> > > Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 3
Freitag, 22. September 2017

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 3

Drängende Zurückhaltung


Label/Verlag: Channel Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine mustergültige Dritte von Mahler liefern Iván Fischer und das Budapest Festival Orchestra.

Langsam, aber stetig schreitet Iván Fischers 2005 (!) begonnener Mahler-Zyklus mit ‚seinem‘ Budapest Festival Orchestra auf SACD voran. Für Mahlerianer dürfte jede Veröffentlichung ein Grund zur Freude sein, ist der Orchestererzieher Fischer mit seinem Sinn für maximale Klangbalance und seinem wachen Blick doch ein Garant für audiophile Ergebnisse. Viel klarer, wenn auch nicht unbedingt am expressivsten, dürfte der Mahlerklang auf Tonträger kaum werden. Das liegt nicht zuletzt auch an Channel Classics’ Aufnahmetechnik. Sogar das beim Mastering verwendete Tonkabel wird im Booklet angegeben. Und auch die Akustik im Budapester Palast der Künste wird Mahlers Orchesteraufstellung mitsamt räumlichen Effekten gerecht. So klingt das Posthorn im dritten Satz tatsächlich so fern, dass man genau hinhören muss. Gerade die extra bunt instrumentierte und mit unzähligen farblichen, gestischen und dynamischen Besonderheiten aufwartende Dritte Sinfonie in d-Moll eignet sich also für den Detailarbeiter Fischer ideal.

Rasch wird klar, dass der klangästhetische Primat der Streicher, der in einigen älteren romantisierenden Interpretationen noch manche Einzelheit z. B. in den Holzbläsern verdeckte, hier ausgedient hat. Zwar klingt das Kantabile der Streicher im Schlusssatz durchaus 'empfunden', Fischer hält sich jedoch an Mahlers dynamische Vorgaben und lässt oft ‚flüstern’ und stellt das dichte Gewebe der Stimmen in den Vordergrund. Wirklich laut wird es selten, etwa auf dem Höhepunkt der ersten Abteilung. Überhaupt wird dem reichen Ausdrucksspektrum, wie es Mahler notierte, durchweg entsprochen, sodass man all die Adjektive in der Partitur wie 'drängend', 'zurückhaltend', 'schwungvoll', 'sich verlierend' tatsächlich auch zu hören meint, in all ihrer Gegensätzlichkeit. Dass sich Fischer zum Glück nicht sklavisch an die Vorgaben hält (falls das bei Mahler überhaupt geht) macht sich etwa zu Beginn des Nietzsche-Nachtliedes bemerkbar, wenn er die ‚rollenden’ Viertel zu Beginn in den tiefen Streichern um einiges schneller nimmt als 'Sehr langsam', damit aber einen verblüffenden Effekt erzielt. Gerhild Rombergers klar verständlicher und tief dringender Alt-Vortrag bleibt dabei angenehm weich, ist aber nicht ohne Drängen. Den perfekten Gegensatz dazu bilden dann der Chor des Bayerischen Rundfunks zusammen mit dem Cantemus Kinderchor, die klar voneinander abgesetzt sind, und sich wie Puzzleteile wunderbar ins Gesamtbild fügen, und das 'kecke' Bild der Engel stimmlich pointiert umsetzen.

Manchmal vielleicht würde man sich im Orchester noch etwas mehr Übertreibung im Ausdruck wünschen. Klar, die ‚herabstürzenden’ Blechbläserfiguren samt Kontrabasstuba fahren in die Magengrube, und die aufeinanderprallenden Märsche in der ersten Abteilung stiften ordentlich Chaos. Insgesamt aber entsteht nie der Eindruck, als ob Fischer tatsächlich loslassen würde. Das ist vielleicht auch gut so, denn auf diese Weise bleibt die maximale Übersicht erhalten. Auf der anderen Seite aber wirkt das Ganze womöglich einen klitzekleinen Tick zu distanziert beziehungsweise unwuchtig. Letztendlich ist das aber eine Frage des Geschmacks. Dass sich das Budapest Festival Orchestra und Iván Fischer hier auf allerhöchstem Niveau bewegen, dürfte dagegen außer Frage stehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Channel Classics
2
17.05.2017
EAN:

723385388173


Cover vergössern

Channel Classics

Channel Classics Records is a quality record label based in Holland. Director, producer and recording engineer is C. Jared Sacks. Having grown up in Boston Massachusetts, schooled at Oberlin Conservatory and the Amsterdam Conservatory of music with 15 years experience playing French Horn, Jared decided to make his hobby of recording a profession in 1987. The label started in 1990 with the name Channel Classics coming from the street he lived on in Amsterdam. (Kanaalstraat).
Jared and his Dutch wife Lydi Groenewegen together with a group of assistants work closely with distributors in 37 countries to promote the artists through the CD?s.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Channel Classics:

  • Zur Kritik... Gänsehaut garantiert: Mit ihrer ersten CD liefern die vier Musiker des Dragon Quartet eine erstklassige Leistung ab. Ihre in jeder Hinsicht stimmige Interpretation zeigt, dass man auch häufig gespielte Werke immer wieder aufs Neue entdecken kann. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Leichtes, Stilles und Geistliches von Vivaldi: Leichte, zarte und meistenteils beschwingte Interpretation einiger geistlicher Werke von Vivaldi. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
  • Zur Kritik... Paris im Herzen, Europa im Klang: Die vielseitigen Musiker des Stockholm Syndrome Ensembles vertiefen sich voller Neugier in die Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts und entdecken das Pariser Lebensgefühl neu. Weiter...
    (Maxi Einenkel, )
blättern

Alle Kritiken von Channel Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Aron Sayed:

  • Zur Kritik... Retro-Chic: Konservative Lebendigkeit, die Spaß macht. Yannick-Nézet-Séguin und das Chamber Orchestra of Europe spielen die fünf Sinfonien von Felix Mendelssohn Bartholdy. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Die vierte Neunte: Historisch wertwoll mit leichter klangtechnischer Patina: Das NDR Sinfonieorchester spielt unter Kurt Sanderling Mahlers Neunte. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Unbedingt Moderne: Referenzaufnahmen unter sich: Die Michael Gielen Edition geht mit Bartók und Strawinsky in die fünfte Runde. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Aron Sayed...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Mit starkem Pinsel: Daniel Raiskin und das Staatsorchester Rheinische Philharmonie legen sich für den dänischen Sinfoniker Louis Glass voll ins Zeug und bringen das Interessante und Ansprechende dieser vielfarbigen Musik sehr gut zur Geltung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Seltene Erden: Ein Dokument des Gelingens. Weiter...
    (Dr. Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Besser als die Vorlage: Der Pianist Blazej Kwiatkowski versteht Chopins Lieder als ganz persönliche Tagebucheinträge des Komponisten. Gemeinsam mit empathischen Stimmen und begleitet auf einem Breadwood von 1847 belässt er sie in ihrer Schlichtheit. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2017) herunterladen (1880 KByte) Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Feliks Nowowiejski: Quo Vadis - Come, brothers, come, and sing to the Lord!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich