> > > Strawinsky, Igor: Kammermusikwerke für Violine Vol. 1
Sonntag, 21. Januar 2018

Strawinsky, Igor - Kammermusikwerke für Violine Vol. 1

Jede Menge Bearbeitungen - und ein Original


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ilya Gringolts und Peter Laul überzeugen mit einer Wiedergabe von Igor Strawinskys Werken für Violine und Klavier.

Mit Igor Strawinskys gesamter Musik für Violine will sich eine jüngst beim Label BIS gestartete SACD-Reihe kontinuierlich und systematisch einem bislang noch niemals vollständig erschlossenen Schaffensbereich des russischen Komponisten widmen. Der Geiger Ilya Gringolts und sein ständiger Klavierpartner Peter Laul nehmen sich im ersten Teil eine Anzahl von Werken für Violine und Klavier vor und rücken dabei zunächst einmal die die fünfsätzige Suite nach Stücken aus dem Ballett 'Pulcinella' (1925) und das anspruchsvolle 'Duo concertant' (1931/32) in den Mittelpunkt.

Die 'Pulcinella'-Suite, für den polnischen Geiger Paul Kochanski komponiert und nicht zu verwechseln mit der erst 1932/33 auf Grundlage derselben Vorlagen entstandenen 'Suite italienne', erklingt relativ selten, da sie – ganz im Gegensatz zu ihrem einfacheren (und ursprünglich für Violoncello komponierten) Schwesterwerk – die Virtuosität in den Vordergrund rückt. Gringolts ist hier ganz in seinem Element und legt eine beachtliche Lust am Vorzeigen technischer Fähigkeiten an den Tag, die – von Laul mit elastischem, dem Geiger immer Vorrang lassenden Vortrag begleitet – sich auch auf den Zuhörer überträgt. Die Brillanz und Frische des Ergebnisses vermag allerdings nicht die Problematik des Stückes zu verdecken: Dass nämlich all jene feinen Spitzen, die Strawinsky durch ganz spezielle instrumentatorische Kniffe in sein Ballett eingearbeitet hat, um die historischen Vorlagen (Stücke von Pergolesi oder ihm zur damaligen Zeit zugeschriebene Kompositionen) ironisch aufzubrechen, bei der Übertragung auf das Duo fast vollständig verloren gehen.

Dies macht letzten Endes auf die Funktion all jener hier versammelten, vom Ende der 1920er und bis in die 1930er Jahre hinein entstanden Bearbeitungen aufmerksam: Sie waren für den Komponisten ein legitimes Mittel, um Geld zu verdienen und zumindest Teile der größeren Werke in anderer Gestalt an die Öffentlichkeit zu bringen. Der daraus resultierende Zugabecharakter der aus ihren musikalischen Kontexten losgelösten Stücke macht es denn auch manchmal etwas mühsam, die Produktion in ihrer Gesamtheit anzuhören. Dass sich Strawinsky dennoch große Mühe gegeben hat, etwas von der Wirkung der ursprünglichen Versionen einzufangen, lässt sich insbesondere an den drei Stücken aus dem Ballett 'L’Oiseau de Feu' und den zwei Stücken aus der Oper 'Le Rossignol' ablesen, die alle durch einen überraschenden Klangfarbenreichtum glänzen. Die Interpreten überzeugen hier mit einem hohen Differenzierungsgrad in Bezug auf Klangfarben und Dynamik und lassen – wie auch bei ihrer rhythmisch energetischen, kantigen Umsetzung des 'Danse russe' aus 'Pétrouchka' – eine gehörige Portion Spielwitz hören.

Das 'Duo concertant', Strawinskys einziges nicht auf Bearbeitungen basierendes Originalwerk für die Duobesetzung Violine und Klavier, entstand – wie auch das 1931 komponierte Violinkonzert – für den Geiger Samuel Dushkin und stellt die Musiker vor nicht weniger hohe Anforderungen als die virtuosen Bearbeitungen: Von Anfang an geht es hier, ganz anders als in den vorwiegend auf einer Hierarchie zwischen Melodien und Begleitungen fußenden Transkriptionen, um die gleichberechtigte Behandlung beider Parts, was auch durch Herausstreichen der speziellen klanglichen Charakteristik jedes Instruments unterstrichen wird und sich kompositorisch im weitgehenden Verzicht auf die Möglichkeiten klanglicher Verschmelzung abzeichnet. Gringolts und Laul bleiben bei ihrer Auseinandersetzung mit dem Werk erstaunlich zurückhaltend, zeichnen manche Passagen ruhig und fast schon sachlich nach, was aber den wohl kalkulierten melodischen oder dynamischen Ausbrüchen umso mehr Wirkung verschafft.

Als Sammler kann man sich freuen, nun einmal all diese sonst eher schwer greifbaren Kompositionen aus Strawinskys Bearbeitungswerkstatt – darunter auch die frühe 'Pastorale' und das 'Chanson russe' aus der Oper 'Mavra' – auf einem Tonträger zusammengefasst ins Regal stellen zu können. Und sogar ein ganz besonderes Unikum ist für den interessierten Liebhaber mit dabei: Strawinskys Bearbeitung von Claude Joseph Rouget de Lisles 'Marseillaise' für Violine solo, mit der Gringolts die SACD abschließt. Auf jeden Fall verspricht die Fortsetzung der Reihe spannend zu werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strawinsky, Igor: Kammermusikwerke für Violine Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
07.06.2017
EAN:

7318599922454


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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