gespür für Pointen und Timing. Ebenso beeindruckend die Sopranistin Sieglinde Feldhofer als Phoebe, die im Duo mit Filler dieses quirlige Buffo-Paar komplettiert.

Mit Maya Boog steht in der Hauptpartie der Männer abweisenden Witwe Selma eine stimmstarke Persönlichkeit zur Verfügung. Ihre Mittellage ist klangvoll, in der Höhe verfügt sie über die notwendigen Farben und ihre Stimme verströmt trotz des kühlen Charakters die große Wärme einer Operetten-Primadonna. Auffällig ist ihre Fähigkeit, auch in den Musiknummern dialogisch zu agieren, wirklich Inhalte zu transportieren und nicht in selbstgenügsame Melodienseligkeit abzugleiten. Leider ist ihr Tenorpartner alles andere als adäquat. Jevgenij Taruntsov scheint in Bad Ischl ein beliebter Gast zu sein, aber für eine CD-Veröffentlichung reicht seine gesangliche Leistung hier nicht aus. Schon im Auftrittslied des Harold quält sich der Sänger mit der Tessitura, hat Mühe, die geforderten Töne zu erreichen. Von lyrischem Schmelz oder einem sauberen Legato kann auch im Verlauf der Aufführung keine Rede sein. Vielleicht war Taruntsov zum fraglichen Zeitpunkt indisponiert – man kann es bei der ohrenfälligen Ermüdung seiner Stimme nur hoffen.

Von den übrigen Solisten fallen noch der perlende und glockenklare Sopran von Ilia Staple als Edith und der Arthur von Alexander Kaimbacher auf. Der Tenor bewegt sich klanglich zwar an der Grenze zum Charakterfach, er legt aber so viel Schmelz und Zartheit in seinen Gesang, dass er fast alle anderen männlichen Kollegen stilistisch in den Schatten stellt. Auch Gerhard Ernst in der Rolle des Milliardärs Brockwiller ist ein erfahrener Stilist, aber stimmlich hat er die besten Jahre definitiv hinter sich. Rita Peterl als Euphrasia und Anna-Sophie Kostal als Juliane ergänzen das ansonsten homogene Ensemble, das im Übrigen durchweg sehr lebendige und gut gearbeitete Dialoge spricht. Schade nur, dass diese tontechnisch beim vorliegenden Livemitschnitt sehr in den Hintergrund rücken.

Diese 'Juxheirat' ist wieder mal was für Entdecker oder Bad-Ischl-Reisende, die ihre Lehár-Diskografie erweitern möchten. Ansonsten bleibt nach dem Hören trotz effektvoller Passagen auch viel Verständnis dafür zurück, dass diese Operette keine große Aufführungsgeschichte zu verzeichnen hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Lehár, Franz: Die Juxheirat

Label:
Anzahl Medien:
cpo
1
EAN:

761203504923


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Jubel und Ruhe: Warum Hausegger ein so vielgestaltiger Komponist ist, dessen Wiederentdeckung sich durchaus lohnt, wird auch in dieser Einspielung wieder deutlich. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Vielleicht zu Recht vergessen: Als Raritätensammler ist man dankbar, diese vielleicht zu Recht vergessene Suppé-Oper einmal hören zu können. Im CD-Regal oder gar in kommenden Spielplänen braucht man den 'Heimkehrenden Matrosen' aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Das Chambre séparée bleibt heute leer: Diese Produktion von Heubergers 'Opernball' setzt leider keine Maßstäbe. Sie ist achtbar, wenn auch nicht von besonderem Esprit getragen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Markante Eleganz: Juan Diego Flórez legt mit seinem ersten Mozart-Album einen überzeugenden Startschuss für hoffentlich folgende Rollendebüts vor. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Vielleicht zu Recht vergessen: Als Raritätensammler ist man dankbar, diese vielleicht zu Recht vergessene Suppé-Oper einmal hören zu können. Im CD-Regal oder gar in kommenden Spielplänen braucht man den 'Heimkehrenden Matrosen' aber nicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Schwermütiger Liebestraum: Von 'La Rondine' gibt es alles andere als zu viele Aufnahmen, weshalb diese Neuerscheinung eine wirklich willkommene und gelungene Ergänzung darstellt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Für Tournee und Touristen?: Muss man das verstehen? Innerhalb kürzester Zeit kommen gleich drei verschiedene Versionen von Bruckners Vierter Symphonie heraus, dirigiert von Christian Thielemann. Ist seine Interpretation so genial, dass sie das rechtfertigt? Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Kunst des Sich-Fügens?: Die ultimative, einzig wahre Aufführung eines rätselhaften Werkes? Mit diesem Anspruch kommt eine Neuaufnahme daher (mit mehr als zwanzig Jahren Vorlauf). Überzeugend? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Der Unbekannte Wagner: Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Dank an das Leben

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Liszt: Sonate für Klavier h-Moll (S 178) - Lento assai - Allegro energico

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich